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Arzneimittel werden knapp: Welche Medikamente nur noch schwer erhältlich sind

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Von: Juliane Reyle

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Beliebte medizinische Mittel sind in vielen Apotheken ausverkauft oder schwer zu bekommen. Die Landesapothekenkammer klärt über die aktuelle Situation auf.

In den vergangenen Tagen haben Kunden in Apotheken wohl häufiger zu Alternativen oder Hausmitteln greifen müssen. Die Regale bleiben nämlich vielerorts leer, auch in Baden-Württemberg. Besonders Hustensäfte, Schmerzmittel, Antibiotika und andere gängige Medizin sind aktuell schwierig zu erhalten.

echo24.de hat bei der Landesapothekenkammer nachgefragt, wie sie die aktuelle Situation einschätzen, aus welchen Gründen es zu Engpässen kommt, wie die Prognose für die Zukunft aussieht und welche Produkte tatsächlich von Lieferschwierigkeiten betroffen sind.

Situation ist schwierig: „Unwirtschaftliche“ Medikamente werden aus dem Sortiment genommen

Die Situation ist schwierig. Besonders Medikamente, die auch in die Notfall- oder Hausapotheke gehören, sind inzwischen rar geworden. Die „Landesapothekenkammer“ erklärt die Lieferengpässe damit, dass pharmazeutische Unternehmer vermehrt „aufgrund des enormen Drucks ‚unwirtschaftliche‘ Produkte aus ihrem Sortiment“ streichen. Im Fall von Generika soll eine solche Auslistung, auch wenn es nur ein einziger Hersteller sei, schwerwiegende Folgen haben.

Generika

Nach Ablauf des Patentschutzes eines Medikaments dürfen Arzneiwirkstoffe als sogenannte Generika oder Nachahmerprodukte von anderen Unternehmen hergestellt und verkauft werden. Neu entwickelte Arzneimittel lassen sich Pharmazeutische Unternehmen meist patentieren. Ein Patent gibt dem Patentinhaber das alleinige Recht, den Wirkstoff herzustellen und zu vermarkten.

Aktuelle Lage: Keine Produktionskapazitäten – Auswirkungen auf die gesamte Lieferkette

Die aktuelle Lage wird damit verschärft, dass die noch verbleibenden Anbieter eines Produktes meist keine freien Produktionskapazitäten mehr haben und das wegfallende Volumen deshalb nicht so schnell ausgeglichen werden kann.

Hinzu kommt auch noch, „dass der weitaus größte Anteil an generischen Wirkstoffen nur noch von einigen wenigen Firmen in China und Indien hergestellt wird“, erklärt die „Landesapothekenkammer“. Und „fällt dann ein Wirkstoffhersteller aus oder stellt seine Lieferungen ein, hat dies eine unmittelbare Auswirkung auf die gesamte Lieferkette.“

Inzwischen haben sehr viele Arzneistoffe bestehende Rabattverträge und diese führen „in einer Zeit unabsehbarer und drastischer Kostensteigerungen durchaus dazu, dass die Unternehmen zum Teil noch nicht einmal ihre Kosten hereinholen können – nicht gerade ein Anreiz zur Aufrechterhaltung der Produktion“, meint die „Landesapothekenkammer“.

Energiekrise und Corona verschärfen die Lage: Lieferengpässe für Apotheken nur schwer vorhersehbar

Natürlich haben auch die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und die damit einhergehende Energiekrise die Versorgungssituation der Apotheken noch weiter verschärft. Die Prognose der „Landesapothekenkammer“ für die Zukunft ist zudem leider wenig optimistisch: „Lieferengpässe bei Arzneimitteln nehmen leider schon seit mehreren Jahren zu, aber sie sind für die Apotheken im Einzelfall nur schwer vorhersehbar. Denn die Ursachen können von Arzneimittel zu Arzneimittel variieren. Dennoch tun alle Apotheken ihr Möglichstes, die Patienten trotz eines hohen Aufwands bestmöglich mit den optimalen Medikamenten zu versorgen.“

Paracetamol, Ibuprofen und Antibiotika besonders knapp: Sogar Mittel für Diabetiker nicht lieferbar

Besonders knapp sind laut „Landesapothekenkammer“ aktuell Medikamente auf Basis der Wirkstoffgruppe Paracetamol und Ibuprofen. Diese Medikamente seien allgemein knapp, doch besonders betroffen seien jetzt Fiebersäfte für Kinder, Hustensäfte und bestimmte Antibiotika, sowie Blutdruckmittel. Doch auch Arzneimittel mit dem Wirkstoff Tamoxifen, die gegen Brustkrebs eingesetzt werden, seien sogar bereits seit Jahresbeginn knapp.

Auch Apotheken geben an, die Medikamentenknappheit zu spüren. Die Wartberg-Apotheke in Heilbronn erklärt auf Nachfrage von echo24.de, dass sie mindestens fünfmal am Tag Patienten ohne Medikament wegschicken müssen. Fiebersäfte für Kinder, Erkältungsmittel, sowie Nasensprays sind auch dort die am meisten betroffenen Medikamentengruppen, doch die Lieferprobleme ziehen sich laut Frau Albert der Wartberg-Apotheke durch „alle Sparten“. Auch dringend benötigte Mittel wie Insulin sind knapp: Die Lieferzeit betrage oft vier bis fünf Wochen.

Lieber rechtzeitig um eine neue Verschreibung kümmern, als einen Vorrat anzulegen

Rechtzeitig um neue eine Verschreibung kümmern: Viel mehr können Patienten, die regelmäßig auf die Einnahme bestimmter Medikamente angewiesen sind, wohl nicht tun. Doch melden sich die Personen frühzeitig bei der Apotheke, so haben diese etwas Zeit für die Besorgung des benötigten Arzneimittels.

Einen Vorrat anzulegen wird jedoch nicht empfohlen, da sich die Liefersituation dadurch verschlechtern kann. Die „Apotheken und Ärzte geben in solchen Situationen ihr bestmögliches, um die Arzneimittelversorgung und damit die Therapie der Patienten weiterhin sicherzustellen“. Manchmal gibt es Alternativen für die Medikamente, die Apotheken halten dann Rücksprache mit den Ärzten.

Alternativen zu Fiebersaft
Wenn das Kind Fieber hat, ist Fiebersaft meist die erste Wahl. Doch diese sind derzeit nur schwer zu bekommen. (Symbolbild) © Mascha Brichta/dpa-tmn

Lieferengpass bedeutet nicht, dass Behandlung erkrankter Menschen gefährdet ist

Die Landesapothekenkammer beruhigt: „Ein Lieferengpass bedeutet nicht automatisch, dass damit die notwendige Behandlung erkrankter Patienten gefährdet ist.“ Doch es bedeutet meist einen großen Aufwand für die Apotheker, Alternativen für ihre Patienten zu finden, damit diese versorgt werden.

Wie sich die Lage in Deutschland verbessern kann? Laut Landesapothekenkammer müssten „sich die Rahmenbedingungen insgesamt verbessern und die vielfältigen Ursachen für die Lieferengpässe ins Visier genommen werden“. Und: „Lieferengpässe müssen schon frühzeitig offengelegt und sämtliche Akteure in ein zentrales Informationssystem eingebunden werden. Auch dass Europa seine Abhängigkeit von Drittstaaten deutlich verringert, indem die Produktion von Wirkstoffen und Fertigarzneimitteln unter Beachtung der bei uns üblichen hohen Umwelt- und Sozialstandards wieder in die EU zurückgeholt wird, ist ein Anliegen.“

Grippewellen und Virus-Erkrankungen, wie das RS-Virus könnten die Medikamentenknappheit zudem weiter fördern.

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