Hansi Flick

Bayern-Coach Hans Flick: „Das ist genau mein Ding“

  • Jan Christian Müller
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Bayern-Erfolgstrainer Hansi Flick erklärt seine Art zu coachen, seine Wertschätzung für Kimmich, Alaba, Boateng und Müller  - und warum er manchmal streng werden kann.

  • Seit Herbst 2019 ist Hansi Flick Cheftrainer bei Bayern München
  • Aus der Übergangslösung wurde eine Idealbesetzung
  • Der Trainer der Bayern im Interview

Als Hansi Flick im vergangenen Herbst nach dem 1:5 der seinerzeit ziemlich zerzausten Bayern bei Eintracht Frankfurt den Trainerposten vom beurlaubten Niko Kovac übernahm, glaubte man, der Abonnementmeister hätte nicht mehr als eine ordentliche Zwischenlösung gefunden. Tatsächlich hat sich der 55-Jährige als Idealbesetzung mit Perspektive erwiesen. Da weiß einer, die Profis anzupacken in der richtigen Mischung aus Lässigkeit und Autorität. Ein langfristiger Vertrag ist die logische Folge. Im Interview vor dem Pokalspiel am Mittwoch (09.06.2020) gegen Eintracht Frankfurt* erklärt der öffentlich zurückhaltend agierende Flick seine Art der Menschenführung.

Herr Flick, München ist weit weg von Ihrer Heimat bei Heidelberg. Haben Sie Ihre Kinder und Enkel während der Corona-Zeit inzwischen endlich mal wieder persönlich treffen können?

Nein. Leider noch nicht.

Hansi Flick: „ Auch wir Trainer unterliegen den Quarantäne-Bestimmungen“

Se lbst über Pfingsten blieb keine Zeit? Da gab es doch von Ihnen zur Belohnung für den Sieg gegen Düsseldorf zwei freie Tage für die Mannschaft.

Ja, die Zeit wäre sogar dagewesen. Aber die Erlaubnis nicht. Auch wir Trainer unterliegen den Quarantäne-Bestimmungen des medizinischen DFL-Konzepts. Das heißt: Nur die wirklich notwendigen sozialen Kontakte am Wohnort sind gestattet. Daran halten wir uns bei Bayern München sehr gewissenhaft.

Schaut man sich die Geisterspiele im Fernsehen an, hat es ganz den Anschein, als wirkten Sie in der Coachingzone ruhiger als die meisten Kollegen. Wie empfinden Sie es selbst?

Für mich ist das Coaching im Grunde wie sonst auch. Mit einem Unterschied: Ich höre viel mehr von der Mannschaft auf dem Platz.

Hansi Flick über die Bayern-Spieler: Sie „pushen und coachen sich gegenseitig“

Wie gefällt Ihnen das, was Sie da hören?

Sehr gut. Die Spieler pushen und coachen sich gegenseitig enorm. Ich selbst versuche es zu dosieren und verschaffe mir wirklich nur dann Gehör, wenn ich den Eindruck habe, die Mannschaft braucht mich jetzt. Das ist meine Art. Ich gehöre sicher nicht zu der Kategorie Trainer, die lautstark alles kommentieren.

Erkennen Sie bei dem einen oder anderen Spieler andere Verhaltensweisen als mit Fans im Stadion?

Eigentlich nicht. Jeder Spieler hat sich wirklich gut auf die ungewohnte Situation eingestellt. Wir haben intensiv darüber gesprochen, dass wir gerade jetzt in jedem Training und jedem Spiel alles geben wollen. Denn es ist ja nicht nur auf dem Platz eine ganz andere Situation.

Die Trainingsarbeit hat sich völlig verändert

Inwieweit?

Der ganze Ablauf außerhalb des Platzes hat nicht mehr viel mit dem zu tun, was man unter „Mannschaft“ versteht. Die Spieler kommen relativ kurz vorm Training an und sind nach dem Training auch schnell wieder weg.

Weil es zum Konzept gehört, mit Blick auf Corona möglichst wenig in der großen Gruppe zusammen zu sein?

Genau. Das lässt natürlich auch mir als Trainer weniger Möglichkeiten, mir mal einen Spieler beiseite zu nehmen und mit ihm persönlich zu reden. Das fällt fast komplett weg, dafür bleibt nur die eigentliche Trainingszeit und das Spiel. Genau bei diesen beiden Ereignissen können wir als Mannschaft eine hohe Qualität zeigen. Darauf kommt es umso mehr an.

Bei Bayern München wurde vieles richtig gemacht

Diese Qualität ist in der Tat zuletzt beeindruckend gewesen. Haben Sie sogar das Gefühl, dass „Fußball pur“ zu einem höheren Niveau führt?

Nein. Wir zeigen genau das, was unserer Qualität entspricht. Es zeigt sich auch, dass wir während der Corona-Pause sehr gut gearbeitet haben. Das gemeinsame Cyber-Training und das Kleingruppentraining waren dabei ganz wichtig. Da haben wir uns ein Fitnessniveau erarbeitet, das uns jetzt sehr konzentriert über 90 Minuten trägt.

Erwarten Sie, dass der FC Bayern sogar sportlich noch gestärkt aus der Krise hervorgeht im Vergleich zur europäischen Konkurrenz?

Schwierig einzuschätzen zu diesem frühen Zeitpunkt. Was ich auf alle Fälle sagen kann: Bei uns wurde aus meiner Sicht vieles richtig gemacht, sowohl, was die Deutsche Fußball-Liga als auch die politisch Verantwortlichen angeht.

Deutschland als Vorbild?

Finde ich schon. Wobei ich auch einräumen muss: An die Spiele ohne Publikum versucht man sich zu gewöhnen – und gewöhnt sich doch nicht so recht daran.

Manche Experten glauben, wirtschaftlich könnte der Klub mit dem berühmten Festgeldkonto profitieren.

Na ja, die Topklubs in England und Frankreich werden mit den Investoren im Rücken stark bleiben, die Spanier auch. Unsere Möglichkeiten sind weit entfernt von unerschöpflich. Wir brauchen eine kluge Transferpolitik. Und wir haben ja auch einen sehr guten Kader beisammen.

Der FC Bayern und die Gier nach Toren

Der öffentliche Eindruck war im November, als Sie von Niko Kovac übernommen haben, noch ein anderer.

Das stimmt. Wir haben Ende November zu Hause gegen Leverkusen und in Mönchengladbach zwei Spiele verloren. Seinerzeit hieß es, den Bayern fehle eine stabile Achse, die anderen Mannschaften hätten mächtig aufgeholt und keinen Respekt mehr.

Und jetzt heißt es schon wieder: Der FC Bayern ist zu dominant.

Genau. Weil unsere Spieler einen sensationellen Job machen und eine unheimliche Gier auf Tore an den Tag legen. Und weil sie verstanden haben, dass es bei aller individueller Qualität nur mit hundertprozentiger Mentalität und als Team funktioniert.

Das haben Sie geschafft, Herr Flick. Sind Sie stolz darauf?

Vor allem bin ich stolz auf meine Mannschaft.

In der Sie ein paar bedeutende Umstellungen vorgenommen haben. Zum Beispiel spielt Joshua Kimmich nahezu immer zentral im Mittelfeld. Ist er mit gerade mal 25 schon ein Leitwolf?

Er ist in jedem Training zu hundert Prozent dabei. Das lässt einem als Trainer das Herz höher schlagen. Denn man sieht: Er macht das nicht nur für sich selbst. Er kann seine Mitspieler mitreißen.

Hansi Flick über David Alaba: „Links verteidigen mit geschlossenem Auge“

David Alaba spielt bei Ihnen stabil in der Innenverteidigung. Das, was er da macht, sieht verdächtig nach Weltklasse aus. Wie beurteilen Sie das und machen Sie sich für eine Vertragsverlängerung stark?

Schauen Sie sich die Historie bei David Alaba an: Er kam als 16-Jähriger zum FC Bayern, wurde bei uns ausgebildet, war mal eine halbe Saison nach Hoffenheim ausgeliehen, hat sich dort entwickelt, kam zurück und war dann lange Jahre Linksverteidiger.

Man dachte, dort links würde er sein Leben lang Fußball spielen…

…für ihn war es gut, dass er aus dieser Komfortzone rausgekommen ist. Links verteidigen konnte er mit geschlossenen Augen nachts um halb drei perfekt. Die neue Position als Innenverteidiger hat er sehr gut angenommen.

Sieht ebenfalls perfekt aus, oder?

Auf alle Fälle tritt er in dieser Position noch mehr als Leader hervor. Sein Spielaufbau mit den scharfen Pässen von hinten heraus ist enorm wichtig für uns. Er startet oftmals unsere Angriffe mit einem klugen Anspiel. Zudem antizipiert er regelmäßig gegnerische Angriffe und unterbindet sie so auf sehr hohem Niveau. Und in der Defensive fällt er mir jetzt im leeren Stadion noch mehr durch sein kluges Coaching der Mitspieler auf.

Wie haben Sie das mit David Alabas Nebenmann Jerome Boateng hingekriegt? Er war ja gefühlt schon weg von den Bayern. Stattdessen spielt er jetzt wieder fast so gut wie im WM-Finale 2014, als Sie selbst als Assistent von Joachim Löw im Maracana-Stadion dabei waren.

Ich kenne Jerome schon eine ganze Zeit. Es ist wichtig, dass man die Bereitschaft hat, hart an sich zu arbeiten. Es geht nicht mal eben am Abend, dass ein Spieler sich sagt, am nächsten Morgen bringe ich wieder Leistung. Da gehört schon ein bisschen mehr dazu.

Hansi Flick lobt Jerome Boateng: „Starke Leistung, sehr fokussiert“

Und das haben Sie Jerome Boateng klargemacht?

Natürlich haben seine aktuell starken Leistungen viel mit seiner Fitness zu tun. Er ist wieder sehr fokussiert. Das tut seinem Spiel gut und seinem Selbstvertrauen. Das Selbstvertrauen ist bei jedem Spieler ein wichtiger Faktor. Jeder Arbeitnehmer braucht doch eine gewisse Wertschätzung und Vertrauen in seine Leistungsfähigkeit. Darauf achten wir im Trainerteam sehr. Wir machen den Spielern aber auch deutlich, was wir von ihnen erwarten. Wir fordern und fördern.

Bei Thomas Müller hat das mit dem fordern und fördern ebenso hervorragend funktioniert. Sie haben ihn bei der Nationalmannschaft ja schon lange begleitet. Würden Sie zustimmen: Wir sehen gerade den besten Thomas Müller, den es je gab?

Ich finde, den jungen Thomas Müller und den, den wir jetzt gerade erleben, kann man nicht so ganz miteinander vergleichen. Früher war es vor allem seine unglaubliche Unbekümmertheit, die ihn ausgezeichnet hat. Er hat aus Intuition ganz, ganz oft genau das Richtige gemacht und ist dorthin gelaufen, wo normalerweise niemand hinlaufen würde.

Hansi Flick über Thomas Müller: „Sein Trumpf ist die Erfahrung“

Und jetzt hat er diese Unbekümmertheit gar nicht mehr?

Jetzt ist sein großer Trumpf seine Erfahrung. Und klar: Er hat immer noch regelmäßig einen Spruch parat, auf den du dich als Trainer gar nicht vorbereiten kannst. Er bringt noch immer auch eine Lockerheit rein, die uns allen guttut. Und vor allem bringt er Qualität in jedes Training mit.

Gäbe es aus Ihrer Sicht einen guten Grund, ihn zurück in die Nationalmannschaft zu holen oder ist Thomas Müller zu dominant in der Gruppe?

Bitte haben Sie Verständnis. Ich würde nie eine öffentliche Empfehlung aussprechen, wen Jogi Löw nominieren soll. Ich weiß ja, wie schwierig das für den Bundestrainer ist.

Wie hat sich denn Ihr Verhältnis zu Löw entwickelt. Es schien am Ende doch etwas abgekühlt?

Das stimmt nicht. Wir hatten eine super Zeit zusammen und ein wahnsinniges Vertrauensverhältnis, auch zu Oliver Bierhoff und Andi Köpke. Diese gegenseitige Loyalität hat mich sicher geprägt, ich habe bei Jogi Löw immer das gute Gefühl gehabt, dass er mir voll vertraut.

Können Sie auch deshalb so gut mit den Topstars beim FC Bayern umgehen, weil Sie das als Assistenztrainer der Nationalmannschaft dort gelernt haben?

Puuuh. Schwierige Frage. Für mich sind drei Dinge schon immer wichtig gewesen: Vertrauen in die Spieler, Qualität muss da sein, und es muss Spaß machen, die Ziele gemeinsam zu erreichen.

Hansi Flick kann auch streng sein

Nach außen, Herr Flick, wirken Sie stets sympathisch. Können Sie intern auch mal unsympathisch sein?

Unsympathisch klingt mir zu negativ. Ich kann durchaus mal streng sein. Das gehört sicher dazu. Ich achte schon sehr darauf, dass die Regeln, die wir vorgegeben haben, auch eingehalten werden. Sonst kann es schon mal unangenehm werden für denjenigen, der sich nicht daran gehalten hat.

Die beiden DFB-Mediensprecher haben mal berichtet, dass sie von Ihnen sehr streng zur Ordnung gerufen wurden, nachdem das DFB-Team im WM-Halbfinale 7:1 in Belo Horizonte gegen Brasilien gewonnen hatte. Sie hatten im Flugzeug ihr Bier schon geöffnet und wollten so den Sieg feiern. Dann kamen Sie, Herr Flick, und haben ihnen gesagt, es gäbe keinesfalls schon Anlass zum Feiern. Die beiden Bierflaschen wurden somit nie geleert.

Ja, ich kann mich erinnern (lacht). Die beiden hätten ja auch noch ein bisschen warten können.

Wie ist das jetzt beim FC Bayern vor dem DFB-Pokal-Halbfinale oder den letzten Bundesligaspielen? Müssen die Spieler mit dem Biertrinken warten, bis Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League eingetütet sind?

Bei uns gibt es wegen Corona auf den Rückflügen derzeit sowieso keinen Service und also auch keine Getränke. Das passt schon.

Vorfreude auf Miroslav Klose

Sie bekommen zur neuen Saison Miroslav Klose als Assistent an Ihre Seite, der parallel noch seine Fußballlehrerlizenz erwirbt. Welchen Anteil haben Sie an seiner Beförderung aus der U17 auf den Co-Trainerposten beim FC Bayern?

Wir haben uns im Vorfeld natürlich ausgetauscht. Ich gehörte seinerzeit schon zu den Mit-Initiatoren, dass er mit ins Trainerteam der Nationalmannschaft aufrückt. Ich habe ihm gesagt, dass es dem Fußball hierzulande gut tun würde, wenn er mit seiner Erfahrung auch eine Trainerkarriere anstrebt. Deshalb bin ich happy, dass er unser Trainerteam ab 1. Juli verstärken wird. Er wird seinen Bereich bekommen.

Was erwarten Sie vom ihm?

Dass er engagiert und fokussiert ist. Im Detail werden wir das noch genauer besprechen.

Sie selbst haben Zeit Ihrer Trainerkarriere immer viel Wert auf einen klugen Offensivfußball mit frühen Balleroberungen gelegt, für den Klose nahezu idealtypisch stand. Passt er deshalb so gut zu Ihrer Philosophie?

Ich habe mir natürlich Gedanken gemacht, warum ich mir einen Mehrwert von Miro verspreche. Ich erhoffe mir, dass es eine zusätzliche Motivation für die Spieler ist, wenn ein solcher Mann wie Miro Klose als ehemaliger Weltklassestürmer zum Trainerteam gehört. Er kann gerade jungen Spielern viel beibringen und ist sicher auch für erfahrene Profis wie Robert Lewandowski und Thomas Müller ein hilfreicher Ansprechpartner.

Sie selbst hat es nach zwei Ausflügen als Sportdirektor im DFB und Sport-Geschäftsführer bei der TSG Hoffenheim zurück auf den Trainerposten gezogen. Sehen Sie sich voll bestätigt, dass diese Rückkehr das Richtige war?

Ganz genau. Ich habe nach Hoffenheim noch das eine oder andere Angebot für die Position des Sportdirektors oder Sportvorstands vorliegen gehabt. Aber da habe ich schon gespürt, dass mich diese Position nicht mehr reizt. Als dann das Angebot des FC Bayern als Co-Trainer kam, musste ich nicht lange nachdenken. Ich wollte wieder mit Topspielern auf dem Trainingsplatz stehen. Wenn ich jetzt die Entwicklung sehe, muss ich schon sagen: Das ist genau mein Ding.

Interview: Jan Christian Müller

Hansi Flick: Zur Person

Hansi Flick hat seinen bisher größten Erfolg an der Seite von Joachim Löw erlebt. Im Team des Weltmeisters von 2014 galt der nur nach außen hin schüchtern wirkende, nach innen bei Bedarf sehr bestimmt auftretende Fußballlehrer als wichtiges Scharnier zwischen Mannschaft und Bundestrainer. 

Als Löw sich 2006 Flick an seine Seite holte, hieß es von Seiten des DFB, der „Hansi“ solle in den Medien bitte künftig nur noch mit seinem echten Namen Hans-Dieter bezeichnet werden. Diese Form der Autorität benötigte Flick jedoch gar nicht. Die ursprüngliche Verbands-Vorgabe der Namensnennung setzte sich ergo nie durch. Nach dem WM-Titel rückte Flick, mit einem Fünfjahresvertrag ausgestattet, auf den Posten des DFB-Sportdirektors. Er wurde dort, auch aufgrund der langen Entscheidungswege, nie recht glücklich und bat nach zweieinhalb Jahren um Vertragsauflösung. 

Ganz in der Nähe seines Heimatortes Bammental bei Heidelberg fand er bald Anstellung als Geschäftsführer Sport bei der TSG Hoffenheim. Dort hatte er zwischen 2000 und 2005 bereits als Trainer in der Oberliga und Regionalliga gearbeitet. Als Sport-Geschäftsführer fremdelte er in Hoffenheim. Nach nur einem halben Jahr beendeten beide Seiten das gegenseitige Missverständnis schon wieder. Im Sommer 2019 holte ihn der FC Bayern als Assistent von Niko Kovac. Seit der Beurlaubung des Kroaten Anfang November ist Flick dort Chefcoach. (jcm)

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