Der Vorwurf lautet Totschlag

Prozess um erwürgten Jungen in Künzelsau: Einsamkeit als Motiv?

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Hat die 70-Jährige den Jungen wirklich erwürgt?
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Hat die Seniorin es nicht verkraftet, das der Kontakt zu dem Kind immer weiter abnahm?

Es ist wohl das Schlimmste, was Eltern passieren kann: Man gibt das eigene Kind - wie schon Hunderte Male zuvor - in die Obhut einer älteren Dame, die wie zur Familie gehört. Hier ist der kleine Sonnenschein doch sicher vor den Übeln der Welt. Doch am nächsten Morgen folgt der Albtraum: Mit Würgemalen am Hals entdeckt die Mutter den Siebenjährigen. Er liegt tot in der Badewanne - genau jener Frau, die wie eine Oma für den Siebenjährigen war und die schon oft auf ihn aufgepasst hat. Von der damals 69-Jährigen fehlt zunächst jede Spur.

Prozess gegen Künzelsauer Witwe: Totschlag als Anklage

Heute beginnt am Heilbronner Landgericht der Prozess gegen die Künzelsauer Witwe. Der Vorwurf: Totschlag! Sie soll den Jungen am frühen Abend des 27. April, wie schon häufig, bei sich in ihrem Einfamilienhaus empfangen haben. Die Eltern hatten Konzertkarten, der Schüler sollte bei ihr übernachten. Im Laufe des Abends soll sie  beschlossen haben, das Kind zu töten. Grund: Sie soll nicht mehr ausgehalten haben, dass sie den Jungen seit seiner Einschulung nur noch etwa im Wochentakt sah - und nicht mehr, wie früher, mehrere Tage hintereinander. Dann soll sie den Siebenjährigen erwürgt und in die Badewanne gelegt haben. Zu den Vorwürfen schweigt die ehemalige Krankenschwester. Weitere Verdächtige gibt es offenbar nicht.

Zwar soll die Witwe seit dem Tod ihres Mannes 2009 immer wieder niedergeschlagen und traurig gewesen sein. Depressionen oder andere Erkrankungen liegen aber offenbar keine vor.

Kind und Pflegeoma in Künzelsau: "Liebe auf den ersten Blick"

Unter Tränen schildert die 41-jährige Mutter des toten Jungen das kurze Leben des frohen Kindes: Lebensfroh, lustig und beliebt sei er gewesen. Gegenüber Fremden soll er vorsichtig gewesen sein. Als die Eltern eine Betreuung für das damals eineinhalb Jahre alte Kind suchten, während sie bei der Arbeit sind, sei ihnen von der Vorgesetzten der 41-Jährigen die frühere Krankenschwester empfohlen worden: Schon beim ersten Treffen sei es zwischen dem Kind und der Seniorin Liebe auf den ersten Blick gewesen. Die Mutter: "Sie wurde über die Jahre eine Vertrauensperson für ihn. Er nannte sie 'Oma', obwohl es keine direkte Verwandtschaft gab." Gerade weil die tatsächlichen Großeltern mütterlicherseits in Rostock wohnen, wurde die Witwe zu einer Ersatz-Großmutter für den Buben.

Toter Junge in Künzelsau: Braves und verständnisvolles Kind

Vollgepackt mit Lego-Spielzeug, Büchern und Playmobil ging er aus dem Haus, wenn ein Besuch bei der Bekannten anstand. Die Mutter erzählt: "Er war immer gerne bei ihr, freute sich jedes Mal auf die Treffen." Weder seien ihr Veränderungen im Wesen der Rentnerin aufgefallen noch habe es Pläne gegeben, den Kontakt zu reduzieren oder gar zu kappen. "Er war immer ein braves und verständnisvolles Kind."

Erwürgtes Kind in Künzelsau: Warum?

Am Morgen des 28. April, als das Ehepaar den Jungen abholen will, macht niemand die Haustür auf. Über einen Nachbarn, der einen Schlüssel hat, verschafft man sich Zugang. Als die Mutter das Auffinden des Leichnams schildert, ist es totenstill im Gerichtssaal: "Er lag in der Badewanne. Er war so furchtbar kalt und hat noch seine Söckchen angehabt." Seither liege sie jeden Abend und jeden Morgen weinend im Bett. Und an die Angeklagte gerichtet sagt sie: "Warum? Das kannst du mir doch sagen. Mir wurde mein Sonnenschein genommen." Doch die Rentnerin mit den schulterlangen weißen Haaren schweigt.

Die Urteilsverkündung soll am 30. Januar erfolgen.

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