Sprachliche Gleichstellung der Geschlechter

Stuttgarter Rathaus führt Genderstern ein - Kretschmann warnt vor "Tugendterror"

  • Julia Cuprakowa
    vonJulia Cuprakowa
    schließen

Das Stuttgarter Rathaus will für sprachliche Gleichstellung der Geschlechter sorgen und führt einen Genderstern ein. Ministerpräsident Kretschmann äußert Kritik. 

  • Das Stuttgarter Rathaus führt einen Genderstern für sprachliche Gleichstellung der Geschlechter ein. 
  • Ministerpräsident Winfried Kretschmann äußert heftige Kritik. 
  • Auch Baden-Württembergs Kultusministerin zeigt kein Verständnis für den Genderstern.

"Lehrerinnen und Lehrer" oder doch einfach nur "Lehrer"? Der Diskurs scheint so alt zu sein wie die Sprache selbst - und doch gibt es immer noch Raum für Verbesserungen. Jetzt will das Stuttgarter Rathaus einen Schritt in Richtung Gleichstellung der Geschlechter machen und den Genderstern einführen.  

Stuttgart: Rathaus führt Genderstern ein - Kretschmann warnt vor "Tugendterror" 

Im Stuttgarter Rathaus soll die Sprache künftig stärker die Geschlechtsidentität berücksichtigen - unter anderem durch den Genderstern (Mitarbeiter*innen). Außerdem sollen Rollen-Klischees und Stereotype vermieden werden. So soll statt "Mutter-Kind-Parkplatz" lieber der Begriff "Familienparkplatz" verwendet werden. Doch nicht jeder scheint Verständnis dafür zu haben. Heftige Kritik kommt vor allem von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. 

Er will sich den Mund nicht von "Sprachpolizisten" verbieten lassen, wie die Deutsche Presseagentur (dpa) berichtet und warnt vor einem "Tugendterror" im Umgang mit der Geschichte. Auch wenn viele Behörden, Hochschulen und Organisationen längst verbindliche Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache entwickelt haben: Den Trend zu sprachlicher und politischer Korrektheit beobachtet der Regierungschef mit großer Skepsis.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann: Klare Worte zu Sprachgebrauch

"Natürlich müssen wir darauf achten, dass wir in unserer Sprache niemanden verletzen, und Sprache formt unser Denken ein Stück weit", sagte Kretschmann der Deutschen Presseagentur in Stuttgart. "Aber jeder soll noch so reden können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Von diesem ganzen überspannten Sprachgehabe halte ich nichts."

Kretschmann äußert sich zur Gender-Sprache und spricht von "Sprachpolizei".  

Der Politiker gibt zu, dass es ihm nicht leichtfalle, stets auch die weibliche Form zu nennen, wenn er etwa von Zuschauern und Zuschauerinnen spreche oder von Polizisten und Polizistinnen. "Mit der Verwechslung von Genus und Sexus kann ich gar nichts anfangen, beuge mich aber zu einem gewissen Grad diesem Trend."

Als Genus wird das grammatische Geschlecht bezeichnet, als Sexus das biologische. Viele Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache empfehlen, grammatisch männliche Formen wie "Lehrer" nur noch für auch biologisch männliche Lehrer zu verwenden.

Stuttgart: Kretschmann kritisiert und erntet Kritik für Äußerung zu Genderstern

Vor allem in den eigenen Reihen macht sich Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann mit seiner Wortwahl nicht nur Freunde. "Winfried, niemand will, dass du dich jetzt Kretschfrau nennst aber mal ehrlich, "Sprachpolizei" und "Tugendterror" tragen nicht zu einer sachlichen Debatte bei (die aber echt hilfreich wäre)", twitterte der Grünen-Landtagsabgeordnete Alexander Salomon.

Auch bei der SPD kamen Kretschmanns Äußerungen nicht gut an. "Nicht jeder ist für Zukunft gemacht #kretschmann Respekt anderen Menschen gegenüber sollte für uns alle Richtschnur sein", kritisierte der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Jonas Weber über Twitter. 

Sprachliche Gleichstellung der Geschlechter - Eisenmann steht Kretschmann bei  

Auch Baden-Württembergs Kultusministerin, Susanne Eisenmann, hält nichts von den neuen Gender-Regeln der Stadt Stuttgart. "Da muss man sich schon fragen, ob wir keine anderen Sorgen haben", sagte sie der dpa gegenüber. "Ich hätte mir gewünscht, dass Fritz Kuhn sich mit der gleichen Verve um die Sicherheit und die Beleuchtung am Eckensee gekümmert hätte wie um die Frage, ob man die Anrede verändern soll", sagte sie mit Blick auf das Stadtoberhaupt und die Krawalle in der Stuttgarter Innenstadt.

Kultusministerin Eisenmann zu Gender-Regeln: "Kann das nicht nachvollziehen". 

"Wir haben große wirtschaftspolitische Herausforderungen, bei uns geht es um Arbeits- und Ausbildungsplätze. Wenn dann das Gender-Sternchen oder die Anrede so im Mittelpunkt stehen, kann ich das nicht nachvollziehen", erklärt die Kultusministerin weiter. 

Rubriklistenbild: © Pixabay (Symbolbild)

Das könnte Sie auch interessieren