Langzeitfolgen nach einer Corona-Infektion

Long-Covid: Gefahr für Kinder und Jugendliche – Experten warnen

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Kinder und Jugendliche haben meistens einen milden Verlauf, wenn sie an Corona erkranken. Doch die Langzeitfolgen einer Covid-19-Infektion sollten nicht unterschätzt werden.

Mit der Zunahme der Corona-Ansteckungen bei Kindern und Jugendlichen sind auch mehr Langzeitfolgen zu erwarten — welche nicht ganz ungefährlich sind. Spätfolgen nach einer Corona-Infektion treten bei zehn bis 20 Prozent der Infizierten auf. „Wir rechnen durch die Lockerungen der Maßnahmen mit mehr Betroffenen mit meist diffusen, länger anhaltenden gesundheitlichen Problemen“, sagte Markus Hufnagel vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Freiburg gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Eine Corona-Infektion kann Betroffene längerfristig einschränken, lange über die akute Erkrankung hinaus. Mediziner sprechen dann vom Long-Covid- oder Post-Covid-Syndrom. „Noch gibt es relativ wenige Daten dazu — vor allem fehlen aber noch systematische Langzeitstudien“, sagt die Neurologin Prof. Kathrin Reetz von der neurologischen Klinik der RWTH Aachen.

Corona-Infektion: Langzeitfolgen bei Kindern sollten nicht unterschätzt werden

Corona-Infektionen an sich laufen bei Kindern oft symptomlos ab, schwere Krankheitsverläufe sind auch bei Jugendlichen eher selten. Von Spätfolgen wird dennoch auch bei Minderjährigen berichtet: Diese setzen manchmal erst Monate nach der Infektion ein oder verschlechterten sich.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) verwies in einer Pressekonferenz am 21. Mai auf Daten der Deutschen Gesellschaft der Pädiatrischen Infektiologie. Insgesamt 1.522 Kinder und Jugendliche bis 19 Jahren (Stand 16. Mai) mussten bislang in Deutschland wegen Long-Covid stationär aufgenommen werden, fünf Prozent davon wurden intensivmedizinisch behandelt.

Long-Covid bei Kindern und Jugendlichen nicht ungefährlich — Mediziner warnen

Mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen sowie Schul- und Kita-Öffnungen rücken mögliche Spätfolgen der Infektion in den Fokus. Seit Wochen steigen die nachgewiesenen Corona-Fälle bei Kindern und Jugendlichen nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) an. „Das Krankheitsbild ist sehr variabel“, erläutert Hufnagel. Das sind mögliche Symptome von Long-Covid, die auch in Kombination auftreten können:

  • chronische Erschöpfung, anhaltende Müdigkeit
  • Leistungsminderung, geringe Belastbarkeit, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen
  • neurologische Probleme wie Gedächtnisverlust und Wortfindungsstörungen
  • Gelenk- und Muskelschmerzen
  • Hautveränderungen
  • anhaltende Geruchs- und Geschmacksverlust
  • Atembeschwerden, Atemnot
  • Kreislaufprobleme
  • Schlafstörungen

„Generell sind die Symptome nicht Sars-CoV-2-spezifisch. Das heißt, wir kennen solche anhaltenden gesundheitlichen Einschränkungen auch von anderen Virusinfektionen wie dem Pfeifferschem Drüsenfieber“, betonte Hufnagel. Das Problem dürfe nicht unterschätzt werden: Je höher die Fallzahlen insgesamt sind, desto größer werden auch die Zahlen der Lange-Leidenden.

„Das Problem wird derzeit eher größer als kleiner, wir sehen schon jetzt deutlich mehr Post-Covid-Fälle“, sagte Hufnagel. „Das sind eher Patienten im Jugendalter; Fälle in den ersten zehn Lebensjahren sind deutlich seltener.“ In der Regel hätten Eltern den Verdacht auf einen Zusammenhang mit einer Corona-Infektion, teils gebe es auch schon einen Antikörpernachweis.

Da für Kinder und Jugendliche noch keine Covid-19-Impfstoffe zugelassen sind, zählen sie zu den Gruppen, die noch einige Monate empfänglich für das Coronavirus sein werden. Derzeit ist die Zulassung des Corona-Impfstoffes von Biontech bei Kindern ab zwölf Jahren heiß in der Diskussion.

Fast jeder dritte Erwachsene leidet an Spätfolgen nach einer Corona-Infektion

Eine Studie, bei der Haushalte mit Corona-Fällen über längere Zeit begleitet wurden, habe gezeigt, dass fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 14 Jahren drei Monate nach der Infektion noch mindestens ein Symptom aufwiesen. Bei Erwachsenen betreffe es hingegen bis zu jeden Dritten, schilderte Hufnagel.

Beim Auftreten der Spätfolgen spielt nach Einschätzung Hufnagels auch die generell belastende und ermüdende Pandemiesituation eine Rolle — nicht nur das Virus allein. „Der Lockdown ist ein großer Stressfaktor. Wenn sich die Pandemiesituation bessert, dürften zumindest bei einem Teil der Betroffenen auch die Ermüdungsanzeichen besser werden.“

Was können Betroffene mit Long-Covid gegen die Spätfolgen unternehmen?

Für Betroffene ist die erste Anlaufstelle idealerweise eine sogenannte Post-Covid-Sprechstunde, die es unter anderem bereits an verschiedenen Universitätskliniken gibt. Dort können die geschilderten Probleme durch erfahrene Mediziner eingeordnet und objektiviert werden - zum Beispiel bei wahrgenommenen Riechstörungen durch die Durchführung von Riechtests oder bei Gedächtnisstörungen durch eine neuropsychologische Testung.

„Das ist wichtig, da es durchaus auch zu Unterschieden zwischen der eigenen Wahrnehmung der Beschwerden und der Objektivierung dieser kommen kann“, erläutert Prof. Dr. med. Kathrin Reetz, die auch Vizepräsidentin der Deutschen Hirnstiftung ist der dpa. „Nach der Einordnung der Beschwerden, kann dann gegebenenfalls auch eine Therapie erfolgen — ob man gegen Schmerzen zum Beispiel Medikamente verordnet oder bei Konzentrationsschwäche ein neuropsychologisches Training oder Ergotherapie.“

Prof. Dr. Kathrin Reetz ist Neurologin an der Neurologischen Klinik der RWTH Aachen.

Sie hält es für hilfreich, wenn Betroffene ein Symptom-Tagebuch führen, das können auch Eltern für ihre Kinder übernehmen. „Der Verlauf von Beschwerden, gerade auch, wenn sie schwankend sind, lässt sich damit besser nachvollziehen.“ Das hilft den Medizinern bei der Einschätzung.

Die Dauer und Ausprägung der Long-Covid-Symptome kann sehr stark von Patient zu Patient variieren. „Es ist jetzt noch zu früh, Vorhersagen zu treffen“, sagt Reetz. „Manche Patienten von uns aus dem Frühjahr haben noch immer diese Symptome, bei anderen ist es schnell besser geworden. Wir brauchen hier einfach noch mehr Langzeitstudien, um darauf eine Antwort geben zu können.“

Rubriklistenbild: © Mascha Brichta

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