Neue Hoffnung

Meisterbetriebe kämpfen um ihre Existenz - kommt jetzt das Umdenken?

Meisterbetriebe verschwinden
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Meisterbetriebe im Handwerk sind vom Aussterben bedroht.
  • Jason Blaschke
    vonJason Blaschke
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Während die Zahl der Meisterbetriebe in der Region weiter sinken, steigt die Zahl von zulassungsfreien Betriebe weiter an. Ein Trend, der sich künftig fortsetzt?

  • Neue Unternehmensgründungen im Handwerk nehmen im Vergleich zum Vorjahr nochmal deutlich zu.
  • Die Zahl an Meisterbetrieben sinkt, zulassungsfreie Berufe sind im Vormarsch.
  • Der Nachhaltigkeits-Gedanke führt zu einem Umdenken, und hin zum traditionellen Handwerksbetrieb. 

Heilbronn: Selbstständigkeit im Handwerk ist "In"

Weg vom Angestellten-Dasein und der Rentenkasse, einfach sein eigener Chef sein - das ist der Traum, den sich gerade viele im Handwerk verwirklichen. Dafür sprechen auch die Zahlen. Waren es im Jahr 2018 laut der Betriebsstatistik der Handwerkskammer Heilbronn-Franken 12.378 Handwerksunternehmen, sind es Ende 2019 mit stolzen 12.467 Unternehmen schon 98 mehr. Chef sein? Ein Trend den auch so mancher Einzelhändler aufgreift, um junge Leute für eine Ausbildung zu mobilisieren. Im genannten Fall durften 43 Azubis im Rahmen einer Projektarbeit die Lidl-Filiale in der Neckarsulmer Straße leiten.

Eine Zahl, die durchaus mit Vorsicht zu genießen ist. Denn man unterscheidet zwischen zulassungspflichtigen Meisterbetrieben und zulassungsfreien Berufen, wie Martin Weiß von der Handwerkskammer Heilbronn-Franken gegenüber echo24.de erklärt. In die Statistik fließen beide Varianten ein. Erst bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass zulassungsfreie Berufe hier auf der Überholspur sind.

Heilbronn/Handwerk: Eine Branche, zwei Berufsgruppen

Zulassungspflichtige Berufe - dazu gehören alle Beschäftigungen, bei denen die Meisterpflicht greift, beziehungsweise eine Meisterprüfung abgelegt werden muss. Dazu zählen neben Bäckern oder Friseuren seit Anfang 2020 auch zwölf neue Berufe wie Raumausstatter oder Parkettleger, die wieder in die Meisterpflicht aufgenommen wurden.

Dem gegenüber stehen die zulassungsfreien Berufe wie Fotografen oder Orgelbauer, für die keine explizite Meisterpflicht greift. Heißt: Jeder kann diese Berufe ohne Ausbildung oder Prüfung frei ausüben. Dass seit Jahresbeginn wieder einige Berufe unter die Meisterpflicht fallen, findet Weiß positiv: "Zwar sind es längst nicht alle, aber die wichtigsten". Ganz ohne Meistertitel kommen drei Ex-Eishockey-Profis aus Heilbronn aus, die ihreigenes Pracht-Autohaus Ende letzten Jahres eröffnet haben.  

Heilbronn: Zahl der Meisterbetriebe sinkt

Dass die Meisterbetriebe häufiger von der Karte verschwinden, beobachtet Weiß in seiner 30-jährigen Berufserfahrung schon länger. Dies sei kein tagesaktuelles Phänomen, die Meisterbetriebe gehen seit Jahren zurück. Als einen der Gründe nennt Weiß den generellen Personalmangel im Handwerk. "Viele Meisterbetriebe haben Schwierigkeiten Nachfolger zu finden und müssen infolgedessen ihr Unternehmen irgendwann aufgeben. Personalmangel - das sind einerseits diefehlenden Fachkräfte, andererseits die nicht vorhandenen Azubis. Auch 2019 gab es in der Region Heilbronn-Franken wieder 529 unbesetzte Ausbildungsplätze.

Auf der anderen Seite präsentieren sich zunehmend Berufe wie Fotograf oder Koch, für die keine besondere Qualifikation notwendig ist. Hier ist es, gerade für junge Leute, einfacher Fuß zu fassen. Weiß: "Es gibt keine Gründungsvoraussetzungen". Ein Beispiel: Ex-Fußball-Star Tobias Weis, der im Bahnhofviertel in Heilbronn sein eigenes Restaurant "La Pinseria" eröffnet hat - Unternehmensgründung ohne Meisterprüfung.

Heilbronn: Nachhaltigkeit macht alte Meisterberufe wieder "trendy"

Stichwort Nachhaltigkeit - ein Thema, das durch Bewegungen im Klimaschutz oder der gesunden Ernährung zunehmend an Bedeutung gewinnt. In der Gesellschaft kommt es langsam zu einem Umdenken. Man kauft seine Brötchen beispielsweise wieder im "Slow Baking" Handwerksbetrieb" statt wie früher billig im Discounter. 

Qualität und Nachhaltigkeit - dafür ist man immer häufiger bereit ein paar Cent mehr auszugeben. Was dazu führt, dass junge Leute diese Berufe auch häufiger wieder interessant finden. Man findet vereinzelt wieder Traditionsbetriebe, die nach altbewährten Methoden ihr Handwerk betreiben und damit Erfolg haben. "Das sind leider nach wie vor die Ausnahmen", erklärt Weiß.

Ein anderes Problem, welches man bei der Erhebung der Daten beachten muss, ist der Konzentrationsprozess. Etwas, das nichts anderes bedeutet, als das sich einzelne Unternehmen zu einer Firma zusammenschließen. Beispiel: Eine Bäckerei kauft andere kleine Filialen auf, die dann oft unter einem neuen Namen bestehen bleiben. In der Statistik der Handwerkskammer Heilbronn-Franken taucht in diesem Fall die Bäckerei nur einmal auf - auch wenn mehrere Produktionsstätten betrieben werden.

Heilbronn: "Mehr Handwerksbetriebe wären wünschenswert." 

Fazit: Die Aussage "Handwerksbetriebe in der Region Heilbronn schwinden" ist mit Vorsicht zu genießen. Faktoren wie der Konzentrationsprozess oder die Unterscheidung zwischen zulassungsfreien und zulassungspflichtigen Meisterberufen werden im Volksmund oft nicht berücksichtigt. Dass der Fachkräftemangel sich auch an dieser Stelle bemerkbar macht, kann stattdessen kaum bestritten werden. Für die Zukunft würde sich Martin Weiß wieder mehr kleinere Betriebe wünschen: "Kleinere Betriebe mit gleichbleibend guter Qualität". In Zukunft denkbar? Ein Umdenken in der Gesellschaft ist jedenfalls erkennbar - wenn auch nur in kleinen Schritten. 

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