Daimler in der Krise

Betriebsrat kritisiert Daimler-Pläne heftig - und macht überraschenden Vorschlag

Daimler will sich verstärkt auf den Bau von E-Autos konzentrieren.
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Einige Standorte sind von Daimlers-Sparplänen besonders betroffen.
  • Simon Mones
    vonSimon Mones
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Daimler steckt in der Krise und will sparen. Einige der Maßnahmen sorgen aber beim Betriebsrat für heftige Kritik. Jetzt wird Klartext gesprochen....

Stuttgart - Der Automobilkonzern Daimler steckt tief in der Krise. Daran ist allerdings nicht nur die Corona-Pandemie schuld, sondern auch die Entwicklung der Automobilindustrie und eigene Fehler in den vergangenen Jahren. Entsprechend hatte Daimler unter seinem neuen Boss Ola Källenius 2019 ein Sparpaket beschlossen, das wegen der Corona-Pandemie noch einmal verschärft wurde.

Daran stört sich auch der Betriebsrat des Automobilkonzerns aus Stuttgart. „Wir akzeptieren nicht, dass unsere Standorte ausbluten und wir stattdessen Fertigung an Fremdfirmen vergeben“, erklärte Michael Brecht, Vorsitzender des Daimler-Gesamtbetriebsrates, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Daimler/Stuttgart: Betriebsrat gegen Verlagerung nach Osteuropa

Zudem stellen sich die Arbeitnehmervertreter gegen eine Verlagerung von Produkten an Standorte in Osteuropa, um so die Lohnkosten zu senken. „In Zeiten starken Wachstums konnten wir solche Verlagerungen auffangen. Aber jetzt wird der Wind rauer und wir positionieren uns anders“, sagt der Betriebsratsvorsitzende.

DachgesellschaftDaimler AG
CEOOla Källenius
Mitarbeiterzahl298.655 (31. Dezember 2019)
Zentrale Stuttgart
Gründung17. November 1998, Stuttgart

Hinzu kommt: Daimler möchte zunehmend auf Elektromobilität setzen und langfristig auf den Verbrennungsmotor verzichten. Daimler-Boss Källenius sprach in der vergangenen Woche* gar davon, der führende Hersteller für E-Autos werden zu wollen. Eine deutliche Kampfansage an US-Konkurrent Tesla*. Dafür soll eine zweite reine Elektroautoarchitektur eingeführt werden.

Daimler/Stuttgart: Betriebsrat froh über klare Richtung bei E-Mobilität

„Grundsätzlich bin ich froh, dass wir jetzt eine klarere Richtung hin zur Elektrifizierung haben“, betonte Brecht, dem bislang eine klare Richtung der Daimler-Führungsetage gefehlt hatte. „Die grundsätzliche Strategie ist gut und richtig. Aber der Hochlauf der Elektromobilität bringt Probleme mit sich.“

Besonders stark betroffen sind die Komponenten- und Motorenwerke in Stuttgart-Untertürkheim, in Berlin*, Hamburg und Kölleda, wo Daimler deutliche Einschnitte plant. An den Standorten sollen bis 2025 rund 5.000 Jobs gestrichen werden, der Großteil davon am Stammsitz*. Offizielle Zahlen gibt es vonseiten des Automobilkonzerns dazu jedoch nicht.

Daimler/Stuttgart: Elektromobilität darf nicht so viele Stellen kosten

Von Brecht gibt es deswegen scharfe Kritik: „Es ist einfach zu sagen, ich nehme das alles weg und verlagere das - aber wer das macht, drückt sich vor der unternehmerischen Verantwortung.“ Dass der Umstieg auf Elektromobilität langfristig Arbeitsplätze kosten wird, ist auch dem Betriebsrat klar, allerdings dürften nicht so schnell so viele Jobs abgebaut werden. „Die Menschen haben es verdient, dass sich das Management Gedanken über neue Strukturen macht.“

Letztlich seien Berichte darüber, das Zehntausende Stellen gestrichen werden sollen, nicht gut für die Motivation der Mitarbeiter. Trotz vereinzelter Kundgebungen der Daimler-Beschäftigten* in der vergangenen Woche plant der Betriebsrat keine größeren Protestaktionen. „Ich setze zunächst auf vernünftige Gespräche mit dem Management. Ich glaube, dass wir Lösungen finden werden“, erklärte Brecht.

Daimler/Stuttgart: Betriebsrat für Ausstieg aus Mobilitätsdiensten

Der 55-Jährige nennt auch gleich eine mögliche Lösung: Daimler sollte nach seiner Meinung das Engagement beim Car-Sharing und anderen Mobilitätsdiensten einstellen. „Vor einem Jahr noch hieß es, ohne Mobilitätsdienstleistungen wären wir nicht mehr überlebensfähig, sonst werden wir abhängig von digitalen Plattformunternehmen“, sagte Brecht gegenüber Reuters.

Doch die Geschäfte des Gemeinschaftsunternehmens mit BMW „Your Now“ entwickeln sich nicht so, wie man sich das in der Stuttgarter Konzernzentrale vorgestellt hatte. Den Slogan „Vom Automobilhersteller zum Mobilitätsdienstleister“ hat man längst aus den Firmenpräsentationen von Daimler gestrichen.

Daimler/Stuttgart: Konkurrent mit Interesse

„Wir sind nicht an einem Punkt, wo sich Sharing-Modelle breit durchsetzen. Selbst (der US-Fahrdienstvermittler) Uber verbrennt eine Milliarde nach der anderen“, betont der Betriebsratsvorsitzende. „Wenn wir nicht in der Lage sind, ein profitables Geschäft daraus zu machen und mittlerweile sehen, dass wir nicht abhängig werden als Bittsteller von Plattformen, stellt sich die Frage: Muss ich das überhaupt tun?“

Insbesondere, wenn wegen der Corona-Krise und der Umstellung auf Elektromobilität stark gespart werden müsse. Wie echo24.de* berichtet, gäbe es sogar bereits einen Interessenten für den gemeinsamen Mobilitätsdienstleister* von Daimler und BMW. Dabei handelt es sich um den Branchen-Primus „Uber“. *echo24.de ist Teil des Ippen-Digital-Netwerks.

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