Schärferer Ton im Wahlkampf

So will Schulz Merkel aus der Komfort-Zone drängen

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Es kann nur eine(n) geben: Angela Merkel und Martin Schulz buhlen um die Stimmen der Wähler.

Der Wahlkampf wirkt wie weichgespült - die Kanzlerin lässt die Angriffe ihres Herausforderers an sich abperlen. Nun probiert es Martin Schulz mit einem Frontalangriff auf Angela Merkel.

Berlin - Vier Wochen vor der Bundestagswahl ändert Martin Schulz seine Strategie. Im ARD-Sommerinterview am Sonntag gibt der SPD-Kanzlerkandidat seine bisherige Zurückhaltung auf. Er wirkt aggressiv und wird jetzt auch persönlich. Schulz wirft Kanzlerin Angela Merkel vor, sie sei „abgehoben“. Die CDU-Politikerin kusche vor dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und habe in Sachen Elektromobilität „keinen Plan“.

Viel Wirkung zeigt das erstmal nicht, Merkel lässt ihren Herausforderer erneut ins Leere laufen. Schulz muss damit kämpfen, dass ein Merkel-Interview im ZDF nach seinem in der ARD aufgezeichnet wird. Ein taktischer Vorteil für die Kanzlerin: Sie kann sich ihre Antwort auf Schulz gut überlegen. Als Moderatorin Bettina Schausten Merkel nach fast 18 Minuten Frage-Antwort-Ping-Pong ohne große Neuigkeiten auf die Schulz-Anwürfe und ihre Taktik anspricht, noch nicht einmal seinen Namen in den Mund zu nehmen, kontert Merkel locker: Noch sei sie ja gar nicht nach Martin Schulz gefragt worden.

So nah kamen sie sich zuletzt selten: Angela Merkel und Martin Schulz wählten im Februar SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten.

Merkel spielt Amtsbonus aus

Die spitze Frage, ob sie glaube, dass der SPD-Mann ein guter Kanzler wäre, übergeht die CDU-Chefin dann, logisch. Merkel spielt mal wieder ihren Amtsbonus aus: Sie versuche, ihrem Amtseid „wirklich gerecht zu werden - dem Wohle des deutschen Volkes zu dienen. (...) Und das bedeutet: Den Menschen im Lande zu dienen.“ Sie übe ihr Amt gerne aus, da verstehe es sich doch von selbst, dass sie im Wettbewerb mit Schulz stehe. Sie stelle sich im Wahlkampf den Menschen, die müssten am 24. September ihre Entscheidung treffen. Punkt. Nächstes Thema.

So ganz nebenbei räumt Merkel in dem Interview die Debatte um die Zukunft des Diesels und des Verbrennungsmotors vorerst ab - akut stelle sich die Frage nach einem konkreten Datum für das Aus dieser Antriebstechniken gar nicht. Wenn schon, dann vielleicht in Jahrzehnten. Sogar das Ende des Jahrhunderts lässt die Kanzlerin in diesem Zusammenhang als Datum fallen. „Es hat keinen Sinn, jetzt die Menschen zu verunsichern“, sagt sie kurz.

Merkel will illegale Migration reduzieren

Kanzlerin weicht Frage nach Nachfolgerin aus

Und auch beim üblichen Spiel mit künftigen Schlagzeilen lässt sich Merkel nicht aus der Reserve locken. Auf die Frage, ob sie sich beim übernächsten CDU-Wahlparteitag im Jahr 2020 für die Unions-Hoffnung, Saarlands Regierungschefin Annegret Kramp-Karrenbauer, als Nachfolgerin einsetzen werde, meint sie schlicht, die Frage stelle sich heute nicht. „Ich hoffe, dass ich dann weiter Parteivorsitzende bin. Und dann schau'n wir mal.“ Und auch die Frage nach einer möglichen Schlagzeile vom 1. April 2022: „Kochbuch statt Biografie - Ex-Bundeskanzlerin Merkel veröffentlicht ihre besten Rezepte“ räumt Merkel ab: „Vielleicht mache ich das schon vorher.“

Schon am Nachmittag hat Merkel eine Art Heimspiel. Gut gelaut plaudert sie da beim Tag der offenen Tür im Kanzlergarten mit Fußball-Weltmeister Sami Khedira. Die Kanzlerin weiß: Fußballer sind Sympathieträger, vielleicht fällt nebenbei ja auch etwas Sympathie für sie selbst ab. „Es ist ja schon wie eine Tradition, dass ich einen engen Draht zur Nationalmannschaft habe“, sagt Merkel.

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Einziges TV-Duell am kommenden Sonntag

Doch zurück zum TV-Schlagabtausch zwischen Merkel und Schulz - es wirkt wie eine Art Warmlaufen vor dem ersten und einzigen TV-Duell der beiden am kommenden Sonntag. Dass Schulz jetzt nicht nur die Union kritisiert, sondern den Frontalangriff auf Merkel wagt, dürfte auch eine Reaktion auf die jüngsten Umfragen sein. Sie sehen die Union bei 39 Prozent, während die Sozialdemokraten zwischen 22 und 24 Prozent stagnieren. Allerdings haben sich schon einige Merkel-Widersacher mit dieser Strategie eine blutige Nase geholt.

Doch was sollte Schulz sonst tun? Die Themen-Ballons, die er bisher steigen ließ, verschwanden oft schon nach wenigen Stunden weitgehend unbemerkt am Horizont - von der EU-Quote für Elektroautos bis hin zu seinen Ratschlägen zum richtigen Umgang mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Am Montag will Schulz einen Vorschlag für eine „Nationale Bildungsallianz“ präsentieren. Es geht um einheitliche Bildungsstandards. Das Thema nervt viele Eltern, die schon mal mit Schulkindern von Bundesland zu Bundesland umgezogen sind. Doch schon ganz andere haben sich eine blutige Nase bei den Länderfürsten geholt: Bildung ist Ländersache.

Die Kanzlerin und ihr Herausforderer: Auf Wahlplakaten sind Angela Merkel und Martin Schulz omnipräsent.

Schulz freut sich über Gabriel-Lob

Schulz muss sich auch mit Außenminister Sigmar Gabriel arrangieren, der manchmal wie der eifrigere Wahlkämpfer wirkt. Machen sich da zwei SPD-Alphatiere den Markt der Aufmerksamkeit streitig? Schulz sagt, nein. „Sigmar Gabriel und ich stimmen uns in jedem Punkt ab.“ In einem Interview habe ihn Gabriel neulich sogar über den grünen Klee gelobt, „das fand ich ganz toll“.

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Auch andere Genossen schießen quer. SPD-Fraktionsvize Eva Högl spricht sich im RBB dafür aus, im Falle einer Wahlniederlage notfalls auch als Juniorpartner der Union wieder in eine große Koalition zu gehen. „In der Opposition setzt man natürlich gar nichts durch. Opposition ist immer das Schlechteste.“ Ganz nach dem Motto des früheren SPD-Chefs Franz Müntefering: „Opposition ist Mist.“ Ob das Frontmann Schulz gefallen kann? Er lässt keine Gelegenheit aus, um den Halbsatz „wenn ich Kanzler bin“ einzuflechten.

Merkel und Schulz wissen beide: In den nächsten vier Wochen kann noch viel passieren. Denn nach Angaben der Meinungsforscher hat fast jeder zweite Wähler noch nicht entschieden, wo er sein Kreuz machen wird. Auf diese Unentschiedenen hofft Schulz. Er sagt: „Da will ich ran.“ Er klingt kämpferisch. Aber auch ein wenig verbissen.

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dpa

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