Hinter den Kulissen des Weltcups

Biathlon in Ruhpolding: Mit Gelassenheit und Reggae-Expertise in die Herzkammer des Biathlons

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Johannes Stief (Mitte) und seine Stellvertreter Max Posselt (links) und Bernhard Martini
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Eigentlich sollte Aufregung und Hektik herrschen. 8.000 Zuschauer werden zum Sprint der Damen in der Chiemgau Arena erwartet, gut die Hälfte hat schon ihre Plätze eingenommen. Die Zeit der Vorbereitung ist vorbei, jetzt gilt's!

Ruhpolding - Von Aufregung Aufregung und Hektik ist bei Johannes Stief, Bernhard Martini und Max Posselt aber keine Spur. Gelassen stehen die drei hinter der Haupttribüne. Ein Telefonat hier, ein Funkspruch da, Händeschütteln und einige lockere Sprüche gehören auch dazu.

"Wir haben das ganze Jahr dafür gearbeitet, dass ab heute alles reibungslos über die Bühne geht. Das ist uns gut gelungen", sagt Stief, der seit 2014 der Verantwortliche für die Zugangskontrolle und den Ordnungsdienst beim Biathlon in Ruhpolding ist.

Gemeinsam mit seinen Stellvertretern Martini und Posselt steuert er 200 ehrenamtliche Helfer. "Wir sind eine große Familie, die Hand in Hand zusammenarbeitet. Jeder einzelne hier ist wichtig, ich bin sehr stolz auf die 200 Menschen, die hier, ohne dafür entlohnt zu werden, mit anpacken und ohne die ein Biathlon-Weltcup in Ruhpolding nicht möglich wäre.“

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200 ehrenamtliche Helfer? Wo bekommt man die denn her? "Die Resonanz ist jedes Jahr wieder phänomenal, die Leute lieben den Biathlon, nehmen sich extra Urlaub und kommen auf eigene Kosten nach Ruhpolding, um uns unentgeltlich zu unterstützen", sagt Martini, der aus Ingolstadt kommt und schon bei zahlreichen Großveranstaltungen organisatorisch tätig war.

Die Ruhe vor dem Sturm. Auf dem Weg ins Stadion herrscht viele Stunden vor Beginn des Rennens noch Ruhe. 

Er bringt die Expertise aus über zehn Jahren Biathlon in Ruhpolding mit, seit 2008 unterstützt er das Team der Chiemgau Arena. "Über die Webseite biahlonhelfer-ruhpolding.de kriegen wir jährlich zahlreiche Bewerbungen, aus Berlin und Hamburg sind da sogar welche dabei", sagt Martini sichtlich stolz und ergänzt: "Die meisten ehrenamtlichen Helfer aber sind natürlich aus der Gegend."

Biathlon in Ruhpolding: "Ich bin für die Aborigines zuständig"

Und um die kümmert sich Stief dann auch persönlich. "Ich bin für die Aborigines zuständig, für die Ureinwohner", sagt Stief und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Als Ruhpoldinger und Teil des Gemeinderats kennt er die Gegebenheiten vor Ort aus dem Effeff, er weiß sofort, wen es bei welchen Fragen auch immer zu kontaktieren gilt.

Und der Dritte im Bunde? Der bringt Reggae-Feeling an die Führungsspitze der Ehrenamtler in Ruhpolding. Max Posselt kommt aus dem nahegelegenen Übersee und war jahrzehntelang an der Organisation des Chiemsee-Reggae-Summers in Übersee beteiligt.

"Ohne Ehrenamt würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren"

Von diesem Erfahrungsschatz profitiert er, in erster Linie aber die Organisation der Ehrenamtler. "In Übersee wohnen 5.000 Menschen, zum Reggae-Summer kamen 30.000 Zuschauer. Da muss man Organisieren und logistisch Denken können“, sagt Posselt und betont einen Punkt, der ihm besonders am Herzen liegt. "In all den Jahren habe ich gelernt, dass unsere Gesellschaft ohne das Ehrenamt nicht funktionieren würde. Daher würde ich mir wünschen, dass das Ehrenamt in Deutschland wieder mehr gefördert wird und wir es wieder mehr wertzuschätzen wissen".

Nur einen kurzen Moment geht Posselt aus sich raus, dann ist er der wie seine Kollegen auch wieder die Ruhe in Person, während um sie herum die Zuschauer in die Arena strömen.

Biathlon in Ruhpolding: So sind alle Teile der Arena abgedeckt

Eine lockere Schraube hier, ein Loch im Zaun da oder ein Ticket, das nicht lesbar ist. Stief, Martini und Posselt packen selbst mit an, wenn sie gerade in der Nähe sind. Aber überall können die drei auf dem riesigen Areal der Chiemgau Arena natürlich auch nicht gleichzeitig sein.

"Wir verteilen uns so, dass wir das Gebiet sinnvoll abdecken. Und dann sind da natürlich noch die acht Abteilungsleiter, die für vorab eingeteilte Bereiche im Stadion und für ihr eigenes Team im jeweiligen Bereich verantwortlich sind", sagt Stief, der dann auch gleich kurzen Funkkontakt zu einem der Abteilungsleiter aufnimmt.

Biathlon in Ruhpolding: Die Pyramide als effiziente Lösung

Er hat die Lage im Griff und erklärt: "Wir sind mit den Abteilungsleitern direkt verbunden, die dann jeweils mit ihrem Team kommunizieren". Dieses pyramidenförmige System hat sich im Laufe der Jahre bewährt, wie Martini bestätigt. "So sind wir indirekt mit allen 200 Helfern verbunden und haben die Lage an jedem wichtigen Punkt in der Arena unter Kontrolle. Auch mit den Arbeitern der Chiemgau Arena und den Verantwortlichen des SC Ruhpolding, die sich um die Verpflegung der Zuschauer kümmern, stehen wir ständig in Kontakt. Wir arbeiten hier Hand in Hand", ergänzt er.

Längst stehen wir nicht mehr hinter der Haupttribüne, wir waren am Haupteingang, haben kurz mit der Chefin des Sicherheitsdienstes gesprochen, eine Runde gedreht und bewegen uns wieder auf den Eingang ins Stadion zu.

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Biathlon in Ruhpolding: Und dann geht es in die Herzkammer

"Und jetzt kommen wir in die Herzkammer des Biathlon-Weltcups", kündigt Stief an und verspricht nicht zu viel. In der "Herzkammer" machen sich die Biathletinnen für den Wettbewerb warm, hier stehen die präparierten Ski, hier werden die letzten Vorkehrungen getroffen, bis die Athletinnen dann auf die Strecke gelassen werden. "Hier dürfen nur unsere besten Leute ran, hier muss alles reibungslos laufen", betont Stief, der seit März mit der Organisation beschäftigt ist.

Der Startbereich ist Teil der "Herzkammer" der Chiemgau Arena in Ruhpolding. Hier wird die Italienerin Lisa Vittozzi (rechts) auf den Start vorbereitet.

Dieser hohe Aufwand macht sich bezahlt. Die 8.000 Fans genießen bei strahlendem Sonnenschein das erste Rennen des Biathlon-Weltcups von Ruhpolding. Bis Sonntag sind Stief, Martini, Posselt und ihre 200-köpfige Familie noch im Einsatz und haben dabei ein großes Ziel.

"Wenn alle Zuschauer und Sportler unbeschadet und zufrieden wieder abreisen" sagt Stief, dessen persönliches Highlight noch bevorsteht. "Am Donnerstag kommt eine Gruppe von 80 behinderten Kindern, die wir direkt in die Arena bringen, damit sie sich das Rennen anschauen können. Wenn ich diese glücklichen und dankbaren Gesichter sehe, weiß ich, dass sich der ganze Aufwand wieder gelohnt hat".

Quelle: chiemgau24.de

*chiemgau24.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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