Kinder sind überfordert

BaWü: Kommt jetzt doch die verbindliche Grundschulempfehlung?

Baden-Württemberg: Kommt jetzt doch die verbindliche Grundschulempfehlung?
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Kommt die verbindliche Grundschulempfehlung jetzt doch? Im Landtag liegt ein entsprechender Gesetzentwurf vor.
  • Violetta Sadri
    vonVioletta Sadri
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Der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung macht den Heilbronner Schulen zu schaffen. Kommt jetzt die Kehrtwende? 

  • Seit 2012/13 ist die Grundschulempfehlung nicht mehr bindend, jetzt entscheiden die Eltern.
  • Heilbronner Schulen berichten von überforderten Schülern, die im Unterricht nicht mehr mithalten können.
  • Ein Gesetzentwurf zur Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung findet im Landtag keine Mehrheit.

Baden-Württemberg: Entscheidung über verbindliche Grundschulempfehlung

Update vom 5. März: Überforderte Pädagogen und oft unglückliche Schüler sind ein Phänomen, dass man seit dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung erkennen kann. Auch die Heilbronner Schulen - insbesondere die Gymnasium und Realschulen - bekommen die negativen Auswirkungen tagtäglich zu spüren. Und auch die immer weiter ausgebauten Fördermöglichkeiten an den einzelnen Schulen in Heilbronn kommen irgendwann an ihre Grenzen. Nicht verwunderlich also, dass sich vielePädagogen in Heilbronn eineWiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung wünschen.

Die FDP-Fraktion im baden-württembergischen Landtag ist diesem Wunsch jetzt nachkommen. Bereits gestern legten die Liberalen einen Gesetzentwurf vor, der dieverbindliche Grundschulempfehlung wieder einführt. Damit soll eine Entscheidung der früheren rot-grünen Landesregierung wieder rückgängig gemacht werden. FDP-Bildungsexperte Timm Kern erklärt: "Wir wollen die passende Schule für jedes Kind." Da die FDP im baden-württembergischen Landtag aber über keine Mehrheit verfügt, ist sie mit ihrem Gesetzentwurf auf die Unterstützung der anderen Parteien angewiesen.

Baden-Württemberg: Wieder verbindliche Grundschulempfehlung?

Und genau hier liegt das Problem. Grund: Die großen Parteien im Landtag - SPD, CDU und Grüne - haben nämlich bereits angekündigt, den Gesetzentwurf nicht zustimmen zu wollen. Nur die AfD hat ihre Zustimmung signalisiert - doch selbst dann würde es nicht für eine Mehrheit reichen. Dabei sind die Beweggründe der FDP durchaus berechtigt. Kern: "Die baden-württembergischen Schüler sind im deutschlandweiten Leistungsvergleichen abgesackt." Zudem sei die Anzahl der Sitzenbleiber in den fünften Klassen der Realschulen und Gymnasien seit dem Wergfall der verbindlichen Grundschulempfehlung  gestiegen, erklärt er weiter.

Grünen-Bildungsexpertin Sandra Boser sieht das Problem an einer ganz anderen Stelle. Denn viel wichtiger als eine Grundschulempfehlung "ist eine kontinuierliche und gute Beratung der Eltern". Und auch die SPD ist von dem neuen Gesetzentwurf wenig angetan. So bezeichnet der SPD-Abgeordnete Daniel Born den Vorstoß der Liberalen als "Schubladendenken", was für ihn ein Konzept von gestern sei.

Verbindliche Grundschulempfehlung in Baden-Württemberg: So geht es weiter 

Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann räumt derweil ein, dass heute viel mehr Kinder als früher Schularten besuchen, in denen sie überfordert sind. Aber im Gegensatz zur FDP will Eisenmann "das Rad nicht komplett zurück drehen". Ihr Ziel sei es aber, die verbindliche Grundschulempfehlung mittelfristig wieder verbindlicher zu machen. Eisenmann: "Das Ministerium arbeite bereits an einem Konzept." 

Wie das aussehen soll, ist noch nicht bekannt. Erste Maßnahmen, wie eineVorlage-Pflicht für die Eltern gibt es schon. Heißt: Die Empfehlung der Grundschule und das Zeugnis muss der weiterführenden Schule vorgelegt werden. Die kann Eltern zwar die Entscheidung nicht verbieten, aber in gemeinsamen Gesprächen die Eltern auf die Folgen ihrer Entscheidung hinweisen. Ob solche Maßnahmen tatsächlich fruchten, bleibt mehr als fraglich. Hintergrund: Oft werden die Empfehlungen der Schule einfach ignoriert. Das bestätigt Melanie Haußmann, Rektorin der Heinrich-von-Kleist Realschule in Heilbronn-Böckingen, im Gespräch mit echo24.de. Man darf also gespannt sein, wie sich dasbaden-württembergische Kultusministerium eine solche "mittelfristige Verbindlichkeit" vorstellt.

Während der Landtag über die verbindliche Grundschulempfehlung diskutiert, wird Schülern an einem Marbacher Gymnasium schulfrei gegeben. Der Grund: Coronavirus! Auch an einer Schule in Rudersberg blieben die Türen am Mittwoch geschlossen

Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung

Update vom 6. Februar: Überforderte Pädagogen treffen auf unglückliche Schüler - immer häufiger ein Problemfall an weiterführenden Schulen. Besonders betroffen: Gymnasien und Realschulen, die mit Förderangeboten irgendwann an ihre Grenzen kommen.

Seit dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung ist die Zahl an Schülern, die nach der Grundschule aufs Gymnasium gewechselt sind, obwohl sie dafür keine Empfehlung hatten, in die Höhe geschossen. Waren es in den Schuljahren 2010 bis 2012 konstant 0,8 Prozent der Kinder, so sind es nach der Neuregelung im Schuljahr 2012/13 mittlerweile stolze elf Prozent. Ein Trend, der sich in den letzten Jahren fortgesetzt hat und im Schuljahr 2016/17 mit 13 Prozent seinen Höhepunkt erreichte.

Drastischer ist die Lage noch an den Realschulen. Hier war der prozentuale Anteil an Kindern, die mit einer Empfehlung für die Haupt-/Werkrealschule auf eine Realschule übergegangen sind, vor dem Wegfall der Grundschulempfehlung, konstant bei unter fünf Prozent. Ab dem Jahr 2012/13 sind es fast sechs Mal so viele und mittlerweile sind es mehr als 20 Prozent. Rekordjahr auch hier: 2016/17 mit 25,2 Prozent. Das führt vermehrt auch zu steigenden Schülerzahlen an den einzelnen Schulen. Oft führt das auch zu Schülern, die mit dem geforderten Niveau nicht mithalten können.

Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung: Landesregierung gesteht Fehler ein

Inzwischen gibt auch Bildungsministerin Susanne Eisenmann zu: "Die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung in der vergangenen Legislaturperiode war ein Fehler. Jetzt versucht man Falten zu glätten, zum Beispiel mit einem erweiterten Förderangebot oder mit der Vorlagepflicht der Grundschulempfehlung bei der Anmeldung an der neuen Schule. Auch arbeite man laut Eisenmann an einem Konzept für mehr Verbindlichkeit der Empfehlung und für mehr Transparenz im gesamten Übergangsverfahren. 

Ein Beispiel: An den Realschulen im Land sind die Förderstunden nochmals erhöht worden, was eine bessere und intensivere Förderung ermöglichen soll. Grundsätzlich strebe man  "Lösungen ohne Verbote an", erklärt Fabian Schmidt vom Kultusministerium in Stuttgart. Das heißt auch für Heilbronner Grundschulen: Eine Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung ist damit wohl erstmal vom Tisch.

Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung: Wie sinnvoll sind die Lösungsansätze?

Ob Reformen, wie die Möglichkeit den Hauptschulabschluss an der Realschule zu absolvieren, am Ende fruchten, bleibt fraglich. Denn, sollten sich Schüler tatsächlich für die Möglichkeit entscheiden, den Hauptschulabschluss an der Realschule zu machen, müssen sie trotzdem im Realschulniveau in den Schuljahren fünf bis neun mithalten. Erweiterte Unterstützungsangebote können zwar helfe, stoßen aber irgendwann auch an ihre Grenzen. 

Ob es dann tatsächlich sinnvoll ist, sein Kind über steinige Wege zum Abschluss "zu peitschen" bleibt wohl der fragwürdigste Aspekt. Auf der anderen Seite hat man Haupt- und Werkrealschulen, die teils aufgrund mangelnder Schülerzahlen immer mehr von der Bildfläche verschwinden. Das führt letztlich dazu, dass künftig Schulen fehlen, die Schüler entsprechend ihrer Empfehlung besuchen können.

Heilbronn: Fehlende Grundschulempfehlung bringt Schulen an Grenzen - Facebook-User diskutieren

Update vom 3. Februar: Da sind sich alle einig: Eltern wollen für ihre Kinder nur das Beste. So kommt es immer häufiger vor, dass sich viele bei der Schulwahl des Nachwuchses gegen die Empfehlung eines Pädagogen entscheiden. Dass das aber nicht immer das Beste für das Kind ist, verstehen viele Eltern nicht. Die Folge: Überfüllte Gymnasien und unglückliche Kinder, die mit dem geforderten Niveau nicht mithalten können. 

Facebook-Nutzer haben im Netz über dieses Thema heiß diskutiert. So sagt eine Nutzerin: "Wie sagte mein damaliger Berufsberater? 'Lieber eine schlechte Mittlere Reife, als ein guter Hauptschulabschluss.'" Ein anderer Facebook-Nutzer hat offenbar genau das Gegenteil zu hören bekommen. "Als ich mich um meine Lehrstelle beworben habe hat mein Chef gesagt: 'Lieber einen guten Hauptschüler als einen schlechten Realschüler.'"  

Fehlende Grundschulempfehlung macht auch Heilbronner Schulen Probleme - Diskussion auf Facebook

Eine Userin ist dafür, die bindende Grundschulempfehlung wieder einzuführen. "Eltern sollten erkennen, dass sie nicht nur hochbegabte Kinder daheim sitzen haben", schreibt sie. Dass es aber nicht immer schlecht laufen muss, zeigt das Beispiel einer anderen Facebook-Userin: "Mein Sohn hatte auch keine Empfehlung fürs Gymnasium. Jetzt ist er in der 10. Klasse mit 1,9 im Schnitt in der Halbjahresinfo." 

Ein weiterer Nutzer schlägt eine Lösung für das Problem vor: "Dann macht doch Empfehlungen, plus Eltern- und Kinderwunsch und ganz klassisch eine Aufnahmeprüfung beziehungsweise einen Eignungstest. Stimmt alles überein, passt es, wenn nicht, sollten Gespräche und ein finaler Test eben entscheiden."

Facebook-Beitrag

Wie man an den Beiträgen der Facebook-Nutzer merkt, gehen die Meinungen stark auseinander. Das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport hat einen Leitfaden für Eltern und Lehrer entwickelt, der bei der Wahl der weiterführenden Schule helfen soll, denn die falsche Schulart kann Kinder auf Dauer unglücklich machen.

Heilbronn: Fehlende Grundschulempfehlung bringt Schulen an Grenzen

Erstmeldung vom 1. Februar, 15 Uhr: Klassenräume in Gymnasien platzen aus allen Nähten, Pädagogen sowie Schüler sind maßlos überfordert und Betrieben in Heilbronn fehlen die Auszubildenden. Und trotzdem ist noch "jeder zehnte Schüler nicht an der passenden Schule", erklärt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Realschulrektoren, Holger Gutwald-Rondot, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Vorausgegangen war die Entscheidung, die verbindliche Grundschulempfehlung ab dem Jahr 2012/13 außer Kraft zu setzen.

Heilbronn: Hauptschüler gehen aufs Gymnasium

Jetzt haben die Eltern das letzte Wort - was zur Folge hat, dass oftmals entgegen der Empfehlung der Pädagogen die falsche Schule ausgesucht wird. In Folge dieser Entwicklung "beobachten wir vermehrt Schüler, die den Anforderungen an das Gymnasialniveau nicht gerecht werden können", erklärt Andreas Meyer, Schulleiter am Mönchsee Gymnasium in Heilbronn. Auch Melanie Haußmann, Rektorin der Heinrich-von-Kleist Realschule in Heilbronn-Böckingen, beobachtet seit dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung, dass viele der Schüler mit dem geforderten Niveau nicht mithalten können. Viele Eltern denken bei dieser Entscheidung zu viel an den Abschluss und weniger an die Schullaufbahn ihres Kindes, erklärt Haußmann gegenüber echo24.de.

Schulen in Heilbronn: Förderung kommt an ihre Grenzen

Individuelle Förderung - das sollte die Antwort für die Schüler sein, welche in der falschen Schulart nicht mithalten können. Am Mönchsee-Gymnasium können die Schüler ab Klasse fünf in den Hauptfächern gesonderten Förderunterricht einmal pro Woche/Fach wahrnehmen. Zusätzlich gibt es eine Hausaufgabenbetreuung, die von Schülern aus der Oberstufe angeboten wird. Diese bekommen zuvor eine gesonderte Schulung und bieten dann als "Jugendbegleiter" Hausaufgaben- oder auch Fachspezifische Hausaufgabenbetreuung an.

Aber auch die besten Fördermöglichkeiten kommen an ihre Grenzen, wenn die Kinder durch den Leistungsdruck überfordert und in Folge unglücklich sind. Für Haußmann ein absolutes tabu. "In der Schule sollen Kinder etwas Schönes erleben, sie sollen gerne zur Schule kommen". Eine These, die in der finalen Entscheidung der Eltern vielleicht oftmals zu wenig Gehör findet. Stattdessen "versuchen es die Eltern einfach einmal - ohne Rücksicht auf die Kinder", erklärt Gutwald-Rondot, der die Kraichgau-Realschule in Sinsheim im Rhein-Neckar-Kreis leitet.

Schulen-Kritik stößt auf halboffene Türen

Kultusministerin Susanne Eisenmann ist sich der akuten Problematik durchaus bewusst. Von den Schwierigkeit in der Orientierungsstufe höre sie schon seit längerem, erklärt die Ministerin gegenüber der dpa

Das Problem: Die Kinder müssen, entsprechend der jeweiligen Schulart, ein gewisses Niveau erreichen. Schafft ein Schüler das nicht, hilft auch die Förderung nur noch bedingt. Dann startet man Versuche mit den Kindern, etwa nach dem Motto "wir probieren es". Ein Gedanke, der bei Melanie Haußmann auf Unverständnis stößt. "Hier spielt man letztlich mit dem Wohlergehen der Kinder, setzt sie Leistungsdruck aus  - das kann nicht unser Ziel sein."

Heilbronn: verbindliche Grundschulempfehlung - ja/nein?

Meyer: "Ich weiß es gibt Überlegungen, die verbindliche Grundschulempfehlung wieder einzuführen. Im Großen und Ganzen kann ich mich diesen Überlegungen anschließen - der Idealfall ist mit der jetzigen Regelung sicher nicht erreicht." Auch Melanie Haußmann sieht so manchen Fall an ihrer Schule mit Sorge. "Es wäre schön, wenn manche Eltern mehr Vertrauen in die Beratung an der Grundschule hätten", erklärt sie gegenüber echo24.de. Eine solche Beratung im Vorfeld bekommen die Eltern, bei Bedarf und bedenklichen Voraussetzungen, auch nochmal an der HvK. Die Praxis zeigt: Empfehlungen der Schule werden dabei in den meisten Fällen ignoriert, was nicht selten zu Kopfschütteln bei den Pädagogen führt. Dabei sind die Empfehlungen immer gut gemeint, erklärt Haußmann nochmal deutlich. In einer Wissensstadt wie Heilbronn habe man auch im Anschluss an einen Haupt- oder Werkrealschulabschluss noch viele Möglichkeiten. Sei es eine Fortführung der Schullaufbahn oder eine qualifizierte Ausbildung. Was alles möglich ist, zeigen beispielsweise verschiedene Berufsinfotage in Heilbronn.

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