Konsequenz aus Tönnies-Skandal 

Nach Skandal in der Fleischbranche: So reagieren Lidl und Kaufland 

  • Jason Blaschke
    vonJason Blaschke
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Lidl und Kaufland von der Neckarsulmer Schwarz-Gruppe  wollen in Zukunft auf Werkverträge in der Fleischbranche verzichten. 

  • Die Handelsunternehmen Lidl und Kaufland wollen auf Werkverträge in der Fleischproduktion verzichten.
  • Was sind Werkverträge und wie wirkt sich die Entscheidung von Lidl und Kaufland auf die Mitarbeiter aus?
  • Müssen Kunden wegen der wegfallenden Werkverträge künftig mehr für Fleischprodukte bezahlen? 

Neckarsulm: Lidl und Kaufland verzichten auf Werkverträge in der Fleischbranche

Erstmeldung vom 24. Juni: Die Coronavirus-Infektionen im Schlachtbetrieb Tönnies in Nordrheinwestfalen (NRW) haben weitreichende Folgen für ganz Deutschland. Tausende Menschen müssen in Quarantäne, im Kreis Gütersloh gilt ein neuer Lockdown und andere Bundesländer verweigern die Anreise aus Gütersloh, wenn kein negativer Coronavirus-Test vorliegt. Jetzt ist der Tönnies-Skandal zur Bundesangelegenheit geworden.

Grund: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil möchte in Zukunft die Werkverträge in der Fleischbranche per Gesetz verbieten. Denn soviel ist sicher: Wenn schlecht bezahlte Arbeiter aus Osteuropa auf engstem Raum zusammenarbeiten, entstehen leicht Infektionsherde. Schäbige Unterkünfte und das Zusammenleben in engen Sammelunterkünften begünstigen eine Virusverbreitung noch zusätzlich.

Die Handelsunternehmen Lidl und Kaufland der Neckarsulmer Schwarz-Gruppe ziehen schon jetzt Konsequenzen und wollen nach eigenen Angaben in der eigenen Fleischproduktion auf Werkverträge verzichten. "Damit setzten wir ein wichtiges Zeichen für mehr Verantwortung und bessere Arbeitsbedingungen in der Lieferkette", heißt es von beiden Unternehmen in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Und mittlerweile haben auch Rewe und Aldi Konsequenzen in Bezug auf die Zusammenarbeit mit dem Fleischunternehmen Tönnies angekündigt. Zuletzt hat Kaufland einen Energy-Drink aus dem Sortiment genommen. Das Getränk war laut Etikett fälschlicherweise als zuckerfrei deklariert worden.

Neckarsulm: Werkverträge in der Fleischbranche - was bedeutet das?

Aber was ist eigentlich ein Werkvertrag? Und noch viel wichtiger: Was bedeutet das für die betroffenen Mitarbeiter? Im Kern geht es in Werkverträgen darum, dass ein Unternehmen (zum Beispiel Tönnies) Arbeitskräfte bei einer Werkvertragsfirma "einkauft". Bezahlt wird aber nicht der Werkvertragsarbeiter direkt, sondern die Werkvertragsfirma, bei der der Werkvertragsarbeiter angestellt ist.

Heißt: Werkvertragsarbeiter haben im Konzern kaum Anspruch auf Unterstützung. Meist werden sie nicht einmal in der Personalabteilung registriert, da sie wie "Ware" über die Einkaufsabteilung von einer Werkvertragsfirma eingekauft werden. Viele sprechen deswegen schon von Sklaverei auf dem Arbeitsmarkt. Der Reiz ist, dass die großen Konzerne eine Menge Geld mit Werkverträgen sparen.  

Lidl und Kaufland aus Neckarsulm verzichten auf Werkverträge: Das sind die Folgen für die Mitarbeiter

Die Handelsunternehmen Lidl und Kaufland fahren jetzt auf der anderen Schiene und wollen ab spätestens Januar 2021 auf Werkverträge mit Dritten in den Kernprozessen Schlachtung, Zerlegung sowie Verpackung verzichten. Die neue Regelung sei bereits mit den Frischfleisch- sowie Frischgeflügel-Lieferanten von Lidl und Kaufland abgesprochen worden.

Über Werkverträge bei Lieferanten und in der eigenen Produktion habe man in beiden Unternehmen aus Neckarsulm schon seit einiger Zeit diskutiert. "Doch die jüngsten Ereignisse haben letztlich zu dem konsequenten Schritt geführt", heißt es in der gemeinsamen Pressemitteilung. Bedeutet: Sowohl bei internen Fleischproduktionen als auch bei Lieferanten wird es - laut Lidl und Kaufland - keine Werkverträge mehr geben.

Interessant: Kaufland hat in seinen Fleischwerken bereits vor einigen Jahren begonnen, auf Werkverträge zu verzichten. "Die letzten zwei Werkverträge werden aktuell umgestellt", heißt es vom Unternehmen. Laut eigenen Angaben wird es bei Kaufland ab Januar 2021 keine Werkverträge in der Fleischproduktion mehr geben. Auch die Lieferanten haben der Neuregelung zugestimmt.

Neckarsulm: Was passiert mit Werkvertragsarbeitern bei Kaufland, Lidl und Co.?

Billiges Fleisch in Discountern und Lebensmittelmärkten: Tierwohl und Werkvertragsarbeiter sind der Preis dafür.

Von Kaufland heißt es: "Allen Mitarbeitern, die bisher im Rahmen von Werkverträgen beschäftigt waren, bieten wir unbefristete Arbeitsverträge an." Hier ist die Rede von Kauflands eigener Fleischproduktion, welche direkt an das Unternehmen angegliedert ist. "Lidl unterhält solche internen Fleischproduktionen nicht", erklärt das Unternehmen aus Neckarsulm auf echo24.de-Anfrage.

Daher gibt es keine internen Werkvertragsarbeiter in der Fleischproduktion, denen feste Arbeitsverträge angeboten werden können. Sprich: Die Lieferanten, die Lidl beliefern, müssen selbst entscheiden, ob sie ihren Werkvertragsarbeitern eine feste Anstellung anbieten oder nicht. Interessant: Auch die Tönnies Unternehmensgruppe sagt als Lieferant von Lidl und Kaufland ihre Unterstützung zu.

Ob sich der Verzicht auf Werkverträge bei Lidl und Kaufland künftig auf die Fleischpreise auswirkt, ist nicht bekannt. Klar ist: Ab Juli kommt die Mehrwertsteuer-Senkung auch für Lebensmittel, was auch das Einkaufen bei Lidl, Kaufland und Co. günstiger gestalten sollte. Die Mehrwertsteuer-Senkung ist Teil des Corona-Hilfspakets, dass die Bundesregierung im Kampf gegen das Coronavirus auf die Beine gestellt hat. 

Die NGG Heilbronn möchte eine Situation wie bei Tönnies in der Region verhindern und fordert jetzt stärkere Kontrollen in Schlachthöfen.

Rubriklistenbild: © Christin Klose/dpa

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