Gastbeitrag

Handball-Schiedsrichter: Was ich über die aggressiven Eltern am Spielfeld denke

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„Ich selbst bin seit einigen Jahren Handballschiedsrichter und merke, dass die Hemmungen auf den Tribünen bei den Eltern immer weniger werden. “, schreibt unser Gastautor. 

Was geht in Eltern vor, die bei einem Fußball- oder Handballjugendspiel den Trainer, Schiedsrichter oder Gegner beleidigen? Michael Zartner ist selbst Handball-Schiedsrichter und Funktionär im Bayerischen Handball-Verband. Er hat eine Botschaft an die Eltern, an die Sportverbände – und an die Politik.

Klar lesen wir zwischendurch Berichte über austickende Zuschauer bei Amateurspielen. Dass aber Mütter und Väter von sehr jungen Spielern ausrasten, sich am Spielfeldrand prügeln, sogar den Schiedsrichter beißen – wie jetzt bei einem E-Jugend-Fußballturnier in Schwabhausen in Oberbayern – ist bei uns im Handballbezirk zum Glück noch nicht passiert.

Als ich den Bericht gelesen habe, war ich erstmal fassungslos, wie sich die Gesellschaft bei uns zum Negativen verändert. Der Fair-Play-Gedanke des Sports scheint auch am Spielfeldrand immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Insbesondere die Eltern von Jugendlichen sollten sich bei deren Spielen ihrer Vorbildfunktion wieder mehr bewusst werden.

Ich selbst bin seit einigen Jahren Handballschiedsrichter und merke, dass die Hemmungen auf den Tribünen bei den Eltern immer weniger werden. 

Die meisten Eltern fallen immer wieder negativ auf. In den meisten Turnhallen weiß man als Schiedsrichter schon vorher, wer auf der Tribüne sitzen wird und was man zu erwarten hat. Meist sind die Personen bereits im Umkreis dafür bekannt. 

Als Schiedsrichter lernt man, mit Kritik umzugehen, allerdings wird bei unerfahrenen Schiedsrichtern, die teilweise auch noch Jugendliche sind, besonders Druck von Trainern und Zuschauern aufgebaut. Solche Fälle sind auch mir von Kolleginnen und Kollegen bekannt. Scheinbar rechnet man damit, dass sich diese von Beleidigungen noch mehr beeinflussen lassen. So gab es auch schon Fälle, dass sich neue Schiedsrichter in der Halbzeit nicht mehr getraut haben, das Spiel zu Ende leiten. Solche Fälle schaden natürlich kurzfristig den Kindern und Jugendlichen und langfristig gesehen der ganzen Sportart. 

Michael Zartner ist schon seit mehr als zehn Jahren als Schiedsrichter, Trainer und Verbandsfunktionär im Handball tätig.

Leider trauen sich die Schiedsrichter oft nicht, diese Vorfälle aus Angst oder Schamgefühl in den offiziellen Spielbericht einzutragen. Als Verbandsfunktionär lege ich das den Schiedsrichtern aber ans Herz, um hier einschreiten zu können. Wir können hier schlecht auf Grundlage von Zeitungsberichten oder Elternberichten verbandsrechtliche Konsequenzen ziehen.

Die meisten Vereine sind froh, wenn sie überhaupt noch einen Trainer für ihre Mannschaften finden. Heutzutage ist man als Trainer eher Teammanager, weil man mit vielen organisatorischen Tätigkeiten belastet wird, die sonst keiner macht. Dementsprechend ist man auch dankbar, wenn Eltern einen unterstützen und wenn diese zumindest bei den Spielen zuschauen. Als Trainer und Vereinsvorstand fällt es einem umso schwerer, sich mit den Personen, die man persönlich kennt, anzulegen. Wenn man Eltern seine Meinung sagt, passiert es oft, dass sie beleidigt ihre Kinder vom Verein abmelden. Der Trainer riskiert also, dass sich seine Mannschaft wegen zu geringer Spielerzahl auflösen muss. 

Wenn sich Trainer und Eltern kennen und streiten, ist es sicherlich schwierig, eine Lösung zu finden, die auch zum Wohl des Kindes führt. Ich denke, dass man schon vorab aktiv werden muss, damit es erst gar nicht zu solchen Fällen kommt. Hier sehe ich auch die anderen Eltern in der Pflicht, auf die pöbelnden Mütter und Väter auf der Tribüne einzuwirken. Bei den Trainern oder Jugendleitern sehe ich schon einen Nachholbedarf in der Aus- und Fortbildung der Sportverbände. Trainer müssen auf solche Situationen vorbereitet sein, damit sie richtig reagieren. 

Das Problem mit den Eltern ist dennoch kein Problem des Sports, sondern der Gesellschaft. Die Gründe für das Verhalten scheinen mir relativ vielfältig, sodass man solche Dinge mit Experten im Einzelfall betrachten muss, um richtig zu handeln. (Anmerkung der Redaktion: Der oben genannte Fall in Schwabhausen wird von Experten in einem Krisengespräch aufgearbeitet. Die oberbayerische Nachrichtenseite Merkur.de* berichtete darüber.)

Ich sehe auch die Politik und die staatlichen Institutionen in der Pflicht, sich diesem Problem in Zukunft anzunehmen.

Diesen Gastbeitrag schrieb Michael Zartner. Er ist schon seit mehr als zehn Jahren als Schiedsrichter, Trainer und Verbandsfunktionär im Handball tätig.

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