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Iranerin aus Heilbronn erlebt die WM: so viele Gefühle, so viel Wut und Hoffnung

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Von: Anna-Maureen Bremer

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Die Fußballweltmeisterschaft ist so politisch wie nie. Die iranische Nationalmannschaft verweigert aus Protest die Hymne. Wie erlebt eine Deutsch-Iranerin aus Heilbronn das alles?

„Ich sehe eine WM in einem Land ohne Menschenrechte, bei der ein Land ohne Menschenrechte antritt“, sagt eine Iranerin aus Heilbronn. Die Frau (der Name der Frau ist der Redaktion bekannt), die sich täglich mit der Situation im Iran auseinandersetzt, verrät, was Menschen in Deutschland oft gar nicht mitbekommen. Und sie berichtet von der Wut einer Generation, die mit der „tiefen Trauer ihrer Eltern aufgewachsen ist“. Sie verrät, warum sie jetzt öfter „Ich bin Iranerin“ statt „Ich bin Perserin“ sagt.

WM in Katar: Iranerin aus Heilbronn bewundert mutige Demonstranten

„Da war ein Land, in dem westliche Filme gezeigt wurde. Frauen liefen in kurzen Hosen herum. Und es wurde getanzt, was ein ganz wichtiger Teil unserer Kultur ist.“ Dass sie vom Iran spricht, würden wohl nicht viele vermuten.

Ihre Mutter ist 1971 geboren. 1979 übernahm das Mullah-Regime die Macht. „Man muss sich vorstellen, dass meine ganze Generation mit der großen Trauer ihrer Eltern aufgewachsen ist, welche sich noch an einen völlig anderen, freien Iran erinnern. In uns ist schon immer eine solche Wut auf das Regime.“ Alle, die jetzt gegen die Machthaber auf die Straße gehen, findet die Frau mutig. Und die, die sich bei der WM in Katar klar gegen das iranische Regime positionieren, bewundert sie. Aber: Mit der iranischen Nationalmannschaft ist das gar nicht so einfach.

Iranerin aus Heilbronn über die Nationalmannschaft des Irans: „Sie haben einiges gutzumachen“

„Das Team hat sich vor kurzem noch mit dem iranischen Präsidenten fotografieren lassen. Das war für alle Protestierenden wie ein Schlag ins Gesicht.“ Es habe sowohl die stark vernetzte iranischen Community außerhalb des Landes als auch die Menschen im Iran getroffen. Im Gespräch mit echo24.de sagt sie aber auch, dass es nicht so einfach ist zu sagen: „Nein, zum Fototermin mit dem Präsidenten gehen wir nicht.“ Vor der Geste, nicht zu singen, riefen Menschen von den Zuschauertribünen „Ehrenlos!“ auf Persisch.

Die Nationalhymne vor dem WM-Spiel nicht zu singen, habe aber immerhin ein gutes Zeichen gesetzt. Tatsächlich will sie die WM aber gar nicht verfolgen. „Es ist tricky“, sagt sie. „Ich wollte sie eigentlich komplett boykottieren. Aber jetzt wollen wir auch irgendwie die mutige Geste der Spieler unterstützen.“

Bei Instagram macht sie sich ebenfalls stark, bekennt sich zu den Menschen, die im Iran protestieren. Aber ist das nicht gefährlich für sie? „Durch meinen deutschen Namen bin ich etwas geschützt. Den Namen meiner Familie, die noch im Iran lebt, würde ich nie veröffentlichen.“ Für ihre Schwester sieht das ganz anders aus: Auch sie ist aktiv, trägt aber einen iranischen Namen. Einreise? Undenkbar. „Im Herzen würden wir uns wünschen, dort Seite an Seite mit den Menschen zu stehen. Aber es ist unmöglich.“ Sie zeigen aber so gut es geht, dass sie sich mit den Menschen dort solidarisieren.

„Heute sage ich stolz, dass ich Iranerin bin“, erklärt die junge Frau

„Früher haben wir immer gesagt, wir sind Perserinnen“, erklärt sie weiter. Es war immer schon ein Mittel, sich von der Politik im Iran zu distanzieren. Da aber nun für einen freien Iran gekämpft wird, ändert sich das. „Jetzt sagen wir wieder voller Stolz, dass wir Iranerinnen sind.“ Es mache etwas mit ihr, was gerade passiert. Tag und Nacht. „Wir gehen mit den Gedanken daran ins Bett, träumen davon und wachen damit auf. Das Freiheitslied haben wir immer im Kopf.“

Was sagt sie eigentlich zur deutschen Nationalmannschaft? „Deutsch ist meine Muttersprache, ich habe früher immer EM- und WM-Spiele Deutschlands und des Irans geschaut.“ Dass die Deutschen für ein Zeichen so lang gebraucht haben (Mund zu halten beim Gruppenfoto vor dem ersten Spiel), muss sie fast belächeln. „Der Vergleich ist ja oft in den Medien. Die einen haben Angst vor der Gelben Karte, die anderen werden in ihrer Heimat vielleicht eingesperrt.“

Die junge Iranerin zieht den Hut vor jedem, der den Mut aufbringt, gegen das iranische Regime zu demonstrieren: „Ich gehe hier auf Demos, versuche laut zu sein und aufmerksam zu machen. Aber ich habe im Anschluss Termine, Geburtstagseinladungen, Gedanken an den Haushalt. Die Menschen im Iran posten Dinge wie ‚Leute, ich gehe jetzt zur Demo, vielleicht sehen wir uns das letzte Mal auf diesem Kanal.‘ Und manche von ihnen sind jetzt wirklich tot.“

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