Nach Schindelmeiser-Aus

VfB-Fans sorgen sich: Rückfall in schlechte Zeiten?

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Wolfgang Dietrich
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Zum Ausstand von Jan Schindelmeiser kommen mehr als 100 ehemalige Mitarbeiter.

Philipp Sauer ist verärgert, er befürchtet Schlimmes. „Nach der Entlassung von Jan Schindelmeiser sorge ich mich wieder einmal um den VfB.“ Für Sauer ist das Gefühl nicht ganz neu. Seit er denken kann, fiebert der heute 46-Jährige mit den Jungs aus Cannstatt. Aufgewachsen in der Nähe von Nürtingen, wohnt er heute auf der Alb. Ins Stadion geht er, wann immer es zeitlich möglich ist. Und nach mehreren Spielzeiten voller Frust haben ihm die Arena-Besuche in der 2. Liga wieder richtig Spaß gemacht. „Die junge Truppe gefällt mir. Das sind gute Jungs, denen verzeiht man auch Fehler“, sagt er. 

Die Zusammenstellung des Kaders, sagt Sauer, passe einfach. „Das hat der Schindelmeiser richtig gut gemacht. Was er anpackte, es hatte Hand und Fuß.“ Sauer ist nicht der Einzige, der Schindelmeisers Arbeit schätzte und seinen Rauswurf nicht versteht. Die Diskussions-Foren sind voll mit Beiträgen verärgerter Anhänger. Auch die echo24.de-Leser haben eine klare Meinung. Von den mehr als 4000 am Voting beteiligten User haben rund 75 Prozent kein Verständnis für Schindelmeisers Entlassung.

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Warum der ehemalige VfB-Sportvorstand bei den Fans so beliebt ist, liegt auf der Hand. Er gilt als demütiger, vernünftiger Gegenpol zu Aufsichtsratschef Wolfgang Dietrich, der bereits wieder die ganz großen Pläne schmiedet. Im Interview mit der „Sportbild“ sagte der VfB-Präsident vor einigen Wochen: "Mein Traum ist, dass wir uns bald im oberen Drittel der Tabelle etablieren und bestenfalls nur zwei Vereine größer sind als wir. Der eine sitzt im Süden, der andere im Westen".

Dass auch Schindelmeiser dieser Satz von Dietrich nicht gefiel, machte er intern klar deutlich. Weiß er doch am besten, wie weit der VfB organisatorisch und strukturell hinterherhinkt! Neben Dortmund und Bayern sind Leipzig, Hoffenheim, Leverkusen, Schalke 04, Wolfsburg und Gladbach bereits meilenweit weg, auch Köln und Frankfurt sind am VfB nicht nur sportlich vorbeigezogen! Daran ändern auch die durch die Ausgliederung möglichen Mehreinnahmen erst einmal nichts!

Schindelmeiser, das wissen auch die Fans, wollte den Rückstand mit harter Arbeit aufholen. Der 53-Jährige setzte auf Kontinuität, Luftschlösser bauen war mit ihm nicht drin! Der gebürtige Flensburger weiß: Große Töne haben noch nie Erfolg gebracht! Schon gar nicht als Aufsteiger.

Selbst die mit Stars gespickten Leipziger predigten nach ihrem Aufstieg vergangenes Jahr immer wieder, es gebe nur ein Ziel: Den Klassenerhalt!

Schindelmeisers Herangehensweise vergleichen viele Fans mit der von Jörg Schmadtke. Der Sportchef des 1. FC Köln hat seit seinem Dienstantritt selbst die euphorischen Rheinländer in die Spur gebracht, den Verein von Klüngeleien befreit und mit einem mutigen Trainer eine junge Mannschaft mit Zukunft aufgebaut. Die spielt jetzt sogar in der Europa League.

Statt symbolträchtig alternde Idole wie Lukas Podolski zurückzuholen, setzte Schmadtke auf Transfers mit langfristiger Perspektive. Rückschläge waren auf diesem Weg von Beginn an einkalkuliert.

Eins nach dem anderen! So ging auch Schindelmeiser alle seine Aufgaben an. Erste Weichen hatte er in seiner nicht einmal einjährigen Amtszeit bereits gestellt. Fast im kompletten Jugendbereich wurden neue Trainer eingesetzt. Auch die Scouting-Abteilung wurde bereits neu organisiert.

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Bei den Transfergewohnheiten schnitt Schindelmeiser alte Zöpfe ab! Hausmacht? Fehlanzeige. Jeder Berater wurde gleich behandelt! Es ging ihm um die Spieler und nicht um Seilschaften! Vetterleswirtschaft war ihm fremd! Auch er hielt wenig von Symboltransfers, weswegen eine Rückkehr von Daniel Didavi nie zum Thema wurde. Der bei den Fans beliebte Mittelfeldspieler hätte als Ex-Wolfsburger nicht nur den Gehaltsrahmen gesprengt, er wäre aufgrund seiner Verletzungsanfälligkeit auch ein echtes Risiko gewesen.

Auch den Abgang von Alexandru Maxim hat Schindelmeiser nicht zu verantworten. Als Politikum taugt der beliebte Mittelfeldspieler ohnehin nicht. Dass er in den vergangenen Jahren beim VfB von keinem Trainer als unersetzliche Stammkraft gesehen wurde, hat schließlich rein sportliche Gründe.  

Dass ausgerechnet Schindelmeiser nun vorgeworfen wurde, er habe mit der Spieleragentur von Artur Beck geklüngelt, ist an Absurdität nicht zu überbieten! Nicht ein Spieler von Beck steht beim VfB unter Vertrag!

Schindelmeiser agierte auf dem Transfermarkt wie es die Schwaben mögen! Zurückhaltend und sparsam! Übertriebene Ablösesummen? Nicht mit ihm! Augenmaß von Beginn an! Und immer im direkten Dialog mit dem Trainer! Schindelmeisers Credo: "In einem Jahr fragt niemand mehr, wann ein Spieler während der Transferperiode verpflichtet wurde. Hauptsache, er ist gut und hilft der Mannschaft weiter."

Eine Einstellung, die auch Hannes Wolf teilt. Der Trainer weiß: Im Rennen um Verstärkungen startet der VfB von hinteren Positionen und braucht deshalb einen längeren Atem als die Konkurrenz. Weil sie immer auf einer Wellenlänge funkten, arbeiteten Wolf und Schindelmeiser bis zuletzt sehr eng und vertrauensvoll zusammen. 

Die Karriere von Hannes Wolf in Bildern

Sichtlich berührt und von der Entwicklung überrascht kommentierte Wolf dann auch Schindelmeisers Entlassung. "Das ist schon krass gewesen und ich möchte hier noch einmal betonen wie sehr ich ihm dankbar bin, von ihm diese Chance erhalten zu haben."  

Solo-Aktionen, wie von einer Stuttgarter Zeitung kolportiert, unternahm Schindelmeiser keine! Jeder Transfer war mit Trainer Wolf abgestimmt! So ist es üblich und sinnvoll! Dass er als Sportvorstand den Aufsichtsrat und den Vorsitzenden Dietrich bei Neuverpflichtungen nicht einbeziehen muss, ist formell in der Satzung der VfB-AG genau so festgelegt.

Schindelmeiser traf die in seiner Job-Beschreibung wichtigen Entscheidungen und übernahm dafür Verantwortung! Er war eine Führungskraft, die Mut zu Veränderungen hatte! Veränderungen, die notwendig waren, in einem Unternehmen, das in den vergangenen Jahren nicht gerade erfolgreiche agierte. Dass er als Sportvorstand dabei einigen Mitarbeitern und Funktionären auf den Schlips treten musste, gehörte zwangsläufig dazu!

Schindelmeiser wurde schlussendlich seine klare Linie und seine Beliebtheit bei den Fans zum Verhängnis! Der Weg mit jungen Spielern und einem hochbegabten Trainer in die Zukunft zu gehen, gefällt den Fans. Die verzeihen dann auch Rückschläge wie in der 2.Liga gegen Dresden und in Würzburg!

Mit Dietrichs Wunsch nach der ganz großen Nummer war Schindelmeiser Kurs scheinbar nicht kompatibel! Dass der Sportvorstand auf seinem Weg und auf seinem Zuständigkeitsbereich beharrte, brachte bei Dietrich wohl das Fass zum Überlaufen. Fachlich konnte man Schindelmeiser wirklich nichts vorwerfen. Entsprechend dünn ist auch die Presseerklärung des Vereins zur Trennung von ihm. Auch in einem Interview kann Dietrich keine schlüssigen Gründe für die Entlassung nennen. Es bleibt der Eindruck, dass es dem Präsidenten einzig und allein um persönliche Eitelkeiten ging.

Der Aufsichtsratsboss, das dürfte spätestens seit dem Rauswurf Schindelmeisers jedem klar sein, sieht sich als starken Mann an der Spitze. Soll heißen: Es gibt nur einen Chef - und der heißt Dietrich.

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Auch deshalb passt die Verpflichtung von Michael Reschke perfekt in Dietrichs Spiel! Ob bei Bayer Leverkusen oder bei den Bayern: Der 59-Jährige agierte stets als Stratege aus dem Hintergrund! Daran wird sich vermutlich nicht viel ändern! Der ausgewiesene Fachmann wird die Strippen ziehen. Dietrich hingegen ist ab sofort der Mann für die erste Reihe.

Der Aufsichtsrat setzt dabei auf die Kraft der Bilder. Im Trainingslager präsentiert sich Dietrich in kurzen Hosen und in VfB-Trainingsklamotten mit den Fans. Zugehörigkeit zum Team und Volksnähe soll das suggerieren. Und obwohl sich Dietrich bis zuletzt vehement gegen eine Verpflichtung Holger Badstubers gestemmt haben soll, postete er auf seinem Facebook-Profil kurz nach der Verpflichtung ein Bild mit dem ehemaligen Nationalspieler.

Vom daneben stehenden #nurdervfb sollten sich die Fans nicht blenden lassen und lieber mal beim Lokalrivalen Stuttgarter Kickers nachfragen. Dort war Dietrich mit seiner Firma Quattrex Sports AG als Geldgeber aktiv und hinterließ einen Scherbenhaufen. Der ehemalige Kickers-Präsident Edgar Kurz sagte der Stuttgarter Zeitung: „Herr Dietrich hat sich massiv eingemischt. Er duldet keinen Widerspruch."

Jan Schindelmeiser kann davon auch ein Lied singen! Dass er eigentlich mit der Wahl Dietrichs zum Präsidenten schon verloren hatte und nur noch als Stimmensammler für die Ausgliederung diente, weiß er jetzt auch!

Da er das Fußball-Geschäft gut kennt, werfen ihn falsche Spiele auch nicht mehr aus der Bahn. Leid tut es ihm nur, dass er für die Mannschaft, den Klub und die Fans nichts mehr tun kann! 

Viele seiner ehemaligen Kollegen bedauern Schindelmeisers Rauswurf übrigens auch. Als der Ex-Vorstand am Mittwoch zum Ausstand in ein Stuttgarter Restaurant einlud, waren mehr als 100 Plätze belegt. Die Mannschaft war, angeführt von Kapitän Christian Gentner, genauso vertreten wie alle Abteilungen der VfB-Geschäftsstelle. Anwesende berichten von emotionalen Abschiedsszenen und rührenden Dankesreden.  

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