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Atomkraft oder Kohlekraft: Was bringt mehr Energie – was ist nachhaltiger?

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Immer wieder wird heiß über Kohle- und Kernkraft diskutiert. Gut für die Umwelt sind die Energieträger beide nicht. Doch was ist das geringere Übel?

Allein im letzten Jahr lag der von Kohlekraft eingespeiste Anteil ins Netz bei über 27 Prozent. Ihren Teil trägt auch die umstrittene Atomkraft mit 12,4 Prozent dazu bei. Ein erheblicher Anteil des deutschen Stromes stammt also aus konventionellen, nicht erneuerbaren Energieträgern.

Im Hinblick auf die Energiekrise wird es aber nicht so leicht sein, auf die Kohle- und Atomkraftwerke wie das AKW Neckarwestheim, das vorerst doch länger am Netz bleibt, zu verzichten. Bei welchem der zwei Energiequellen wird die Umwelt noch am wenigsten belastet? Und mit welchem Kraftwerk wird mehr Energie produziert?

Atomkraft gilt laut EU als nachhaltig

Erst im Juli stuft die EU-Kommission Atomkraft neben Erdgas als nachhaltig ein. Konkret ermöglicht das, dass nach 2023 weiterhin Geld von Privatunternehmen in die beiden Energieträger investiert werden darf, weil sie als nachhaltig gelten und somit helfen, den Klimawandel zu stoppen. Doch ist Atomkraft wirklich so nachhaltig? Und: Wie gefährlich sind Atomkraftwerke wie Neckarwestheim, wenn sie weiterbetrieben werden?

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Atomkraftwerke stehen immer wieder in der Diskussion © Armin Weigel/dpa

Viel Kritik an der Einstufung von Atomkraft als nachhaltig

Nicht nur deutsche Politiker kritisieren diesen Entschluss beispielsweise als „Mogelpackung“, sondern auch Nichtregierungsorganisationen (NGOs), wie Greenpeace, WWF und die Deutsche Umwelthilfe kritisieren die Einstufung scharf.

Die Atomkraft ist eindeutig keine saubere Energie, sondern die schmutzigste aller verfügbaren Energiequellen. Sie emittiert lebensgefährliche radioaktive Strahlen, sie führt zu erheblichen gesundheitlichen Problemen, sie führt zu Problemen beim Betrieb, beim Rückbau und bei der langfristigen Lagerung.

Christian von Hirschhausen

Das Problem mit der Sicherheit bei Atomkraftwerken – und die Frage nach der Lagerung von Atommüll

Katastrophen, wie Tschernobyl 1986 oder Fukushima 2011 führen uns die zerstörerische Kraft von den radioaktiven Stoffen immer wieder vor Augen. Eine ganze Landschaft und tausende von Organismen sterben, Lebewesen entwickeln Mutationen, die durch die Strahlungen hervorgerufen werden. Die Schäden einer Atomkatastrophe sind groß. Die Gefahr geht dabei vor allem von Erdbeben und terroristischen Anschlägen aus.

Ein häufig unterschätztes Problem der Atomkraft ist der Uranabbau: Ein hoher Ressourcenverbrauch und die Schädigung von Mensch und Umwelt sind seine Folgen. Aber auch der Normalbetrieb birgt Gefahren: So geben AKW, Atommüll-Zwischenlager sowie Atommülltransporte radioaktive Strahlen ab, die Krebs verursachen und das Erbgut schädigen können. 

Kohlekraft verursacht enorme Umwelt- und Klimaschäden

Kohleenergie ist Schätzungen zufolge für ein Viertel der gesamt-ausgestoßenen CO₂-Menge in Deutschland verantwortlich. Allein die Braunkohlekraftwerke stoßen in Deutschland jährlich dreimal so viel CO₂ aus wie der gesamte Verkehrssektor. Doch auch andere Stoffe werden bei der Energiegewinnung aus Kohle freigesetzt: Blei, Quecksilber, Arsen, Stickoxid, Schwefeloxid und Feinstaub. Alles ist schlecht für unsere Umwelt.

Braunkohlekraftwerk Jänschwalde
Kohlekraftwerke tragen enorm zum Klimawandel bei. © Patrick Pleul/dpa/Archiv

Was produziert mehr Strom: Kern- oder Kohlekraft?

AtomkraftKohlekraft
Ein mittleres Atomkraftwerk produziert etwa 9 Milliarden kWh bis 13 Milliarden kWh pro Jahr. Das reicht aus, um 2,5 Millionen bis 3,7 Millionen Haushalte mit je 3 Personen (bei 3.500 kWh jährlichem Verbrauch) ein Jahr lang mit Strom zu versorgen.Das Kohlekraftwerk Moorburg produziert jährlich Strom für 3,7 Millionen Haushalte.

Die Menge an Strom, die durch ein Atom- und Kohlekraftwerk erzeugt werden, ist also relativ gleich, wenn nicht beim Kohlekraftwerk sogar höher. Doch dabei ist nicht außer Acht zu lassen, dass das klimaschädlichste Kohlekraftwerk in Deutschland 33,3 Millionen Tonnen CO₂ freisetzt, während bei der reinen Stromproduktion von einem Kernkraftwerk 731.000 Tonnen CO₂ emittiert werden – ein immenser Unterschied.

Weltweit werden Ausstiege lange auf sich warten lassen

Bei der Verlängerung der AKW-Laufzeiten angesichts der Energiekrise sind sich die meisten Experten einig: Der Streckbetrieb ist eine gute Lösung für den Winter. Nun gibt es erste Wissenschaftler, die sich zusammen tun und in Form der „Stuttgarter Erklärung“ den Wiedereinstieg in die Atomkraft fordern. Die Frankfurter Rundschau berichtet, welche Schlüsse aus dem Stresstest jetzt gezogen werden, den Wirtschaftsminister Habeck veranlasst hat, um zu prüfen, ob AKWs im deutschen Stromnetz benötigt werden.

Auch unsere Nachbarländer halten an der Atomenergie fest: Belgien hat auf die russische Invasion in die Ukraine mit einer Laufzeitverlängerung von 2025 auf 2035 reagiert. Macron, der französische Präsident, setzt sogar auf einen Atom-Ausbau. Bei der Kohleenergie ist mit einem schnellen Ausstieg ebenfalls nicht zu rechnen. Stattdessen wird gerade geforscht, ob man das CO₂ aus den Emissionen herausfiltern und sicher lagern kann, sodass die Kohlekraft klimafreundlicher wird.

Kern- und Kohlekraft als Übergang zu erneuerbaren Energiequellen

Löst man die Frage der Endlagerung bei den Atomkraftwerken und macht man sie sicherer, könnte die Kernkraft eine relativ umweltfreundliche Energie sein. Löst man das Problem mit dem CO₂-Ausstoß, könnte auch die Kohlekraft eine relativ umweltfreundliche Energie sein. Doch all das ist Zukunftsmusik und um diese Probleme zu lösen, bedarf es nicht nur innovativen Ideen, sondern auch dem nötigen Willen, den Klimawandel zu stoppen.

Derzeit lässt sich nur schwer sagen, welches Kraftwerk nun wirklich effektiver und nachhaltiger ist. Eins ist klar: So wie Kern- und Kohlekraft derzeit funktioniert, wird sie auf Dauer massive Umweltschäden anrichten.

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