Langzeitfolgen bei Corona-Infektionen

Wegen Corona: Sportlerin aus Schwäbisch Hall wird zur Dauerkranken

Long Covid oder Post-Covid wird das Syndrom genannt, das viele Corona-Patienten nach einem eher leichten Krankheitsverlauf noch monatelang plagt. In Schwäbisch-Hall gibt es jetzt eine Selbsthilfegruppe. (Symbolbild)
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Long Covid oder Post-Covid wird das Syndrom genannt, das viele Corona-Patienten nach einem eher leichten Krankheitsverlauf noch monatelang plagt. In Schwäbisch-Hall gibt es jetzt eine Selbsthilfegruppe. (Symbolbild)
  • Christina Rosenberger
    vonChristina Rosenberger
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Hanne Herrmann aus Schwäbisch-Hall hat es satt - seit über einem Jahr leidet sie an Folgen einer Corona-Erkrankung. Jetzt will sie sich mit anderen Betroffenen vernetzen.

Das Schreiben fällt ihr schwer, deshalb bittet Hanne Herrmann aus Schwäbisch-Hall um ein Telefonat, als die Presse-Anfrage von echo24.de kommt. Die ehemalige Leistungssportlerin hat massiv mit den Folgen einer Covid-19-Infektion zu kämpfen. Im März 2020 infizierte sie sich mit dem Virus - bis heute ist sie deshalb eingeschränkt - obwohl sie offiziell als „genesen“ gilt. Auch im ehemaligen Hotspot-Gebiet Heilbronn haben mittlerweile fast 8.000 Menschen offiziell eine Corona-Infektion überstanden. Wie viele von ihnen Langzeitschäden davongetragen haben, ist nicht klar.

Long Covid oder Post-Covid wird das Syndrom genannt, das viele Patienten nach einer Corona-Infektion monatelang oder sogar noch länger plagt. Die genauen Symptome sind unterschiedlich. Bei Hanne Herrmann werden unter anderem die Finger immer wieder taub, sie leidet an Kurzatmigkeit, Konzentrationsschwäche und Wortfindungsstörungen. Außerdem wird sie sehr schnell müde und muss sich immer wieder hinlegen. Ihr Geschmacks- und Geruchssinn sind seit der Infektion beeinträchtigt.

Long Covid: Sportlerin wird wegen Corona zur Dauerkranken

Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so müde und erschöpft. Früher war ich Sprinterin, jetzt habe ich nur noch 5 Prozent meiner Leistungsfähigkeit.

Hanne Herrmann, Post-Covid-Patientin aus Schwäbisch-Hall

Nun wird sie von Arzt zu Arzt geschickt - niemand kann ihr wirklich helfen. Vom Lungenarzt bis zum Orthopäden - Hanne Herrmann hat alles durch. Die Ärzte wissen einfach nicht, wie sie Long Covid und Post-Covid behandeln sollen. Es gibt schlicht noch keine nachweislich funktionierenden Therapien gegen die Langzeitfolgen der Corona-Infektion und kaum Anlaufstellen. Dadurch entstehen zusätzlich noch Probleme mit der Krankenkasse, denn die hat das Krankheitsbild bisher nicht im Leistungskatalog festgeschrieben.

Long Covid / Post-Covid: „Zusammen stärker“ - Selbsthilfegruppe soll Betroffene vernetzen

Deshalb will sich Hanne Herrmann jetzt mit Leidensgenossen vernetzen. Die frühere Leistungssportlerin aus Schwäbisch-Hall hat bereits seit einiger Zeit Kontakt zu drei weiteren Patienten, die an Long Covid leiden. Sie wollen sich nun mit weiteren Betroffenen vernetzen, austauschen und organisieren. Denn viele Behandlungsmethoden werden gar nicht oder nur sehr begrenzt von den Krankenkassen bezahlt - und der Kampf um ordentliche Behandlung ist anstrengend.

Was ist eigentlich Post-Covid oder Long Covid?

Etwa 10 Prozent aller Covid-19-Patienten leiden an Langzeit-Covid, das auch als Long Covid oder Post-Covid bekannt ist. Gemeint sind Spätfolgen einer Corona-Infektion, die teils Monate andauern. Betroffen können alle Altersgruppen sein, unabhängig von der Schwere der Infektion und dem Gesundheitszustand.

Auch wenn man während der eigentlichen Corona-Infektion kaum Symptome hat, werden bei statistisch genesenen Personen Herz-, Nieren-, Leber- und Lungenerkrankungen festgestellt. Zudem werden häufig die Psyche, das Nerven- und Immunsystem angegriffen.

Ein Hauptsymptom ist das sogenannte Post-Covid-Fatigue. Es fasst Erschöpfungserscheinungen wie Konzentrations- und Schlafstörungen, Depressionen, Muskel- und Kopfschmerzen zusammen, die nach der eigentlichen Erkrankung weiter anhalten.

Langzeit Covid-Patienten wurden oft weder ambulant noch stationär behandelt und teilweise zu spät oder überhaupt nicht auf Corona getestet. Eine vorläufige Studie geht davon aus, dass 45 Prozent der Langzeit-Erkrankten länger als sechs Monate nicht in der Lage sind, voll zu arbeiten, 22 Prozent sind sogar arbeitsunfähig.

Früher hätte Hanne Herrmann diese Odyssee leicht weggesteckt. Sie war Profi-Sprinterin - heute schafft sie es nur noch mit Mühe, 500 Meter am Stück zu gehen. Wegen der immer wieder taub werdenden Finger kann die 60-Jährige auch nur noch kurze E-Mails verfassen. Den Kampf um ordentliche Behandlung und angemessene Reha-Möglichkeiten kann und möchte Hanne Herrmann deshalb nun nicht mehr alleine führen. Sie hat in Schwäbisch-Hall eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Long Covid und Post-Covid gegründet. Nächste oder übernächste Woche (Ende Mai - Anfang Juni) soll es losgehen.

Corona-Langzeitfolgen: Ende 2021 bis zu 100.000 Fälle deutschlandweit?

Bisher haben sich 9 Menschen gemeldet, die sich beteiligen möchten - und es könnten locker noch mehr werden. Die deutschlandweite Selbsthilfe-Organisation Langzeit-Covid geht immerhin davon aus, dass es allein im Bundesgebiet bis Ende 2021 bis zu 100.000 Fälle geben wird. All diese Menschen brauchen Unterstützung, denn nur weil man offiziell als „genesen“ gilt, ist man nach einer Corona-Infektion noch lange nicht gesund. Doch was hilft gegen die Langzeitfolgen?

Auch Hanne Herrmann wusste zunächst nicht, was ihr helfen könnte. Mittlerweile geht sie zur Lymphdrainage und zur Atemphysiotherapie, macht Gehirnleistungstraining und lässt sich massieren - außerdem hat sie sich eine Rüttelplatte gekauft, die das Gewebe lockert. Das hilft - doch das Gerät kostete die Long Covid-Patientin mehrere hundert Euro - diese Ausgaben übernimmt niemand. Und ihre Leistungsfähigkeit ist noch immer extrem eingeschränkt.

Post-Covid-Syndrom: Selbsthilfegruppe Schwäbisch-Hall - jeder Betroffene kann teilnehmen

Die Selbsthilfegruppe rund um Hanne Herrmann will mit ihrem Anliegen deshalb auch ans Sozialministerium herantreten. Denn ihr Leben aufgeben, das kommt für die 60-Jährige und ihre Mitstreiter nicht infrage. Stolz erzählt Herrmann, dass sie vier Kinder großgezogen hat - bald kommt schon das fünfte Enkelkind. Und um am Familienleben auch in Zukunft noch aktiv teilhaben zu können, kämpft sich Hanne Herrmann wieder zurück.

Die Treffen der Long Covid-Selbsthilfegruppe in Schwäbisch-Hall kann übrigens jeder Betroffene ganz einfach besuchen - denn sie sollen vorerst online stattfinden - deshalb ist auch eingeschränkte Mobilität kein Hindernis. Wann genau es losgeht, ist noch nicht klar, aber wer interessiert ist, kann ganz einfach eine Mail an hanneherr@googlemail.com schicken.

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