Eine Bestandsaufnahme

Die Zeit für Experimente ist bei den Heilbronner Falken abgelaufen

  • Marc Thorwartl
    vonMarc Thorwartl
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In Bayreuth kassierten die Heilbronner Falken eine Niederlage - die vierte im vierten Spiel nach dem Lockdown. Trainer Michel Zeiter steht in der Kritik.

Die Körpersprache der Heilbronner Falken war eindeutig. Nach dem dritten Treffer der Bayreuth Tigers waren sie gebrochen. Acht Minuten hatten die Franken im letzten Drittel benötigt, um aus einem 0:1-Rückstand den 3:1-Sieg zu machen. Auf der Pressekonferenz zollte Falken-Trainer Michel Zeiter seinem Team Respekt, lobte, wie aufopferungsvoll es gekämpft hat, beschwor die harte Zeit mit den vielen Ausfällen im Team.

Den Fans der Heilbronner Falken ist das mittlerweile egal. Lautstark fordern sie den Rauswurf des eidgenössischen Trainers in den Sozialen Medien. Sie werfen ihm vor, aus einem erfolgreich funktionierenden Team der vergangenen Saison eine Rumpeltruppe gemacht zu haben, kritisieren seine Personalpolitik, werfen ihm Systemlosigkeit vor. In normalen Zeiten wäre das im knallharten Profisport-Business wohl wirklich ein Thema - aber zum einen herrscht gerade das Pandemie-Zeitalter, zum anderen steht der Coach ja nicht selbst auf dem Eis.

Heilbronner Falken fehlt der Leitwolf

Der Grund für das desaströse Abschneiden der Heilbronner Falken dürfte vielmehr in der Qualität des Kaders liegen. Die ist in Teilen durchaus vorhanden, kommt aber überhaupt nicht zum Tragen. Warum? Die Mannschaft besteht aus Mitstreitern. Viele willige Helfer - aber keiner, der Verantwortung übernimmt und das Team führt. Alle Fans waren in Sommer mit der Verlängerung der Verträge der Spieler einverstanden, lobten die Kontinuität und den Versuch, eine Gewinner-Truppe nur punktuell noch zu verbessern. Bei der Kaderplanung unterlief aber ein Fehler.

Das große Problem der Heilbronner Falken: Für Derek Damon konnte kein adäquater Nachfolger verpflichtet werden.

Womöglich hatten die Verantwortlichen die Bedeutung eines Derek Damons unterschätzt. Der war vergangene Saison der Leitwolf, dem sich alle ausnahmslos unterordneten. Er gab die Kommandos auf dem Eis, sagte, wann man defensiver zusammenstehen, wann aggressiver stürmen muss. Diese Führungsfigur würde auch einem neuen Trainer fehlen, weshalb die Fan-Hoffnung „Mit einem neuen Coach wird alles besser“ blauäugig ist und nicht eintreten würde.

Heilbronner Falken liegen bei Importstellen daneben

Alexander Mellitzer, Trainer der Heilbronner Falken der vergangenen Saison, hatte bereits zu seiner Zeit gesagt: „Die Liga ist unglaublich eng, hat qualitativ stark zugelegt. Es sind die Ausländer, die vielfach den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen.“ Das ist in dieser Saison noch stärker zum Tragen gekommen. Matt Neal war der erklärte Wunschspieler des Trainers, doch er ist seinen Vorschusslorbeeren bisher nicht ansatzweise gerecht geworden. Dass er es kann, hatte er in der Vergangenheit gezeigt, aber in Heilbronn klappt das überhaupt nicht. Wenn er jetzt nicht anfängt zu liefern, dann werden sich die Unterländer auf lange Zeit im Tabellenkeller einnisten.

Noch unverständlicher war die Entscheidung, Aron Reisz ins Team zu holen. Die Verlockung war groß, die Personaldecke der Heilbronner Falken zu diesem Zeitpunkt enorm ausgedünnt, und dann gab es da einen Spieler, der sofort aufs Eis konnte. Das erinnert an den Strohhalm, nach dem man in der Not greift. Warum wurde nicht ein Try-out veranschlagt, warum musste gleich ein Abschluss für die ganze Saison erfolgen? Ohne Fachmann zu sein, darf man nach seinen bisherigen Spielen feststellen: Reisz ist ein Kaderfüller, da gibt es gleichwertige, junge deutsche Spieler im Team. Diese Ausländerstelle ist verschenkt.

Trügerische Hoffnung bei den Heilbronner Falken

Der Januar wird für die Heilbronner Falken knallhart. Drei Spiele jede Woche, 13 Partien insgesamt. Zeiter hofft auf die Rückkehrer, ist sich sicher, dass dann gepunktet wird. Doch wer sollen diese Rückkehrer sein? Es gibt genau zwei Kandidaten, die mit ihrer Klasse helfen könnten. Aber Justin Kirsch wurde von Zeiter bisher nicht so ins System eingebunden, dass dessen Stärken zur Geltung kommen. Und bei Davis Koch weiß man nicht, ob der bereits im Januar oder doch erst ab Februar ins Spielgeschehen eingreifen kann.

Mit Brune, Valenti oder Wirth darf man aufseiten der Heilbronner Falken gar nicht rechnen. Die sind - angesichts der Verletztenmisere - wohl für lange Zeit beim Kooperationspartner Adler Mannheim im Einsatz. Und da jetzt auch noch Lampl bei den Kurpfälzern ausfällt, wird Florian Elias nach der U20-WM nicht in der Käthchen-, sondern eher in der Quadratestadt spielen. Damit bleiben als Rückkehrer Kirsch, Preto, Schumacher und Tiefensee übrig. Von diesen Spielern darf man keine Wunderdinge erwarten.

Wie steht es finanziell um die Heilbronner Falken?

Es ist verständlich, dass angesichts der Nachverpflichtungen anderer DEL2-Vereine - heute hat der ESV Kaufbeuren beispielsweise Sören Sturm unter Vertrag genommen - Begehrlichkeiten bei den Fans der Heilbronner Falken geweckt werden. Falken-Geschäftsführer Stefan Rapp hatte erst vor Kurzem gegenüber echo24.de gesagt: „Unser oberstes Ziel ist es, DEL2-Eishockey auch in der kommenden Saison in Heilbronn zu sehen.“ Damit ist klar: Es wird keine finanziellen Harakiri-Aktionen geben. Es ist davon auszugehen, dass die GmbH-Gesellschafter eh schon jede Menge Geld nachschießen, um diese Spielzeit überhaupt zu gewährleisten. Fordern als Fan ist einfach - aber irgendjemand muss auch bereit sein, Geld zur Verfügung zu stellen. Angesichts der Pandemie eine Herkulesaufgabe.

Allerdings droht eine Gefahr: Sollten die Heilbronner Falken nicht bald erfolgreicher sein, ist die Abstiegsrunde wohl nicht zu vermeiden. Viele europäische Ligen haben bereits festgelegt, dass es keinen Absteiger gibt - die DEL2 allerdings noch nicht. Somit könnte wirklich am Ende der Saison ein Klub in den sauren Apfel beißen. Dieses Horrorszenario will man sich in Heilbronn gar nicht vor Augen halten. Deshalb wäre es wohl das Beste, wirklich noch einmal Geld in die Hand zu nehmen und einen echten Kracher für die Ausländerposition zu verpflichten, der dann das ganze Team mitreißen könnte. So denn er finanzierbar ist.

Rubriklistenbild: © Thorwartl

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