Stille, Trauer, Kritik

Italien erinnert an Amatrice-Erdbeben vor einem Jahr

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Blick auf Trümmer in der Sperrzone des Zentrums der zerstörten Stadt Amatrice, aufgenommen am 01.08.2017. Foto: Annette Reuther

Es war der Auftakt einer Erdbebenserie, die einen ganzen Landstrich verwüstete. Zehntausende Menschen verloren Angehörige und ihre gesamte Existenz. Italien erinnert an die vielen Opfer des Bebens von Amatrice - und zieht eine unrühmliche Bilanz des Wiederaufbaus.

Rom (dpa) - Glockenschläge für die Toten, ein Fackelzug und ein nicht enden wollender Schmerz: Zum Jahrestag des verheerenden Erdbebens mit fast 300 Toten hat Italien der vielen Opfer gedacht.

In der besonders getroffenen Kleinstadt Amatrice kamen Bewohner und Angehörige schon in der heutigen Nacht zu einem Fackelzug zusammen. Zum Zeitpunkt des Bebens um 03.36 Uhr läuteten für die Opfer die Glocken. Bei dem Erdbeben am 24. August kamen in der Region 299 Menschen ums Leben, ganze Orte in Mittelitalien liegen immer noch in Trümmern.

"Amatrice wird wieder auferstehen. Aber es ist gut, auch die Wunden zu erhalten", sagte der Bischof von Rieti, Domenico Pompili, bei einer Messe in der Stadt, zu der auch Ministerpräsident Paolo Genitloni kam. "Auf jede Nacht folgt ein Morgen. Das ist es, was wir hoffen." Der Wiederaufbau sei möglich, aber der Ort könne nicht genauso wie vorher wieder aufgebaut werden.

Der Erdstoß der Stärke 6 war der Auftakt einer Erdbebenserie, die ganze Orte verwüstete. Immer noch bebt die Erde. Seit dem ersten Erdstoß gab es 75 000 Nachbeben, und man sei noch nicht am Ende, wie der Chef der Erdbebenwarte INGV, Carlo Doglioni, sagte. "Italien ist erdbebengefährdet, und wir müssen uns im Klaren sein, dass die Erdbeben weitergehen. Und wir müssen Angst davor haben."

Viele Bewohner kritisieren, dass der Schutt immer noch nicht weggeräumt ist. "Es gibt eine schlimme Verspätung beim Wegschaffen der Trümmer", sagte der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirozzi. Er hatte für Donnerstag einen Trauertag ausgerufen und sich Stille und Besinnung gewünscht. In der Nacht enthüllte er einen Gedenkstein für die Opfer, Angehörige legten Blumen nieder.

Unter anderem überbordende Bürokratie wird für die Verzögerungen verantwortlich gemacht. Zehntausende Häuser sind immer noch nicht bewohnbar, Schulen und Krankenhäuser zerstört. Viele der Überlebenden wohnen noch in Behelfsunterkünften, andere in selbstgezimmerten Wohnwagen, andere sind ganz weggezogen.

Das Scheinwerferlicht richtet sich vor allem auf Amatrice, gegen "Trümmertouristen" wurden bereits "No Selfie"-Schilder aufgestellt. Aber in vielen Orten drumherum ist noch gar nichts geschehen, und viele Bewohner warten noch auf ihre Übergangs-Bungalows.

Dass Italien gegen Erdbeben trotz seiner geografisch riskanten Lage nicht gut gewappnet ist, hat erst am Montag ein - relativ leichtes - Beben auf der Urlaubsinsel Ischia gezeigt. Dort gab es viele Schäden, zwei Menschen starben. Pfusch am Bau und alte, nicht erdbebensichere Häuser gelten wie in Amatrice und Umgebung als ein Grund für die verheerenden Folgen.

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