Sortimentsänderung macht es möglich

Klopapier statt Kleidung: Modehaus aus Bad Mergentheim öffnet im Lockdown

  • Jason Blaschke
    vonJason Blaschke
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Auch in Bad Mergentheim ist der Einzelhandel wegen hoher Infektionszahlen geschlossen. Ein Modehaus umgeht nun den Lockdown mit einer raffinierten Idee.

Die Infektionszahlen in Baden-Württemberg steigen und immer mehr Regionen müssen von der „Notbremse“ Gebrauch machen und Lockerungen wieder zurücknehmen. Auch in Bad Mergentheim ist der Inzidenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschritten. Heißt: Große Teile des Einzelhandels müssen wieder schließen und die Waren dürfen nur noch zum Abholen angeboten werden (Click&Collect). Ein Modehaus will das aber nicht länger akzeptieren.

Offen trotz Lockdown: Modehaus aus Bad Mergentheim ändert Sortiment

Das Traditionsmodehaus Kuhn wurde deshalb vom Modehaus zum Drogeriemarkt umfunktioniert und verkauft statt Kleidung kurzerhand Klopapier. Dank der Sortimentsänderung darf das Modehaus nun trotz Lockdown wieder öffnen. Nur statt Blusen, Unterwäsche und Co. finden Kunden neuerdings Klopapier, Desinfektionsmittel und viele andere Produkte des täglichen Bedarfs. Plötzlich ist das Modehaus aus Bad Mergentheim systemrelevant und darf wie der Lebensmittelhandel öffnen.

„Wir haben uns relativ spontan entschlossen, dass wir unser Modehaus im Sortiment erweitern“, sagt Johannes Kuhn im SWR zu seiner Idee, im Lockdown auf Produkte des täglichen Bedarfs umzusatteln. Der Schwerpunkt liege aktuell auf Drogerieartikeln wie Toilettenpapier oder Desinfektionsmittel und auf Lebensmitteln. „Wir geben unserem Modehaus die Möglichkeit zu öffnen“, sagt Kuhn. Mit der Aktion macht das Modehaus aus Bad Mergentheim auf ein Kernproblem in der Corona-Krise aufmerksam.

Klopapier statt Kleidung: Modehaus aus Bad Mergentheim setzt ein Zeichen

Viele Einzelhändler kritisieren, dass große Lebensmittelketten im Lockdown öffnen und darüber hinaus nicht nur Waren des täglichen Bedarfs verkaufen. Die Spielwarenabteilung in der Drogeriemarktkette Müller oder die Aktionswochen von Lidl, Aldi und Co. sind die bekanntesten Beispiele. In 54 Jahren Unternehmensgeschichte habe es nichts Vergleichbares gegeben, erzählt Kuhn im SWR zu seiner Idee. Einfach dürfte die Sortimentsänderung für das Modehaus in Bad Mergentheim nicht gewesen sein.

Damit ein Laden öffnen darf, muss der Anteil der Waren des täglichen Bedarfs überwiegen. Heißt: Nur Klopapier zu verkaufen, würde nicht ausreichen. Auch deshalb ist die neue Produktpalette des Modehauses aus Bad Mergentheim breit gefächert. Ganze 1.200 Quadratmeter mussten auf Produkte des täglichen Bedarfs umgeplant werden. Im Erdgeschoss überwiegt nun der Anteil an Waren für den täglichen Bedarf. Nur auf einigen Aktionsflächen werden noch ein paar Bekleidungsartikel angeboten.

Lockerungen für den Einzelhandel an Ostern sind erst einmal vom Tisch. Nur Läden mit Waren für den täglichen Bedarf dürfen weiterhin öffnen (Symbolbild).

Einzelhandel im Lockdown: Klopapier wohl eine Weile noch im Sortiment

Dass das Modehaus nun größtenteils Drogenartikel und Lebensmittel statt Kleidung verkauft, ist für Kuhn eine absurde Situation. Eine andere Möglichkeit, um im Lockdown zu öffnen, sieht der Geschäftsführer derzeit aber leider nicht. So schnell wird sich daran wohl auch nichts ändern. Weiteren Lockerungen an Ostern erteilten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs am Montag eine Absage. Heißt: Große Teile des Einzelhandels dürften wohl noch eine Weile auf Sparflamme fahren.

Die letzten Klagen gegen die Zwangsschließungen blieben in vielen Fällen erfolglos. Einer der größten klagenden Einzelhändler in Baden-Württemberg ist das Stuttgarter Handelsunternehmen Breuninger. Der Eilantrag des Modekonzerns wurde vom Verwaltungsgerichtshof in Mannheim bereits abgelehnt. Ebenso wenig Erfolg hatten mehrere kleinere Unternehmen. Umso verständlicher, dass so mancher Einzelhändler wie das Modehaus in Bad Mergentheim in der Corona-Krise kreativ wird.

Rubriklistenbild: © Axel Heimken/dpa

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