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Vertrag von Perejaslaw: Wie Wladimir Putin seinen Feldzug gegen die Ukraine begründet

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Von: Stefan Krieger

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Wladimir Putin ist der festen Überzeugung, dass Ukrainer und Russen schon immer ein Volk waren.

Moskau – Nachdem die Ukraine 1991 für die Unabhängigkeit gestimmt hatte, bemerkte Gennadi Burbulis, damals stellvertretender Ministerpräsident und enger Berater von Boris Jelzin, dass es „für unsere Gehirne, für unseren Verstand unvorstellbar ist, dass [die Unabhängigkeit der Ukraine] eine unwiderrufliche Tatsache sein wird“. Doch die russische Regierung widersetzte sich zu dieser Zeit den Aufrufen von hochrangigen Militärs und Politikern wie dem ehemaligen Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow, die Krim „zurückzuerobern“ oder das ukrainische Territorium „neu zu gestalten“.

Aber nicht nur Militärs und Politiker taten sich schwer damit, die Ukraine als souveränen Staat zu akzeptieren. Sogar der regimekritische Schriftsteller Alexander Solschenizyn nannte das Gerede von einem separaten ukrainischen Volk, das seit dem neunten Jahrhundert existiere, eine „kürzlich erfundene Lüge“. Er verurteilte die „grausame“ Teilung der Ukraine und Russlands und schlug die Schaffung einer „Russischen Union“ vor, die Russland (ohne den Kaukasus), die Ukraine, Weißrussland und Nordkasachstan umfassen sollte.

Putin bei Parade zum «Tag der Marine»
Wladimir Putin war schon immer gegen die Teilung der Ukraine und Russlands. © Dmitri Lovetsky

Ukraine-Krieg: Putin sieht sich als Nachfolger der Romanows

Darauf beruft sich jetzt auch Wladimir Putin und begründet so den Ukraine-Krieg. In seinem Essay über die Ukraine aus dem Jahr 2021 zitierte der russische Staatschef den Brief von Bohdan Chmelnyzky an den Zaren Alexej Michailowitsch aus dem Jahr 1654. Darin dankte er dem Zaren dafür“, „dass er ‚das ganze saporischschische Heer und die ganze russisch-orthodoxe Welt unter die starke und hohe Hand des Zaren genommen hat‘. Das bedeutet, dass sich die Kosaken in ihren Appellen sowohl an den polnischen König als auch an den russischen Zaren als russisch-orthodoxes Volk bezeichneten und definierten.“

In der zeitgenössischen russischen Geschichte werden die frühen Romanows oft als Helden dargestellt, die Russland vom Abgrund zurückholten, die Macht des Staates wiederherstellten und russische Gebiete zurückeroberten. In diesem Kontext spielt der Vertrag von Perejaslaw mit der Idee einer „rechtmäßigen Wiedervereinigung“ oder Rückgabe der Ukraine und Russlands.

Krieg in der Ukraine: Ukrainer und Russen „schon immer ein Volk“

Schulbücher, Kirchenvertreter, Fernsehdokumentationen und sogar aktuelle Telegrammposts russischer Regierungsmitarbeiter verwenden eine ähnliche Sprache, um die Idee zu verbreiten, dass Ukrainer und Russen schon immer ein Volk waren, historisch und geistig Teil einer Nation. Darauf bezieht sich Wladimir Putin immer wieder, wenn er nicht von einem Krieg, sondern einer „Spezialoperation“ spricht.

Ukraine-Krieg: Saatsfernsehen spricht von „Bürgerkrieg“

Bemerkenswerterweise scheint aber selbst das jetzt nicht mehr offizielle Sprachregelung zu sein. Die Chefredakteurin des russischen Staatsfernsehens RT, Margarita Simonjan, hat erst im Juni direkt nach einem Treffen mit Putin in einer Talkshow im russischen Fernsehe eine neue Theorie zum Ukraine-Krieg verbreitet. „Es ist offensichtlich für jeden, dass es keinen Krieg zwischen Russland und der Ukraine gibt. Das ist nicht einmal eine Spezialoperation gegen die ukrainische Armee. Das ist ein Bürgerkrieg in der Ukraine“, soll die RT-Chefredakteurin nach Angaben des US-Nachrichtenportals Dailybeast behauptet haben.

„Ein Teil der Ukrainer, die russenfeindlich und antirussisch sind – so wie die Faschisten antisemitisch waren – zerstört einen anderen Teil seines eigenen Volkes. Russland unterstützt lediglich eine Seite dieser Kriegsparteien“, so Simonjan. Die damit ganz sicher nicht gegen die Doktrin von Wladimir Putin argumentiert hat. (Stefan Krieger)

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