Experten warnen vor voreiligen Lockerungen

Politiker fordern weitere Corona-Lockerungen – trotz steigender Inzidenzen

  • Lisa Klein
    VonLisa Klein
    schließen

Trotz steigender Inzidenzen fordern Politiker weitere Lockerungen der Corona-Regeln und ein Konzept für den Ausstieg aus den Sonderregelungen in der Pandemie.

Obwohl die Inzidenz in ganz Deutschland – so auch in Baden-Württemberg – seit mehreren Tagen konstant am Steigen ist, fordern Politiker, zeitnah weitere Corona-Lockerungen zu umzusetzen. Das Hauptargument ist dabei die steigende Impfstoffverfügbarkeit und auch die Impfquote in Deutschland – inzwischen haben bereits 58,2 Prozent der Deutschen mindestens eine Impfdosis erhalten, vollständig geimpft sind bereits 42,1 Prozent (Stand: 9. Juli).

Wenn alle ein vollständiges Impfangebot erhalten haben und die Impfung vor schweren Verläufen auch neuerer Varianten schützt, müssen wir unsere Corona-Maßnahmen schrittweise wieder zurücknehmen,

Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) gegenüber der Welt am Sonntag.

Zahlreiche Politiker sind sich darin einig, dass sobald jeder ein Impfangebot erhalten hat, weitere Lockerungen folgen müssen, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet. CSU-Generalsekretär Markus Blume sagte: „Sobald jeder Bürger ein komplettes Impfangebot erhalten hat und der Impfschutz auch wirksam bleibt, geht die Gesamtverantwortung vom Staat wieder auf den einzelnen Bürger über. Das heißt: Mit dem Impfschutz für alle endet auch die Zeit der Beschränkungen für alle.“ Er betont: „An diesem Punkt sind wir aber noch nicht.“

Politiker fordern weitere Corona-Lockerungen – Experte mahnt zur Vorsicht

Von Christoph Ploß, Chef der Hamburger CDU, hieß es: „Kaum ein vollständig Geimpfter wird die Einschränkung seiner Grund- und Freiheitsrechte weiterhin akzeptieren, wenn alle ein Impfangebot erhalten haben. Für vollständig Geimpfte müssen die Einschränkungen spätestens dann fallen.“ Auch Außenminister Heiko Maas (SPD) hatte sich bereits für eine Aufhebung aller Corona-Einschränkungen ausgesprochen, sobald alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot bekommen haben. Damit sei im Laufe des Augusts zu rechnen.

Karl Lauterbach Gesundheitsexperte.

Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) warnt allerdings gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Wir dürfen nicht den Fehler machen, zu viel zu öffnen“. Vor allem mit Blick auf den Herbst sollte nicht voreilig gehandelt werden, zumal sich die Delta-Mutante in Deutschland rasant ausbreitet – Experten warnen bereits vor einer vierten Welle. „Wir sollten stattdessen mit möglichst wenig Brandherden in den Herbst hinein gehen. Insbesondere bei Treffen in Innenräumen wäre ich vorsichtig“, mahnt der Gesundheitsexperte weiter.

Inzidenzen steigen – sowohl in Deutschland als auch beliebten Urlaubsländern

Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz stieg am Sonntag den fünften Tag in Folge an, bewegt sich aber weiterhin auf niedrigem Niveau. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) von Sonntagmorgen lag sie bei 6,2 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner (Vortag: 5,8; Vorwoche: 5,0). Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI binnen eines Tages 745 Corona-Neuinfektionen. Vor einer Woche waren es 559 Ansteckungen. Binnen 24 Stunden wurden 6 neue Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus registriert.

In anderen europäischen Ländern gibt es bereits einen deutlicheren Anstieg der Infektionszahlen. Deshalb gilt seit Mitternacht unter anderem Spanien aus Sicht der Bundesregierung als Corona-Risikogebiet, Zypern sogar als Hochinzidenzgebiet.

Weitere Corona-Lockerungen: Wie aussagekräftig ist die Inzidenz überhaupt noch?

In der Politik wird derzeit diskutiert, wie groß die Aussagekraft der Ansteckungszahlen angesichts der Impfungen noch ist. Saarlands Regierungschef Hans sagte: „Je mehr Menschen geimpft und getestet sind, desto mehr verliert der Inzidenzwert allein an Aussagekraft.“ Deshalb sollte im Herbst der Fokus mehr auf die Intensivbettenbelegung in den Krankenhäusern gerichtet werden.

Die SPD-Bundestagsfraktion hatte am Samstag in einer Stellungnahme argumentiert, die Inzidenz werde nach der erfolgreichen Impfkampagne keine hinreichende Kennziffer mehr sein. Die FDP hat die Bundesregierung aufgefordert, noch bis zum Ende der parlamentarischen Sommerpause ein Konzept für den geordneten Ausstieg aus Sonderregelungen in der Corona-Pandemie vorzulegen.

Appel an die Vernunft – „übertreibt es nicht“

Vorsichtiger blieb Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) in der Welt am Sonntag: „Zunächst sollten wir zumindest drei Monate abwarten, denn dann wissen wir besser, welche Auswirkungen die Delta-Variante und die Reiserückkehrer haben.“ Er halte daher eine weitere Maskenpflicht in Abwägung zu den möglichen Auswirkungen für eine geringere Einschränkung. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hingegen befürwortet eine Abschaffung der Maskenpflicht.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble rief die Menschen auf, weiter achtsam zu sein. „Ich sehe mit großer Sorge, was im Fußballstadion von Wembley oder in manchen Urlaubsorten los ist“, sagte Schäuble der Bild am Sonntag. Wer sich unvernünftig verhalte und keine Vorsichtsmaßnahmen einhalte, setze alle der Gefahr einer vierten Welle aus. „Deshalb: Liebe Leute, freut euch, dass wir wieder essen gehen, Leute treffen können, aber übertreibt es nicht“, mahnte der Parlamentspräsident.

Rubriklistenbild: © Christoph Schmidt/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema