Wie Corona unser Leben veränderte

Wenn die Pandemie endet: Viele haben Angst vorm Alltag – ist das normal?

  • Violetta Sadri
    VonVioletta Sadri
    schließen

Sommer und endlich wieder mehr Freiheiten. Doch nicht alle sind darüber erfreut. Manche kämpfen mit dem Unwohlsein bei dem Gedanken an Normalität.

Ohne Maske, dicht gedrängt in der Disko tanzen, an einem heißen Sommertag im überfüllten Freibad schwimmen oder sich auf einem Konzert die Seele aus dem Leib singen? Solche Bilder gehören der Vergangenheit an. Denn: In Corona-Zeiten ist das undenkbar. Stattdessen herrschen seit Monaten überall Maskenpflicht, Abstandsregeln und Desinfektionsflaschen so weit das Auge reicht.

Mit dem Sommer kam es in Deutschland erstmals seit mehreren Monaten wieder zu Lockerungen*. Und damit kamen auch wieder mehr Freiheiten. Restaurants, Freizeitparks, Zoos, Museen und Kinos durften öffnen, jedoch nur unter strengen Hygieneauflagen, mit einer Testpflicht, begrenzten Besucherzahl, weiterhin Abstand und Terminvergabe. Doch nicht bei allen sorgen die Öffnungen und damit verbundenen Freiheiten für Freude. Bei manchen Menschen führt das zu Beklemmungen und Angstzuständen.

Cave-Syndrom: Angst vor der Normalität - eineinhalb Jahre Corona-Pandemie

Einigen wird es unwohl bei dem Gedanken sich wieder mit vielen Menschen zu umgeben, in einem vollen Bus zu sitzen oder ein Massenevent zu besuchen - alles Dinge, die vor Februar 2020 noch normal waren, heute jedoch für viele unvorstellbar geworden sind. Nach eineinhalb Jahren Pandemie ist die Hygienethematik tief in den Köpfen der Menschen verwurzelt. Die American Psychological Association, der US-amerikanische Fachverband der Psychologie, stellte bei einer Umfrage fest, dass mehr als die Hälfte sich mit dem Gedanken an soziale Kontakte nach Ende der Pandemie unwohl fühle. Sogar 48 Prozent der dort Befragten, die geimpft sind, teilen die gleiche Meinung, berichtet tagesschau.de. In den USA entstand daraus der Begriff des „Cave-Syndroms“, auf deutsch „Höhlen Syndrom“. Das bedeutet, das Menschen trotz sinkender Inzidenzen und Lockerungen, sich weiterhin zurückziehen und lieber daheim bleiben.

Dieses Verhalten sei wohl nichts Verwunderliches, laut dem klinischen Psychologe und Angstforscher Georg Alpers von der Universität Mannheim. Das sei etwas völlig normales, dass das Wiedererwachen des Soziallebens bei einigen als Herausforderungen empfunden wird. „Wir mussten uns jetzt über ein Jahr lang sehr mit Bedacht verhalten. Dinge, die ansonsten spontan und gewohnheitsmäßig ablaufen, wie Freunde umarmen oder Hände schütteln, mussten erstmal bewusst nach den Risiken abgewogen werden.“

Angst vor Ansteckung und fehlende soziale Kontakte: Im Corona-Jahr 2020 befanden sich laut TK-Gesundheitsreport viele Menschen in einem Stress-Zustand.

Nur ein Gefühl oder eine ernstzunehmende Angststörung?

Den Begriff Cave-Syndrom hält Alpers jedoch für unpassend. Syndrom steht für ein psychisches Leiden mit Symptomen die immer wieder zusammen auftreten und beobachtet werden können. Das wisse man zu dem jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht. Es hört sich an wie ein Krankheitsbild, ist bei den allermeisten jedoch keins. Bei Menschen, die sowieso ängstlicher sind und zurückgezogener leben, könnte es zu einem extremen Unwohlsein führen. Dahinter könnte sich eine ernstzunehmende Angststörung verbergen. Vor allem dann sollten die Alarmglocken klingeln, wenn der oder die Betroffene rausgehen möchte, aber nicht kann, weil die Angst zu groß sei.

Die derzeit niedrigen Infektionszahlen sind vor allem auch auf den Impffortschritt zurückzuführen. Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist mittlerweile mindestens einmal geimpft* und während auf der einen Seite die Testpflicht wegfällt, Shopping ohne Termin möglich ist und die ersten Modellprojekte mit Diskotheken starten, werden die mahnenden Worte der Experten immer lauter: Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Im Herbst droht die vierte Welle*. *echo24.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Daniel Karmann /dpa

Das könnte Sie auch interessieren