Grausame Tat als Tiefpunkt einer stetigen Abwärtsspirale

Prozess: Unfassbarer Gewalt-Exzess in Öhringer Notunterkunft

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Der 36-jährige Angeklagte kann sich an das Geschehen angeblich nicht erinnern.
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Zum Glück fand er kein Feuerzeug. Sonst hätte der Angeklagte sein mit Wodka übergossenes Opfer wohl bei lebendigem Leib verbrannt. 

Es begann in den frühen Morgenstunden des 2. Dezembers 2017 als Saufgelage in der Notunterkunft in Öhringen - und steigerte sich zu einer Misshandlung, die kaum in Worte zu fassen ist. Rund 30 Mal soll der 36-Jährige seinem 48-Jährigen Trinkkumpanen mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen haben, bis dieser aufgrund der Schwellungen schon gar nicht mehr aus den Augen schauen konnte. Kopfnüsse gab es oben drauf.

Verbrennen - bei lebendigem Leibe

Doch damit nicht genug: Nachdem der gelernte Verkäufer davon abgelassen haben soll, seinem Opfer gegen dessen Willen die Kopfhaare abzurasieren, sei ihm dessen Tätowierung am Bauch aufgefallen. Und die musste seiner Meinung nach weg! Mit einer Gabel soll der Öhringer versucht haben, das Bild regelrecht herauszureißen. Anschließend soll er eine Haarbürste aus Holz in den Mund des Mannes gerammt haben, bis nur noch der Bürstenstil zu sehen war und das Blut floss.

Und spätestens dann schien der mutmaßliche Täter zu dem Entschluss gekommen zu sein, seinen Gegenüber zu töten: Er soll ihn mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen und mit Wodka übergossen haben. Das Vorhaben, ihn bei lebendigem Leibe zu verbrennen, soll nur daran gescheitert sein, dass offenbar kein Feuerzeug zur Hand war. Der Geschädigte wehrte sich nicht - er war wohl zu betrunken. Dem Herbeiholen von Helfern durch einen dritten Anwesenden, die den mutmaßlichen Täter in seinem Exzess stoppten, verdankt der 48-Jährige offenbar sein Leben. Mit den Folgen der fast zweistündigen Qualen kämpft er noch heute.

"Von mir selbst zutiefst erschrocken"

Vorsitzender Richter Roland Kleinschroth ist entsetzt. Er hat ein solches Vorgehen in seiner bisherigen Laufbahn noch nicht erlebt: "Das ist eine Brutalität, die mit Worten nicht zu greifen ist und die schlimmer nicht sein kann." Seit heute steht der 36-Jährige wegen versuchten Mordes vor dem Heilbronner Landgericht. Er behauptet: "Ich kann mich an meine Tat nicht erinnern, bin von mir selbst zutiefst erschrocken. Ich glaube aber, dass die krassen Vorwürfe stimmen." Schließlich gebe es ja Zeugen für sein Handeln.

Noch Stunden nach der Tat hatte der Angeklagte mehr als 2,6 Promille. "Ich bin erst auf dem Polizeirevier wieder zu mir gekommen." Der Grund für sein mutmaßliches Verhalten sei ihm völlig unklar. Streit habe es am Tattag keinen gegeben. Den Geschädigten habe er damals seit fünf oder sechs Wochen gekannt.

Permanenter Teufelskreis

Am Tattag - das weiß der 36-Jährige noch - habe er einen Joint geraucht und etwa ein Dutzend Bier getrunken. Zusammen mit einem Dritten sei er dann zu dem späteren Geschädigten in der Notunterkunft gegangen, in der er selbst damals gewohnt hat. Wodka und Bier flossen bei dem Trio in Strömen. Dann sei der Filmriss gekommen.

Sofern die Vorwürfe stimmen, ist die Gewalttat der vorläufige Tiefpunkt einer permanenten Abwärtsspirale im Leben des 36-jährigen. Dieser erklärt: "Mein Leben lang hab' ich den Teufelskreis an mir." Sein Vater, ein Alkoholiker, starb früh an Leberzirrhose. Der Angeklagte selbst trinke seit er 20 Jahre alt ist regelmäßig Bier - auch gegenüber Schnaps sei er nicht abgeneigt. Er habe bei Pflegeeltern und im Heim gelebt. Aus mehreren Ausbildungsverhältnissen sei er entlassen worden - wegen Trunkenheit oder Diebstahls im jeweiligen Betrieb. Versuche, die Trunksucht in den Griff zu bekommen, seien gescheitert.

Ein Neuanfang nach dem Gewalt-Exzess?

Die Vorwürfe versteht der 36-Jährige, der auch an paranoider Schizophrenie leidet und zuletzt von Hartz IV gelebt hat, als Weckruf: "Ich möchte eine neue Therapie beginnen und endlich mein Leben in den Griff bekommen."

An den Geschädigten, der den Prozess als Nebenkläger begleitet und der bis heute arbeitsunfähig ist, richtet er während des ersten Prozesstages mit brüchiger Stimme entschuldigende Worte: "Ich wollte dir nicht dein Leben nehmen und hoffe, dass die Folgen irgendwann verschwinden." Der sichtlich von dem Martyrium Gezeichnete sagt darauf nur: "Das möchte ich nicht kommentieren."  

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