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Merkel, Wulff, Habeck: Deutschlands „eng verzahnte“ Connection nach Katar

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Von: Andreas Schmid

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Vizekanzler Robert Habeck und Scheich Mohammed bin Hamad bin Kasim al-Abdullah Al Thani, Minister für Handel und Industrie von Katar.
Die deutsche Politik zu Gast am Golf: Vizekanzler Robert Habeck und Scheich Mohammed bin Hamad bin Kasim al-Abdullah Al Thani, Minister für Handel und Industrie von Katar. © Bernd von Jutrczenka/dpa (Montage)

Führende deutsche Politiker und ihre Beziehungen mit dem katarischen Emir: Es gibt stets viel zu besprechen – denn das Verhältnis wird immer enger.

Berlin/Doha – Höher, schneller, weiter, reicher. Katar boomt. Nach kaufkraftbereinigtem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist Katar das viertreichste Land der Welt. Das liegt an den Bodenschätzen Erdöl und Erdgas sowie an engen wirtschaftlichen Beziehungen zum Westen. Diese fördert auch die deutsche Politik.

Deutsch-Katarische Beziehungen: Das Emirat als „Hoffnungsträger“?

Experten sprechen bei Merkur.de von IPPEN.MEDIA von einem enger werdenden Verhältnis zwischen Deutschland und Katar. „Es entwickelte sich in den vergangenen 25 Jahren konstant weiter“, sagt Bettina Gräf vom Institut für den Nahen und Mittleren Osten an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Erkennen würde man das etwa in der Energiepolitik.

Der Nahost-Experte Sebastian Sons sagte zuletzt im Sportausschuss des Bundestags: „Katar ist kein Partner der Wahl. Katar ist ein Partner der Notwendigkeit.“ Mittlerweile ist Deutschland stark auf den Wüstenstaat angewiesen. Der Westen hatte allerdings durchaus eine Wahl – diese nur nicht genutzt.

Wulff in Katar: Einflussnahme auf die Fifa-Vergabe? „Deshalb haben wir diese WM“

In der Vergangenheit machten sich etliche bedeutende Politiker auf den Weg ins 4500 Kilometer von Berlin entfernte Doha – egal welcher politischen Couleur. In seiner Funktion als niedersächsischer Ministerpräsident sprach Christian Wulff über Geschäfte zwischen Katar und Volkswagen. Als der CDU-Politiker 2010 zum Bundespräsidenten aufstieg, lud er den katarischen Emir prompt nach Berlin ein. Es sollte nicht der einzige Besuch bleiben. Im Jahr 2010 intensivierte Wulff seine Beziehungen zu Katar, also in dem Jahr, in dem Katar die Fußballweltmeisterschaft zugesprochen wurde.

Der frühere Fifa-Präsident Sepp Blatter wirft Wulff direkte Einflussnahme vor. „Die Herren Sarkozy und Wulff haben versucht, ihre Wahlmänner zu beeinflussen. Deswegen haben wir jetzt eine WM in Katar“, sagte Blatter 2015 der Welt am Sonntag. Der Schweizer Politiker Andreas Gross sagt Merkur.de, dass Wulff vor der WM-Vergabe Kontakt zu Blatter gesucht habe. Der Fifa-Chef solle doch für Katar stimmen. Das habe Blatter dem sozialdemokratischen Politiker bestätigt. Die beiden Schweizer kennen sich seit Jahren.

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Hintergrund sind laut Gross wirtschaftliche Aspekte: „Deutschland und Frankreich hatten ein großes Interesse an der WM in Katar, weil damit Aufträge in Höhe von mehreren Milliarden Euro an Firmen der beiden Länder verbunden waren.“ Auf Merkur.de-Anfrage dementiert Christian Wulff politische Einflussnahme. Er habe als niedersächsischer Ministerpräsident niedersächsische Interessen vertreten und als Bundespräsident deutsche. „Der Sport ist in Deutschland zu recht frei und unabhängig.“

Bundespräsident Wulff in Katar (Archivfoto)
Christian Wullf auf eine seiner Reisen nach Katar. Auch in seiner Biografie dementiert der Bundespräsident a.D. politischen Einfluss auf die WM-Vergabe ausgeübt zu haben. © Wolfgang Kumm/picture alliance

Merkel in Katar: „Deutschland möchte Anteil an Projekten haben“

Altkanzlerin Angela Merkel jettete 2010 nach Katar. Mit einer prominenten Wirtschaftsdelegation im Rücken lobte die CDU-Politikerin „beeindruckende Projekte“ am Golf. „Die deutsche Wirtschaft möchte an diesen Projekten natürlich Anteil haben.“ So kam es auch. Deutschland ist nach den USA und China der wichtigste Handelspartner Katars.

Merkel suchte öfter den Kontakt zum Emirat, genehmigte Waffenlieferungen und unterstützte wirtschaftliche Beziehungen, etwa mit der deutsch-katarischen Wirtschaftskonferenz. Am Rande des Treffens kündigte Emir Al Thani an, Katar wolle in den nächsten fünf Jahren zehn Milliarden Euro in Deutschland investieren. „Ich freue mich natürlich, Hoheit, über das Interesse, das Katar an Deutschland zeigt“, entgegnete Merkel auf der Veranstaltung.

Angela Merkel und Scheich Tamin bin Hamad Al Thani im Jahr 2018 auf der deutsch-katarischen Wirtschaftskonferenz.
Angela Merkel und Scheich Tamin bin Hamad Al Thani im Jahr 2018 auf der deutsch-katarischen Wirtschaftskonferenz. © Bernd von Jutrczenka/picture alliance

Katar und Deutschland: Union, SPD, FDP – Politiker am Golf präsent

Um wirtschaftliche Aspekte ging es auch beim Besuch von Stephan Weil, SPD-Ministerpräsident der Autohochburg Niedersachsen. 2019 hatte er mehrere Landtagsabgeordnete von SPD, CDU und FDP und freilich auch eine Wirtschaftsdelegation mit dabei. Denn: Der katarische Staatsfonds hält unter anderem 17 Prozent der Stimmrechte an der Volkswagen AG. Das Land Niedersachsen besitzt 20 Prozent.

Auch Weils Parteikollege Frank-Walter Steinmeier war mehrmals in Doha. In seiner Zeit als Bundespräsident gab es eine große Golfreise und Empfänge des katarischen Emirs im Schloss Bellevue. Unter Steinmeiers Vorgänger Joachim Gauck war die katarische Herrscherfamilie ebenso ein gern gesehener Gast. Katar besuchten unter anderem auch Ex-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), der frühere Außenminister Guido Westerwelle (FDP) oder Sachsens ehemaliger Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), der Wirtschaftsdeals mit Unternehmen aus dem Freistaat förderte. Katarische Politiker waren immer wieder auch in Deutschland zu Gast. So durfte sich der Emir ins Gästebuch der bayerischen Staatsregierung eintragen.

Scheich Tamin bin Hamad Al Thani im Jahr 2014 mit dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und der bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (beide CSU).
Emir Al Thani im Jahr 2014 mit dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und der bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (beide CSU). © IMAGO/Sven Simon

Habeck in Katar: „Großartiger“ Deal beim Flüssigerdgas

Aktuellstes Beispiel der deutsch-katarischen Politik ist der Doha-Besuch von Vizekanzler Robert Habeck. Der Grünen-Politiker verkündete eine Energiepartnerschaft mit Katar – wohl auch aufgrund der Vorarbeit deutscher Politiker. „Robert Habeck hätte ohne die zuvor schon recht intensiven deutschen Beziehungen zu Katar nicht einfach nach Doha reisen und nach einer langfristigen Gaspartnerschaft fragen können“, sagt Gräf.

Mit dabei: 22 deutsche Unternehmen, vom Energieversorgungskonzern RWE bis hin zum Stahlhersteller Thyssenkrupp oder der Deutschen Bank. Ein grüner Minister Hand in Hand mit katarischen Scheichs. Das hat in der grünen Parteibasis zumindest für Irritationen gesorgt.

Habeck musste in Katar einen Spagat hinlegen: Einerseits den Emir nicht vergraulen, um den „großartigen“ Flüssigerdgas-Deal nicht zu gefährden. Andererseits die Menschenrechtsverletzungen nicht zu vergessen. Das Wirtschaftsministerium verweist auf Anfrage auf Habecks Aussagen zur humanitären Situation Katars. So habe sich die katarische Regierung „klar“ zur Verbesserung der Menschenrechtslage positioniert. Den Deal konnte Habeck eintüten, die Situation für Gastarbeiter de facto jedoch nicht verbessern.

Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist Deutschland deutlich abhängiger von Katar als Katar von Deutschland

Bettina Gräf, Nahostexpertin LMU München

Die deutsch-katarischen Beziehungen sind kein Zufall. Der Wüstenstaat ist seit Jahren ein enger Verbündeter der Bundesrepublik. Expertin Gräf attestiert Katar und Deutschland eine „eng verzahnte“ Wirtschafts- und Außenpolitik. „In den beiden Bereichen Wirtschaft und Politik agiert man weder auf europäischer, noch auf deutscher Ebene unabhängig voneinander, sondern konzertiert.“

Der Hamburger Universitätsprofessor und Experte für die Golfregion Eckard Woertz spricht bei Merkur.de von IPPEN.MEDIA von einem „unterkühlt pragmatischen“ Verhältnis. „Man braucht einander, mag sich aber nicht besonders.“ Derzeit braucht Deutschland Katar vor allem beim Flüssiggas. „Katar ist mittelfristig ein Hoffnungsträger, was die Ersetzung russischer Gasexporte betrifft.“ Dabei droht womöglich jedoch die nächste Gasabhängigkeit: „Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist Deutschland deutlich abhängiger von Katar als Katar von Deutschland“, meint Gräf.

Inside Katar

Dieser Text ist Teil der Reihe „Inside Katar“. Bis zur Fußball-WM im Winter wollen wir Ihnen regelmäßig Hintergrundberichte über die (sport)politische Lage in Katar geben - und dabei unterschiedliche Themenfelder betrachten. Falls Sie Anregungen, Themenvorschläge oder Kritik haben, melden Sie sich gerne unter andreas.schmid@redaktion.ippen.media.

Katar und der Westen: Zwei Ziele bei Partnerschaft mit Ländern wie Deutschland

Katar verfolgt bei den Partnerschaften mit westlichen Staaten wirtschaftliche und geostrategische Ziele. „Man etabliert sich als Partner, Vermittler und Übersetzer zwischen Asien und Europa, geografisch hat Katar dafür eine exzellente Lage“, sagt Gräf und nennt die Unterstützung Katars beim Abzug aus Afghanistan als Beispiel. Für das kleine Katar geht es zudem darum, sich einen Schutzpanzer gegenüber anderen, stärkeren Staaten zu verschaffen, etwa Saudi-Arabien. Deutschland und weitere westliche Staaten fungieren als solcher – als Partner, der Katar weniger angreifbar macht.

Woertz meint daher auch: „Das Verhältnis wird enger werden.“ Damit wird es auch künftig Reisen deutscher Politiker nach Katar geben. Als Nächstes steht ein Doha-Besuch von Bundessportministerin Nancy Faeser (SPD) auf dem Plan. (as)

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