NSU-Schwimmabteilung mit einmaligem Projekt

Neckarsulm wird zur Olympia-Schmiede

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Lukas Kraft beim Training im Neckarsulmer Aquatoll.
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In Neckarsulm baut Trainer Christian Hirschmann mit viel Unterstützung ein grandioses Sportförderprojekt auf.

Lukas Kraft schwingt die Arme. Ein, zwei Mal atmet er kräftig durch. Dann setzt er die Brille auf die Nase und springt. 50 Meter Vollgas-Sprint. Dann der erwartungsvolle Blick zu Trainer Christian Hirschmann. Der reckt den Daumen in die Luft. "Ich hab dich jetzt drei Mal exakt gleich schnell gestoppt." Ein gutes Zeichen kurz vor Trainingsende. Denn was im Alltag schon gut läuft, geht im Wettkampf noch besser. Und genau darum geht's! Mit einem Pilotprojekt will die Schwimmabteilung der Neckarsulmer Sport-Union Profisport auf eine neue - und ungewöhnliche - Basis bringen.

"Nach Tokio wollen wir drei bis vier Schwimmer aus unseren Reihen schicken können", erklärt Hirschmann. Das ist das gesetzte Ziel der NSU-Schwimmer. Ehrgeizig ja, aber auch erreichbar! Nicht nur, weil mit Clemens Rapp schon in Rio 2016 ein Olympia-Teilnehmer dabei war und jetzt ein tolles Vorbild ist. Auch weil Hirschmann derzeit ein in Deutschland einmaliges Sportfördersystem auf die Beine stellt. Ähnlich wie bei Sportsoldaten. In diesem Fall soll jedoch auf privater Ebene eine Perspektive auf einen beruflichen Werdegang eröffnet und gleichzeitig Profisport möglich gemacht werden. Für viele Athleten abseits vom Fußball ein Traum - in Neckarsulm bereits Wirklichkeit.

Hartes Training im Neckarsulmer Aquatoll

"Ich bin völlig frei in meiner Zeiteinteilung, so lange ich meine Arbeiten erledige. In härteren Trainingsphasen ist mein berufliches Pensum daran angepasst", berichtet Kraft. Er ist das Versuchskaninchen. Der erste, der in vollem Umfang vom Arrangement profitiert. Für ihn ist Hirschmann Coach UND Chef zugleich. Denn: Der erfolgreiche Geschäftsführer sorgt mit seinen Firmen für die finanzielle Absicherung der geförderten Sportler. Zukünftig sollen das drei bis vier sein. Hirschmann: "So haben sie den Kopf frei und können sich vielleicht besser aufs Schwimmen konzentrieren."

Schwimmen jetzt in der 2. Bundesliga: Die männliche DMS-Mannschaft der NSU. Mit Olympia-Teilnehmer Clemens Rapp (oben, 1.v.l.), Lukas Kraft (unten, 1.v.r.) und Trainer Christian Hirschmann (unten, 2.v.r.).

Ein wichtiger Punkt nach zwei für die deutschen Schwimmer völlig verpatzten olympischen Spielen in Folge. Denn nach London und Rio hagelte es Kritik von allen Seiten. Viele Aktive und auch Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz forderten mehr Geld. Franziska van Almsick betonte dagegen, dass der Trainingsaufwand nicht ausreiche. Andere Nationen würden deutlich mehr Umfang liefern. Zwei Seiten der selben Medaille. Mit Fördersystemen wie in den USA kann der Deutsche Schwimm-Verband schon lange nicht mehr mithalten. Egal ob in der finanziellen oder logistischen Unterstützung.

Neckarsulm kann jetzt beides. Die Schule ermöglicht Trainingsreisen und Wettkampfreisen sowie Frühtraining. Die Sportler holen jedoch den versäumten Unterricht sowie Prüfungen nach, bekommen so allen Stoff mit. Für Kraft Grund genug ein Jahr vor dem Abitur die Schule zu wechseln. Dafür zog er mit 17 von zu Hause aus. Ein Schritt, den er bis heute nicht bereut. Denn nach dem Abi ging es nahtlos weiter.

Was halten Sie von der Sportförderung in Deutschland?

Kraft: "Ich sammle berufliche Erfahrung, die Aufgaben machen mir Spaß, fordern und fördern mich. Außerdem kann ich mich trotzdem voll auf den Sport konzentrieren. Was will ich mehr?" Auch Hirschmanns Unternehmen sollen in Zukunft profitieren. "Wenn ich Athleten anstelle, dann weiß ich, dass ich richtig liege. Sie bringen vieles schon mit: Disziplin, Ehrgeiz und die passende Schwimmer-Mentalität."

Ein Geben und Nehmen, dass durch perfekte Trainingsbedingungen im Aquatoll sowie die optimale Vereinsstruktur der Sport-Union möglich gemacht wird. Hirschmann: "Ohne diese Voraussetzungen wäre es nicht möglich professionellen Leistungssport zu fördern. Nur durch unser unterstützendes Umfeld können wir den Schwimmsport in Neckarsulm und im Unterland stärken und junge Talente hervorbringen."

Doch längst zieht nicht nur der Nachwuchs Nutzen aus den professionellen Strukturen in Neckarsulm. Auch Rapp startet, obwohl am Olympia-Stützpunkt in Heidelberg trainierend, für die Sport-Union. Nach seinem Masterstudium wird er voraussichtlich in einem von Hirschmanns Unternehmen anfangen. Im Interview mit echo24.de war sich der 27-Jährige vor einigen Wochen zwar noch nicht sicher, doch die NSU-Förderung könnte den Ausschlag FÜR den weiteren Weg als Profisportler sichern. Ganz ohne dabei Zeit für eine anschließende Karriere zu verlieren.

Lukas Kraft jedenfalls will diesen Weg ganz sicher beschreiten. Kurz nach den Deutschen Meisterschaften im Juni sogar noch intensiver. Mit einem Sportstipendium studiert der 19-Jährige dann in den USA. "Nebenbei" spielt das Training auch dort eine große Rolle. Bei all den Neuerungen und Herausforderungen - um die Finanzierung muss sich Kraft allerdings erst einmal keine Sorgen machen. Und wer weiß: Vielleicht wird er auch 2020 in Tokio auf dem Block stehen, die Arme schwingen, zwei Mal kräftig durchatmen. Und am Ende den erhobenen Daumen vom Trainer sehen. Das Neckarsulmer Ausnahme-Projekt könnte es möglich machen.

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