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Chinas Außenminister bei den Taliban: „Kooperation von gegenseitigem Nutzen“

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Von: Sven Hauberg

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Wang Yi (r), Außenminister von China, steht zusammen mit Amir Chan Muttaki, dem amtierenden Außenminister der Übergangsregierung der afghanischen Taliban, bei einem Treffen in Kabul.
Chinas Außenminister Wang Yi (rechts) traf sich am Donnerstag mit Amir Chan Muttaki, dem amtierenden Außenminister der Übergangsregierung der afghanischen Taliban, in Kabul. © Saifurahman Safi/Xinhua/dpa

Afghanistan sitzt auf milliardenschweren Bodenschätzen, die Peking ausbeuten möchte. Die Anerkennung verweigert China dem Taliban-Regime aber noch.

München/Kabul – Chinas* Außenminister Wang Yi hat überraschend Afghanistan* besucht. Wang traf sich in Kabul mit Vertretern der Taliban-Regierung. Bilder des chinesischen Staatsfernsehens zeigten, wie Wang am Donnerstag auf dem internationalen Flughafen der Stadt von Taliban-Außenminister Amir Chan Muttaki mit einem roten Teppich begrüßt wurde. Muttaki sprach von der „bedeutendsten hohen Delegation“, die von der Taliban-Regierung bisher empfangen worden sei.

Die Taliban hatten nach dem überstürzten Abzug der westlichen Truppen im vergangenen Sommer* die Macht in weiten Teilen Afghanistans wieder übernommen. International wird die Regierung der radikalen Islamisten allerdings nicht anerkannt. Auch Peking verweigert den Taliban bislang die Anerkennung. Bei seinem Besuch sicherte Chinas Außenminister der Regierung in Kabul allerdings erneut zu, dass sein Land „normale und freundschaftliche Beziehungen“ zu Afghanistan und „Kooperation von gegenseitigem Nutzen“ entwickeln wolle. Das teilte das chinesische Außenministerium am Freitag mit.

Afghanistan: Teilnahme an der Neuen Seidenstraße

Chinas Außenminister begrüßte bei seinem Besuch in Kabul eine „aktive Teilnahme“ Afghanistans in der milliardenschweren chinesischen Infrastruktur-Initiative der „Neuen Seidenstraße“. Dies habe sich die afghanische Seite gewünscht. Die chinesische Regierung sei bereit, eine Ausweitung des Wirtschaftskorridors zwischen China und Pakistan im Rahmen der Initiative auf Afghanistan auszuweiten, sagte Wang Yi. Afghanistan hoffe, die Zusammenarbeit mit China in verschiedenen Bereichen zu stärken, darunter Wirtschaft, Handel, Energie, Bergbau, Landwirtschaft, Export und Fortbildung.

Die Taliban-Regierung habe „eine Reihe positiver Initiativen ergriffen, um auf die Sorgen der Weltgemeinschaft zu antworten“, meinte Wang Yi laut der Mitteilung seines Ministeriums. China erwarte, dass die afghanische Seite weiter eine „inklusive“ Regierung bilde, „Rechte und Interessen von Frauen und Kindern besser schützt“ und „die Toleranz und Freundlichkeit der Muslime widerspiegelt“. Die Taliban hatten erst vor wenigen Tagen entgegen ihrer früheren Zusage Mädchen den Besuch weiterführender Schulen verwehrt*. Das stößt international auf scharfe Kritik.

China und die Taliban: Islamistischer Terror ist Pekings zentrale Sorge

Bei den Gesprächen mit Wang sicherte Taliban-Vizechef Abdul Ghani Baradar nach chinesischen Angaben zu, terroristischen Kräften nicht zu erlauben, von afghanischem Boden gegen Nachbarn wie China vorzugehen. Dies war seit Beginn der Kontakte 2021 stets die zentrale Forderung Pekings an die Taliban gewesen. Nach dem Abzug der US-Truppen und ihrer Verbündeten aus Afghanistan befürchtete China, „verschiedene Terrororganisationen könnten die Gelegenheit zu einem Comeback“ nutzen, wie Chinas stellvertretender UN-Botschafter Geng Shuang im vergangenen Jahr sagte*. Dabei hat Peking vor allem die uigurische Bewegung ETIM im Visier, die zeitweise auch auf der Terrorliste der USA gestanden hatte.

China und Afghanistan teilen nur eine kurze schwer zugängliche Grenze. Dennoch fürchtet die Regierung in Peking internationalen Experten zufolge, dass Terroristen etwa der ETIM auf chinesisches Staatsgebiet vordringen und vor allem die Region Xinjiang* destabilisieren könnten. Auch befürchtet China Anschläge auf seine Projekte entlang der „Neuen Seidenstraße“, etwa in Pakistan. Dort war es bereits im vergangenen Jahr zu vereinzelten Angriffen gekommen*.

Afghanistan: Milliardenschwere Bodenschätze wecken Chinas Interesse

Doch Afghanistan birgt auch Chancen, vor allem unter der Erde. US-Schätzungen aus dem Jahr 2010 ergaben, dass das Land Bodenschätze im Wert von umgerechnet etwa 850 Milliarden Euro besitzt. Der Großteil davon blieb in den vergangenen Jahren unberührt und stieg deutlich an Wert. China, so Analysten, habe vor allem Interesse an Kupferminen und Ölfeldern in Afghanistan. Deren Ausbeutung könnte nach dem Abzug der westlichen Truppen nun beschleunigt werden. So war das Projekt eines chinesischen Unternehmens für die Mes-Ajnak-Kupfermine* seit Jahren aufgrund von Unsicherheiten in der Vergangenheit und mangelnder Sicherheit ins Stocken geraten und könnte nun neuen Schwung erhalten. Mes Anjak in der Provinz Logar südlich von Kabul würde die zweitgrößte Kupfermine der Welt sein.

Ein Taliban-Sprecher hatte China bereits im vergangenen Juli einen „willkommenen Freund“ genannt: „Wir heißen sie willkommen“, sagte Suhail Shaheen mit Bezug auf Peking in einem Interview. „Wenn sie Investitionen haben, sorgen wir natürlich für ihre Sicherheit. Ihre Sicherheit ist für uns sehr wichtig.“ Bei einem Treffen im vergangenen Jahr im chinesischen Tianjin hatte sich der Taliban-Diplomat Mullah Abdul Ghani Baradar von Chinas Außenminister Wang Yi* „eine größere Rolle bei Afghanistans Wiederaufbau und wirtschaftlicher Entwicklung“ gewünscht.

Chinas Außenminister Wang Yi befindet sich derzeit auf einer mehrtägigen Auslandsreise. Am Freitag hatte er in Neu-Delhi Gespräche mit seinem indischen Amtskollegen Subrahmanyam Jaishankar geführt*. Beide Länder streiten seit Jahrzehnten über den Verlauf der gemeinsamen Grenze; vor zwei Jahren war die Lage in einer abgelegenen Himalaya-Region eskaliert, dabei gab es mehrere Tote. (sh/dpa) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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