Corona-Impfung im Urlaub

Impftourismus: Warum ihr euch nicht im Ausland piksen lassen solltet

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Ohne Impfung in den Urlaub fahren und als Geimpfter zurückkommen? Das geht: In einigen Ländern dürfen sich auch Touristen impfen lassen. Doch vieles spricht dagegen.

In Deutschland herrscht Impfmangel, der Impffortschritt könnte schneller vorangehen, gäbe es nur mehr Impfstoff. Doch auch wenn Deutschland mit dem Impffortschritt keinen der ersten Plätze im weltweiten Vergleich belegt, überwiegen die Länder, die bisher noch kaum die Möglichkeit hatten, ihrer Bevölkerung ein Impfangebot zu machen. Für alle, die ihre Impfung einfach nicht abwarten können, kursieren nun Angebote im Internet, die die ungleiche Verteilung von Impfstoffen zwischen armen und reichen Ländern sogar noch verschlimmern könnten.

Verschiedene Reiseveranstalter bieten inzwischen „Impfreisen“ an. Solche gibt es teilweise schon für 1.000 Euro, zum Beispiel nach Russland. Enthalten sind bei diesen Reisen oftmals die Standards von All-Inclusive-Paketen, mit einem kleinen aber feinen Unterschied: Neben dem Urlaub gibt es obendrauf noch eine Corona-Impfung. 150 Euro kostet die Impfung mit Sputnik V für Deutsche in Russland, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet.

Impftourismus: Corona-Impfung im Urlaub — wie geht das?

An sich ist an „medizinischen“ Reisen nichts Ungewöhnliches, beispielsweise Schönheits-OPs lassen viele im Ausland durchführen, da es oftmals günstiger und einfacher als hierzulande ist. Wer in Deutschland also keinen Impftermin bekommt, kann sich theoretisch einfach eine Impfung im Ausland holen. Doch es gibt einige negative Aspekte.

Eine Corona-Impfung ist in Deutschland kostenlos, im Ausland wird sie Geld kosten. Zudem gibt es keine Garantie, welchen Impfstoff Ihr erhaltet. Möglicherweise erhaltet Ihr eine Impfung mit einem Vakzin, welches in der EU noch nicht zugelassen ist. Das bedeutet für Euch vor allem unbekannte Risiken und Nebenwirkungen, welche nicht durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) geprüft wurden. Wenn etwas passiert und Ihr im Nachhinein Impfschäden davon tragt, dann habt Ihr keinen Anspruch auf Schadensersatz.

Zudem kann es sein, dass die Impfung — abgesehen von dem Schutz vor dem Coronavirus — in Deutschland und generell in Europa für Euch nutzlos ist. Denn möglicherweise wird der Impfstoff nicht anerkannt und Ihr erhaltet keine Erleichterung, etwa bei der Quarantänepflicht oder dem Restaurantbesuch, wie andere Geimpfte in der EU.

Von solchen „Spritztouren“ profitieren aus Sicht von Hans Blank, Büroleiter von World Visitor in München, laut dpa allerdings zahlreiche Menschen: der vor Corona geschützte Kunde, Hotels, Fluggesellschaften, Gastronomen und natürlich er selbst. Das sei aber nur „ein kleines Geschäft“, meint er. „Das ist besser, als nichts zu tun zu haben.“ In diesen Ländern sind Impfreisen laut planetbackpack.de möglich:

  • Dubai: Wer keine Aufenthaltsgenehmigung für die VAE hat, bekommt den chinesischen Impfstoff Sinopharm.
  • Kuba & Indien: Laut verschiedener Meldungen werden bald Impfreisen nach Kuba und Indien angeboten. Beide Länder haben angekündigt, konkrete Angebote auf den Markt zu bringen, sobald ihre selbstentwickelten Impfstoffe zugelassen werden.
  • Russland: Beim Impfurlaub in Moskau erhaltet Ihr zwei Impfungen mit dem russischen Impfstoff Sputnik V im Abstand von rund drei Wochen.
  • Serbien: Das Land stellt Impfungen für ausländische Geschäftsleute in Sicht. Möglich ist der Erhalt von EU-Vakzinen, Spuntik V oder einem chinesischen Impfstoff — es kann allerdings keiner ausgesucht werden.
  • Spanien: Einige Länder, wie Spanien, impfen auch Nicht-Staatsangehörige ohne Krankenversicherung in ihrem Land. Wer sich impfen lassen will, kann sich beim katalonischen Gesundheitsamt melden und erhält dort weitere Informationen.
  • USA: Die US-Bundesstaaten Florida und Alaska unterbreiten Touristen ein Impfangebot in Impfzentren am Flughafen direkt bei Ankunft.

Impftourismus: Wenn reiche Länder ärmeren den Impfstoff wegnehmen

Doch vor allem moralisch ist der Impftourismus mehr als bedenklich. Denn reiche Länder sind in der Corona-Pandemie sowieso schon privilegiert: Sie haben die Möglichkeit, mehr Impfstoff zu kaufen, haben bessere Hygienestandards und gut aufgestellte Krankenhäuser. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert mehr Impfstoff für arme Länder, rund 20 Länder sind bislang komplett ohne Impfstoff.

Ursprünglich sollten bis Ende Mai 238 Millionen Dosen an die ärmsten Staaten geliefert werden. Allerdings musste die internationale Covax-Initiative, die dafür verantwortlich ist, einen schweren Rückschlag hinnehmen, nachdem die Lieferungen des Impfstoff-Herstellers Serum Institute of India (SII) für März und April ins Stocken geraten waren. Allgemein ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Menschen warten in Indien auf ihre Impfung gegen das Coronavirus.

Die mit Abstand größte Menge soll laut dem Papier Indien mit über 97 Millionen Impfdosen erhalten. Im zweit­bevölkerungsreichsten Land der Welt leben allerdings rund 1,3 Milliarden Menschen. Die Corona-Pandemie trifft vor allem Indien momentan hart. Die zweite Corona-Welle hat das Gesundheitssystem in vielen Städten zum Kollaps gebracht, nun breitet sich das Virus auch im ländlichen Raum aus, die Krankenhäuser sind voll und teilweise sehr schlecht ausgestattet.

Knapp 26 Millionen Coronafälle verzeichnet das Land inzwischen, bis zu 300.000 Neuinfektionen kommen pro Tag dazu. Rund 291.000 Menschen sind in Indien bereits in Zusammenhang mit dem Coronavirus verstorben. Gerade mal drei Prozent der indischen Bevölkerung sind laut Our World in Data bislang vollständig geimpft, in Deutschland sind es bereits 13,1 Prozent (Stand: 21. Mai 2021). Egoistischer Impftourismus würde die Situation in Indien nicht gerade verbessern.

Auch in Russland war der Impftourismus so nicht geplant. Eigentlich hatte die russische Führung stets betont, dass zuerst die eigene Bevölkerung geimpft werden soll. Doch Bilder von Ausländern, die sich in Russland spritzen lassen, sind willkommen für die Vermarktung des russischen Vakzins „Spuntik V“. In Russland ist die Quote der vollständig Geimpften ebenfalls niedrig, sie beträgt erst etwas mehr als fünf Prozent der Bevölkerung.

Rubriklistenbild: © Sophia Kembowski/dpa

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