Diskussion bei Markus Lanz

STIKO-Chef überrascht mit Hammer-Aussage Corona-Impfung für Kinder unnötig?

  • Christina Rosenberger
    VonChristina Rosenberger
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Die Ständige Impfkommission hat Corona-Impfungen bei Kindern und Jugendlichen noch immer nicht uneingeschränkt empfohlen – bei Markus Lanz verteidigte STIKO-Chef Thomas Mertens die Entscheidung.

Bisher hat die Ständige Impfkommission (STIKO) keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren ausgesprochen – nur 12- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkranken sollen laut der Kommission gegen das Coronavirus immunisiert werden. Doch dafür hagelt es immer wieder Kritik – aus der Bevölkerung, Expertenkreisen und der Politik. Im ZDF bei Markus Lanz hat sich STIKO-Chef Thomas Mertens deshalb jetzt in einem drastischen Statement positioniert – obwohl er sonst als neutraler „Fels in der Brandung“ gilt.

Bereits zu Beginn der ZDF-Sendung begrüßte Lanz seinen Talk-Gast Mertens als einen Mann, der aktuell „einen der schwierigsten Jobs des Landes hat“ und immer wieder mit Gelassenheit für die Entscheidungen der Ständigen Impfkommission einsteht. Denn die STIKO ist ein unabhängiges Organ. Genau deshalb besteht Mertens darauf, dass es durchaus vorkommen kann, dass seine Kommission nicht mit der Regierung einer Meinung ist.

Corona: Impfempfehlung für Kinder? STIKO-Chef Mertens mit klarer Ansage an die Politik

Während der Sendung „Markus Lanz“ geriet Mertens mit dem SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans aneinander. Denn der pensionierte Virologe bekräftigte erneut die STIKO-Empfehlung, Kinder nicht generell impfen zu lassen. Walter-Borjans sagte daraufhin, der Druck käme von Corona und man müsse „auch bei den über Zwölfjährigen die Impfquote erhöhen.“ Doch Mertens erklärte, für eine Impfung bei Kindern gebe es bisher nicht genügend wissenschaftlich belegte Indikatoren für eine gesundheitliche Notwendigkeit.

Wann ist eine Corona-Impfung für Kinder laut STIKO sinnvoll?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat derzeit keine allgemeine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche von 12 bis 17 Jahren ausgesprochen, sondern nur für Kinder und Jugendliche mit einem besonderen Risiko. Dazu zählen vor allem Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen wie Adipositas, Immunerkrankungen, Herzfehlern, chronischen Lungenerkrankungen, Diabetes mellitus oder Trisomie 21. Außerdem sollten sich laut STIKO Kinder und Jugendliche impfen lassen, die im Umfeld von gefährdeten Personen leben, die sich selbst nicht schützen können. Dazu zählen beispielsweise Schwangere im Haushalt. Zusätzlich gilt die Impfung für solche Jugendliche als empfohlen, die in einem Umfeld arbeiten, in dem das Risiko an Corona zu erkranken besonders hoch ist – beispielsweise in der Ausbildung zum Krankenpfleger.

In einer Studie seien zwar knapp über 1.100 Probanden zu Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen untersucht worden, doch das sei viel zu wenig für verlässliche Aussagen – außerdem ist der Virologe der Meinung, die Corona-Symptome bei Kindern seien bei Weitem nicht so schwerwiegend, wie bei vielen Erwachsenen. Das „Long Covid-Syndrom“, das Menschen oft ein Jahr nach der Corona-Impfung noch massiv einschränkt, sei laut Schweizer Forschern bisher sogar überhaupt „kein Krankheitsbild von Kindern“.

Impfempfehlung für Kinder: Fakten aus medizinischer Sicht – was spricht dagegen?

Dem steht entgegen, dass in einer Studie mit geimpften Kindern aus den USA steht, dass die Altersgruppe der 12- bis 17-jährigen Kinder besonders häufig nach ihrer Impfung an Herzmuskelentzündungen erkranken. Auch meint STIKO-Chef Mertens, nur weil die Kinder und Jugendlichen nicht geimpft seien, müsse man noch lange keine Schulen schließen. Viel mehr müsse man alle Erwachsenen während der Sommerferien vollständig durchimpfen, denn sie trügen die Verantwortung dafür, dass sich die Corona-Pandemie nicht weiter ausbreite. Das Land Baden-Württemberg hat kürzlich Regeln und Pflichten für ungeimpfte Erwachsene angekündigt.

Wenn man bei den Erwachsenen eine Impfquote von 75 Prozent erreiche, würde sich das, so Mertens, erheblich auf die Infektionskurve in Deutschland auswirken. Die Impfung von Kindern dagegen spielt laut Ständiger Impfkommission praktisch keine Rolle für das epidemiologische Geschehen.

Impfempfehlung für Kinder: STIKO-Chef in der Kritik – sendet Mertens falsche Signale?

Kein Wunder also, dass Mertens die Frage von Talkmaster Markus Lanz, ob seine Enkelkinder geimpft seien, vehement verneinte. Der STIKO-Chef entgegnete, es wäre ja „grotesk“, wenn er gegen seine eigene Empfehlung handle, seine Enkel seien nicht geimpft und das sei in der Familie auch besprochen worden. SPD-Mann Walter-Borjans warf Mertens daraufhin vor, sich aus der Verantwortung zu ziehen und Eltern, Kindern und Kinderärzten ein falsches Signal zu vermitteln.

Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko) äußerte sich bei Markus Lanz zur Corona-Impfempfehlung für Kinder.

Doch darauf folgte direkt die Retourkutsche – denn sowohl Gastgeber Lanz als auch die in der Diskussionsrunde anwesende Journalistin der „Süddeutschen“, Cerstin Gammelin, prangerten an, dass die Politik sich bis heute nicht darum gekümmert habe, Schulen so auszustatten, dass auch unter Corona-Bedingungen Präsenzunterricht stattfinden kann. Die Schulen stünden, so Gammelin, nun bereits im zweiten Sommer ohne Luftfilter da.

Corona-Impfung für Kinder: Könnte ein Maßnahmen-Mix für normalen Schul-Alltag sorgen?

Wo also nun die Verantwortung hinfällt, dafür zu sorgen, dass die Corona-Pandemie so bald wie möglich zurückgedrängt werden kann, ist auch nach der Sendung nicht ganz eindeutig zuzuordnen – doch kristallisiert sich heraus: Wenn Erwachsene sich – auch angesichts der ansteckenden Delta-Variante – vollständig impfen lassen, Kinder mit Vorerkrankungen immunisiert werden und die Politik Schulen mit ausreichend Equipment für ein sicheres Umfeld für Präsenzunterricht ausstattet, dann ist Deutschland auf einem guten Weg.

Übrigens: Mertens und die Ständige Impfkommission sind keineswegs komplett gegen die Impfung von Kindern. Die Experten wollen lediglich, dass Eltern gemeinsam mit ihren Kindern und Ärzten abwägen, wann eine Impfung tatsächlich sinnvoll ist.

Rubriklistenbild: © Arno Burgi/dpa

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