Wolfsichtungen

Wie sich Reiter vor Wolfsangriffen schützen können

  • Johanna Ewald
    VonJohanna Ewald
    schließen

Die Wolfsrisse in Deutschland haben drastisch zugenommen. Eine Reiterin soll in Niedersachsen von Wölfen verfolgt worden sein. Bei Pferdebesitzern wächst die Furcht.

Niedersachsen – Erst vor wenigen Tagen soll eine Reiterin in Groß Ippener von zwei Wölfen verfolgt worden sein*. Seit Mittwoch ist klar, dass die vom 11. bis 21. Oktober tot aufgefundenen Ponys und Kleinpferde in der Region Hünxe/Schermbeck* am Niederrhein durch Wolfsrisse ums Leben kamen. Doch ein vom Land Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten schließt die Entnahme aus, sprich: den Abschuss der Wölfe.

Tiere:Wolf
Wissenschaftlicher Name:Canis lupus
Höhe:80 – 85 cm (Erwachsener, Schulterhöhe)
Länge:1 – 1,6 m (Erwachsener)
Geschwindigkeit:50 – 60 km/h (Rennend)
Erhaltungszustand:Ungefährdet (Stabil)
Lebenserwartung:16 Jahre (In Gefangenschaft), 14 Jahre (In der Wildnis)
Gewicht:30 – 80 kg (Erwachsener), 23 – 55 kg (Erwachsener)

Nachrichten, die Pferdehalter beunruhigen, wie kreiszeitung.de weiß*. Gerd Sosath, Leiter des in Lemwerder liegenden Hofs Sosath, sagt: „Einmal wurde in der Nähe schon ein Wolf gesichtet. Noch haben wir nichts gemacht.“ Es sei völlig unrealistisch, großflächig überall Wolfszäune zu errichten. „Wir haben jedes Jahr 40 Fohlen und entsprechend viel Weidefläche. Das wäre viel zu viel Strom. Wir müssen es wohl oder übel riskieren, die Pferde weiterhin so rauszustellen. Anders geht es gar nicht.“ Viele seiner Kunden holten mittlerweile nachts ihre Pferde rein und sorgte sich sogar, sie tags rauszustellen.

Wie sich Pferdehalter vor Wolfsangriffen schützen können: Tierschützer reagieren nicht

„Ich hoffe, dass die Politik irgendwann ein Einsehen hat, dass die Gefahr von dem Wolf sehr, sehr groß ist, wenn es um Tierhaltung geht. Es werden unter anderem Lämmer und Ponys gerissen*, sie gehen elendig zugrunde, aber kein Tierschützer sagt etwas. Das verstehe ich nicht.“ Seine Forderung: Die Population des Wolfes regulieren, sprich: zur Jagd freigeben. 

Hier müssen wir zu vernünftigen, akzeptablen Lösungen zwischen Politik, Tierschützern und Weidetierhaltern finden. 

Soenke Lauterbach, FN-Generalsekretär 

Ähnlich sieht es auch der Dachverband der Züchter, Reiter, Fahrer und Voltigierern, kurz FN. „Der Wolf kehrt seit einigen Jahren nach Deutschland zurück, das ist die Realität. Diese Rückkehr ist akzeptabel, solange sie nicht auf Kosten anderer Tiere geht, etwa Weidetieren. Das ist aber im Moment leider der Fall. Wir haben zu viele Risse von Schafen, Ziegen, Rindern und auch Pferden. Da müssen wir andere Lösungen finden“, so FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach.

Reiter fürchten sich vor Wolfsangriffen

Auch er bestätigt, dass viele Pferdehalter ihre Pferde nachts und teilweise auch tagsüber nicht mehr auf die Weide oder in den Paddock bringen, weil sie sich nicht trauen würden.

„Sie sehen die realistische Gefahr von Wolfsangriffen und Wolfsrissen. Hier handeln wir eigentlich tierschutzwidrig, denn es gehört zum Anrecht unserer Pferde, dass sie draußen gehalten werden können. Wir müssen vernünftige, akzeptable Lösungen zwischen Politik, Tierschützern und Weidetierhaltern finden“, fordert Lauterbach. Diese Lösung könne nicht sein, ganz Deutschland mit Zäunen zuzupflastern, denn das würde auch viele andere Wildtierarten zu sehr beeinträchtigen. „Und würde einen Riss durch die deutsche Natur bedeuten.“

Teuer: Schutz der Pferde vor dem Wolf

Doch wie können Reiter ihre Pferde nun schützen? „Es gibt zwei Möglichkeiten, die erste ist das Einstallen. Vor allen Dingen nachts“, erklärt Bernhard Feßler, Leiter des Hauptstadtbüros der FN. Das sei bei Haltungsformen wie der Weide- oder Offenstallhaltung allerdings nur schwer umsetzbar. „Die zweite Möglichkeit ist das Errichten eines Zauns.“ Einen doppelten Zaun, wie es zum Schutz gegen Wölfe nötig wäre, gäbe es in handelsüblichen Märkten gar nicht.

„Hinzu kommt der unfassbar gestiegene Preis für Baumaterialien, vor allen Dingen Holz. Nicht jeder Stall kann sich einen Eichenzaun leisten.“ Der Preis für einen Meter Zaun mit vier Litzen, der 130 Meter hoch ist, läge schon bei 200 Euro. „Über diese Höhe springen einige Pferde mit Leichtigkeit drüber“, so Feßler. Also benötige man teilweise noch höhere Zäune.

Schutz vor Wölfen: Keine Ausritte bei Dämmerung

Herdenschutzhunde, wie es auch vom Land Niedersachsen empfohlen wird, seien zur Wolfs-Abwehr bei Pferden gänzlich ungeeignet. „Die Gefahr ist zu groß, dass sie von einem Pferd getreten werden, wenn sie mit auf der Wiese leben. Die Haltung dieser speziellen Hunde ist eine Aufgabe für sich“, begründet er.

Generell müssten sich Pferdehalter beim Ausreiten nicht vor Wölfen fürchten. Wölfe seien grundsätzlich eher scheu. „Allerdings sollte man insbesondere in der Dämmerung keine Ausritte in Gebiete machen, wo sich bereits Wölfe an Weidetieren vergriffen haben.“

Kommt es dennoch zu einer Begegnung, rät der Diplom-Politologe, ruhig zu bleiben. „Der Wolf ist ein Hetztier. Wenn er merkt, dass die potenzielle Beute Panik bekommt, will er es hetzen.“ Mit dem Handy solle man eine Notfallnummer wählen. Klatschen und Schreien nur, wenn das Pferd dabei ruhig bleibt. „Auf gar keinen Fall sollte man riskieren zu stürzen. Das ist die größte Gefahr, wenn der Reiter womöglich verletzt am Boden liegt.“

Wolfrisse exponentiell gestiegen

Obwohl Feßler den Wolf als „faules Tier“ beschreibt, der sich von einem Pferd-Reiter-Gespann durchaus beeindruckt lässt, fordert er eine schnelle Reaktion der Politik: „Die Wolfsrisse sind exponentiell gestiegen. 2019 waren es knapp unter 3000, 2020 hatten wir über 3000 Risse von Weidetieren, in diesem Jahr schon fast 4000.“ Das bestätigen auch Zahlen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW). „Muss erst ein Mensch zu Schaden kommen, damit die Politik reagiert?“

Eine Koexistenz mit dem Wolf sei „absolut möglich“, wenn „wir bereit sind, ein aktives Wolf-Management durchzusetzen und konsequent Bestände zu regulieren. Das bedeutet, dass wir von einer Untergrenze ausgehen. Sofern die überschritten wird, können Tiere entnommen werden.“ Dabei könne man sich an den Modellen aus Frankreich oder Schweden orientieren.

Wir können die Leute nicht in die Kriminalisierung treiben. Ein Abschuss ist nicht gestattet. Aber sie wissen sich momentan nicht anders zu helfen.

Bernhard Feßler, Leiter des Hauptstadtbüros der FN

Lange galten Wölfe in Deutschland als ausgerottet. Erst 2000 wurden die ersten Welpen in Freiheit geboren – auf einem Truppenübungsplatz in der sächsischen Oberlausitz, wie der Nabu schreibt. Seitdem erobern sich die Wölfe langsam alte Lebensräume zurück.

Das Land Niedersachsen will die Rückkehr der Wölfe unter anderem mit der Aufnahme der Art ins Jagdrecht* besser in den Griff bekommen. Auch die Landesregierung will im Bund darauf hinwirken, dass eine Untergrenze definiert wird, die für den Erhalt der Wölfe nötig sei. Jäger und Naturschützer sagen allerdings, dass die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht vergleichsweise geringe Auswirkungen hätte. Denn nach EU- und Bundesrecht sei der Wolf unabhängig vom Jagdrecht des Landes weiterhin umfassend geschützt. * kreiszeitung.de und 24Rhein.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Lino Mirgeler/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema