Fast 90 Prozent der Intensivbetten belegt

Überfüllte Intensivstationen: Intensivmediziner fordert harten Lockdown

Die Intensivstationen in Deutschland sind überfüllt – das Personal ist am Ende. Ein Intensivmediziner aus Ludwigsburg fordert einen harten Lockdown.

Beinahe 90 Prozent der Intensivbetten in Baden-Württemberg sind belegt. Das Pflegepersonal stößt bereits seit über einem Jahr fast täglich immer wieder an seine Grenzen. Die Auswirkungen der Osterfeiertage machen sich erst jetzt bemerkbar. Der baden-württembergische Koordinator für die intensivmedizinische Versorgung von Covid-Patienten schlägt Alarm und fordert ganz klar einen harten Lockdown, um den Druck auf die Kliniken zu vermindern, wie *echo24.de berichtet.

„Die Entwicklung ist besorgniserregend, weil wir Ende April voraussichtlich eine Belegung der Intensivbetten mit Covid-Erkrankten von 40 Prozent erreichen“, sagte Götz Geldner, Ärztlicher Direktor der Ludwigsburger RKH-Kliniken, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Angesichts von Personalengpässen forderte Götz Geldner zudem mehr Anerkennung und vor allem eine leistungsgerechtere Bezahlung von Pflegekräften.

Überfüllte Intensivstationen: Intensivmediziner und Ver.di fordern harten Lockdown

Erst jetzt kämen die „Osteropfer“, Patienten, die sich bei Treffen über die Feiertage angesteckt haben – rund zwei Wochen später. Denn das ist das Fatale an den Intensivfällen: Die Zahl an Patienten, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigen, steigt nicht parallel zur Infektionskurve* – sondern um ein bis zwei Wochen versetzt. Das bedeutet, dass es in den kommenden Wochen auf den Intensivstationen vermutlich erst so richtig schlimm wird.

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di fordert die Politik auf, die Maßnahmen nicht länger mit den Intensivbetten zu begründen. Diese seien kein geeigneter Indikator, da sich die Infektionszahlen erst nach mehreren Wochen in deren Belegung niederschlagen. Aus Sicht von Ver.di besagt eine 85-Prozent-Belegung nicht, dass noch 15 Prozent der Betten mit optimaler Therapiemöglichkeit bereitstehen. Immer häufiger fehle qualifiziertes und erfahrenes Personal – besonders im intensivmedizinischen Bereich. Nach Daten des DIVI-Intensivregisters sind von den rund 2.417 betreibbaren Intensivbetten in Baden-Württemberg rund 88,6 Prozent belegt.

Das DIVI-Intensivregister

Täglich erfasst das DIVI-Intensivregister die freien und belegten Behandlungskapazitäten in der Intensivmedizin von etwa 1.300 Akut-Krankenhäusern in Deutschland. Im Rahmen der SARS-CoV-2-Pandemie werden zudem auch aktuelle Fallzahlen intensivmedizinisch behandelter COVID-19-Patient*innen aufgezeichnet. Das Register ermöglicht, Engpässe in der intensivmedizinischen Versorgung im regionalen und zeitlichen Vergleich zu erkennen.

Intensivmediziner fordert harten Lockdown – Pflegepersonal am Limit

Etwa ein Drittel dieser Intensivbetten sei momentan mit Covid-Patienten belegt. Die derzeit größte Gruppe sind demnach Menschen zwischen 45 und 65 Jahren – sie verweilen länger auf den Stationen als jüngere Altersgruppen. Deshalb werde es eng für andere Intensivpatienten und Notfälle, die um die 60 Prozent der Kapazitäten brauchten.

An dieser Stelle muss auch bedacht werden, dass auch während der Pandemie nicht nur Corona-Patienten ein Intensivbett benötigen. Herzinfarkte, Schlaganfälle, schwere Autounfälle gibt es auch weiterhin. Sollten die Stationen überfüllt sein, können Notfälle künftig eventuell nicht mehr behandelt werden – da einfach keine Kapazitäten mehr verfügbar sind.

Das bedeutet unterm Strich, dass im schlimmsten Fall schon bald die Ärzte entscheiden müssen, wer behandelt werden kann und wer nicht – wer ein Intensivbett und somit eine Überlebenschance erhält. Menschen, und zwar nicht nur Covid-Patienten, könnten wegen überfüllten Betten und fehlenden Kapazitäten sterben – nicht aufgrund von mangelndem medizinischen Wissen und Fähigkeiten. Derzeit sei das Versorgungsniveau für die Patienten noch auf hohem Stand, das könne sich allerdings in Anbetracht der steigenden Infektionszahlen schon bald ändern.

Überfüllte Intensivstationen: Ludwigsburger Intensivmediziner fordert harten Lockdown

An härteren Maßnahmen zum Eindämmen der Infektionen werde man nicht vorbeikommen, betonte der Intensivmediziner. Dabei sollten die Einschnitte nicht mehr mit der Lage der Intensivversorgung begründet werden. „Das ist die schlimmste Folge der Pandemie – wir dürfen nicht warten, bis diese eintritt.“

Götz Geldner, Ärztlicher Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie im Klinikum Ludwigsburg.

Aussagekräftig sei auch der R-Wert, der angibt, wie viele andere Menschen ein Infizierter ansteckt. Liegt er längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab. Als Beispiel für einen erfolgreichen Shutdown nannte er unter anderem Portugal, mit den im Januar - bezogen auf die Bevölkerungszahl - zeitweilig höchsten Infektionszahlen weltweit; das Land hatte mit einer 24-Stunden-Ausgangssperre, allgemeiner Maskenpflicht und einer weitgehenden Homeoffice-Verpflichtung der Arbeitgeber die Lage in den Griff bekommen.

Überfüllte Intensivstationen: „Jeder zweite beatmete Patient überlebt die Krankheit nicht.“

Ver.di-Gesundheitsexpertin Irene Gölz sieht das Klinikpersonal mit dem Rücken zur Wand. „Wir müssen jetzt so steuern, dass die Beschäftigten uns noch helfen können, wenn wir als Notfall in die Klinik eingeliefert werden.“ Durch die Mutanten habe sich die Situation auf den Stationen nochmals verschärft: „Jeder zweite beatmete Patient überlebt die Krankheit nicht.“ Mehr als die Hälfte der rund 500 Intensivpatienten im Land wird laut Landesgesundheitsamt beatmet.

Die Zahl der Beatmungsplätze ist laut Geldner je nach Klinik bis zu 92 Prozent ausgeschöpft. Zwischen dem 1. und dem 11. April sind laut Koordinator Geldner 57 Patienten in Baden-Württemberg von einem Krankenhaus in ein anderes verlegt worden, zum einen wegen fehlender Plätze, zum anderen wegen der größeren Fachkompetenz und Ausstattung in einem anderen Haus.

Auch der Ludwigsburger Mediziner sieht den Hauptgrund für begrenzte Kapazitäten im Personal. Einerseits geben viele Pflegekräfte wegen der Belastung durch die Versorgung der schweren Covid-Fälle auf, andere gehen in die Zeitarbeit, weil dort höhere Gehälter als im öffentlichen Dienst bezahlt werden, wie Geldner im eigenen Haus erfahren musste. Er sprach sich für eine Bezahlung der Pflegekräfte aus, die die Versorgung Schwerstkranker honoriert. *echo24.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Jens Büttner/dpa

Das könnte Sie auch interessieren