Experte: Schrecken ist auch kulturell konstruiert

Kindstötung in Künzelsau: Jetzt spricht eine Freundin der Pflegeoma

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Kurz nach der Tat erinnerten Plüschtiere und Grablichter an den getöteten Siebenjährigen.
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Noch immer steht die Region nach der Tragödie unter Schock.

Es klingt ein bisschen wie die schreckliche Wendung im Märchen "Hänsel und Gretel": Die liebe und fürsorgliche alte Frau entpuppt sich plötzlich als Kindstöterin. Und niemand hat es kommen sehen. 

Auch fast zehn Monate nachdem die damals 69-jährige Pflegeoma in Künzelsau den ihr anvertrauten Siebenjährigen mutmaßlich umgebracht hat, stehen Künzelsau und die Region immer noch unter Schock. Im Prozess vor dem Heilbronner Landgericht hat die ehemalige Krankenpflegerin die Verantwortung für den Tod des Schülers übernommen. Gestanden hat sie aber nicht, sich vielmehr in fadenscheinige Erklärungen geflüchtet und unterschiedliche Todes-Szenarien geschildert, die anhand der Spuren gar nicht wahr sein können.

Am 26. Februar soll das Urteil gegen die Pflegeoma am Heilbronner Landgericht fallen.

Mutmaßliche Tat der Pflegeoma in Künzelsau: "Ganz schrecklich"

Noch immer können die Menschen in der Künzelsauer Innenstadt das Geschehen nicht fassen: "Die Tat ist ganz schrecklich - auch, weil die Frau nicht erklärt, was passiert ist", sagt eine Rentnerin aus Ingelfingen-Criesbach, die am Mittwochmittag im Zentrum von Künzelsau unterwegs ist. "Wenn die Eltern die Wahrheit wüssten, könnten sie wenigstens einigermaßen mit den Geschehnissen abschließen." Die Seniorin erklärt weiter: "Erst habe ich es nicht für möglich gehalten, dass eine alte Frau, eine Oma, so etwas tut. Schlimm, dass niemand vorher etwas geahnt hat."

Pflegeoma tötet Siebenjährigen? Bedrückende Bilder vom Tatort in Künzelsau

Ähnlich sieht es auch ein Schüler aus Mulfingen-Buchenbach: "Die Tötung des Jungen ist erschreckend. Von einer Oma erwartet man so etwas nicht." Genau dieses Täterprofil jagt den Menschen besonders kalte Schauer über den Rücken, wie Dr. Mark Benecke erklärt. Der Kriminalbiologe und Psychologe hat sich nach seinem Auftritt vor einer Woche in der Heilbronner Harmonie auf echo24.de-Nachfrage zu dem Künzelsauer Fall geäußert: "Zwar sind Frauen als Täter bei Tötungsdelikten seltener als Männer, aber es kommt immer wieder vor."

Experte Dr. Mark Benecke: Liebe Oma vs. böse Hexe

Den Schrecken im Künzelsauer Fall sieht er kulturell konstruiert. Dr. Mark Benecke: "Die Leute neigen dazu, sich die Welt in gut und böse einzuteilen. Die alte Frau gilt gemeinhin als liebevolle und fürsorgliche Oma. Wenn sich dieses Bild ins Gegenteil verkehrt und die Frau sich plötzlich eher als dämonisch, wie eine böse Hexe, entpuppt, ist das ein Schock."

Dr. Mark Benecke ist ein international gefragter Kriminal-Experte.

Freundin der Pflegeoma: "Ich bin enttäuscht"

In Künzelsau ist am Mittwoch auch eine Witwe unterwegs, die mit der Pflegeoma befreundet gewesen ist. "Eine Woche vor der Tat haben wir uns noch gesehen", sagt die Seniorin. "Ich kannte die Angeklagte als freundliche und einfühlsame Frau." Der Junge sei ihr Ein und Alles gewesen. "Immer, wenn er vorbeikam, ließ sie alles andere liegen."

Kurz nach der Tat erinnerten Plüschtiere und Grablichter an den getöteten Siebenjährigen.

Was geschehen ist, kann sich die Freundin aus Künzelsau nicht erklären: "Offenbar ist sie ja die Täterin. Hatte sie einen Blackout? Mich hat das Geschehene sehr betroffen. Ich bin von ihr auch im Nachhinein sehr enttäuscht, dass sie gegenüber den Eltern des Jungen die Wahrheit nicht auf den Tisch legt."

Das Urteil gegen die Pflegeoma soll am Dienstag, 26. März, fallen.

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