Joseph Jeser gewann mehr als 150 Rennsport-Pokale

Dieser 90-Jährige hat Benzin im Blut

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Ein Toter pro Autorennen? Das war früher im Rennsport völlig normal.

Mit 180 Sachen rasen die Sportwagen wenige Meter am Publikum vorbei. Echter Schutz für Fans und Fahrer? Fehlanzeige! "Die Autos waren nur aus Blech, ein echtes Cockpit gab es nicht – und der Helm war kaum mehr als eine bessere Pappe", erzählt Joseph Jeser aus Untereisesheim.

Dieser 90-Jährige hat Benzin im Blut

Der Senior war zwischen 1953 und 1965 einer der besten Rennfahrer der Welt. Mehr als 150 Siegerpokale hatte er im Schrank, die meisten hat er mittlerweile verkauft. "Meine Lieblingsstrecke war der von vielen gefürchtete Nürburgring. Neun Mal habe ich dort in meiner Klasse gewonnen", sagt Jeser, der heute seinen 90. Geburtstag feiert. Am wichtigsten waren seine Rennen 1954 und 1955 im Porsche 356 und Porsche 550 Spyder.

Zwei der Rennen von damals sind dem körperlich und geistig fitten Rentner heute noch besonders in Erinnerung: "Im Mai 1955 beim 24-Stunden-Rennen von Paris hatte ich eine französische Beifahrerin, mit der ich mich während der Fahrt abwechseln wollte. Dann passierte ein Unfall, ein Mann verlor sein Bein. Die Dame war mit den Nerven fertig, konnte nicht mehr weiterfahren." Da gab Jeser im wahrsten Sinne des Wortes Vollgas: Er setzte sich ans Steuer, fuhr 20 Stunden nonstop durch – und wurde am Ende Zweiter.

Fahrt ihr ab auf Rennsport?

Ein Albtraum folgte nur einen Monat später: Das 24-Stunden-Rennen von Le Mans am 11. Juni 1955 gilt als größte Katastrophe der Rennsportgeschichte. Jeser erzählt: "Damals krachte ein Mercedes in die Fahrbahnbegrenzung, der Motor flog 100 Meter in die Höhe. Das Auto ist regelrecht explodiert – und die Zuschauer standen nur wenige Meter daneben." Es gab 84 Tote. Ein Toter pro Rennen war damals gang und gäbe. Auch bei diesem Rennen wurde Jeser Zweiter.

Nahezu unschlagbar wurde der Untereisesheimer allerdings vor allem wegen eines Menschen: seiner mittlerweile verstorbenen Frau Waltraud. "Sie war die beste Beifahrerin, die es jemals gab." Vor dem Rennen analysierte das Ehepaar die Strecke, notierte im so genannten Gebetbuch die Strategie: Mit welcher Geschwindigkeit geht es in die jeweilige Kurve? Und wann sollte man es lieber langsam angehen, damit man nicht aus der Bahn fliegt?

Jeser berichtet: "Wichtig war, dass man sich in jeder Kurve einen Orientierungspunkt sucht, den man Tag und Nacht sehen kann. Einmal bin ich fast aus der Kurve geflogen. Da hat ein anderer Fahrer das Bäumchen, das ich auserwählt habe, kurz vor mir über den Haufen gefahren."

Hart im Nehmen war der Sportfahrer schon immer: Als 16-Jähriger kam der gebürtige Straßburger ins Konzentrationslager, war unter anderem in Dachau inhaftiert. Immer wieder bekam er Sonderstrafen aufgebrummt, weil er rebelliert und anderen zur Flucht verholfen hatte. "Es ist mir bis heute ein Rätsel, dass mich die Nazis nicht einfach erschossen haben."

Auf Jeser geschossen haben sie aber sehr wohl. Noch heute sieht man die Narbe in seinem Gesicht. Über Jahre hinweg wurde daher sein linkes Auge nur unzureichend mit Blut versorgt. Heute ist Jeser praktisch komplett blind, findet sich aber den Umständen entsprechend gut im Alltag zurecht.

Auch mit dem Fahrrad ist er noch unterwegs. Er berichtet: "Das Radfahren ist die zweite große Leidenschaft in unserer Familie. Für den Motorsport hat sich mein Sohn Jean-Pierre nie interessiert. Er wurde stattdessen begeisterter Radrennfahrer."

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