Coronavirus auf Stuttgart-21-Baustelle

Corona-Infektionen auf Stuttgart-21-Baustelle: Jetzt kommen haarsträubende Details ans Licht

  • Jason Blaschke
    vonJason Blaschke
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Die Stuttgart-21-Baustelle steht wegen Coronavirus-Infektionen in der Kritik. Die engen Container vieler Arbeiter sind aber nur Teil eines viel größeren Problems. 

  • Die Stuttgart-21-Baustelle steht wegen einiger Coronavirus-Infektionen in der Kritik.
  • Sind die Containerunterkünfte auf der Stuttgart-21-Baustelle die Ursache?
  • Ein ehemaliger Stuttgart-21-Arbeiter berichtet von katastrophalen Zuständen.

Coronavirus-Infektionen auf der Stuttgart-21-Baustelle: Sind Wohncontainer die Ursache?

Die Zahl der Coronavirus-Infektionen in Baden-Württemberg steigt weiter an. Und auch das Großprojekt Stuttgart 21 bleibt von SARS-CoV-2 nicht mehr verschont. Das zeigt ein echo24.de-Bericht, der schon seit mehr als drei Wochen über die zahlreichen Coronavirus-Infektionen auf der Stuttgart-21-Baustelle berichtet. Die Frage der Fragen ist jetzt: Was ist die Ursache?

Die Stuttgarter Zeitung rückt jetzt die Wohncontainer der Werkvertragsarbeiter* ins Rampenlicht. Denn oft sind das erbärmliche "Massenbehausungen", in denen Begriffe wie Mindestabstand oder Hygienestandards utopisch klingen. Und der massive Coronavirus-Ausbruch im Birkenfelder Fleischwerk ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass diese Container auch auf der Stuttgart-21-Baustelle ein Problem sein könnten.

Stuttgart-21-Baustelle: Führt Wohnungsnot zu steigenden Coronavirus-Infektionen?

Auch ist bekannt, wie dramatisch die Wohnsituation in Stuttgart und anderen Großstädten ist. Und wenn schon ganze Familien fast keine Wohnung finden, wie sollen dann erst Werkvertragsarbeiter, die meist aus Osteuropa kommen, eine Wohnung finden? Überfüllte Container auf Baustellen oder Fleischereien sind also auch die logische Folge eines knappen Wohnungsmarkts.

Viele Menschen auf engstem Raum - der ideale Nährboden für Coronavirus-Infektionen.

Das weiß auch Ibrahim Hazer, Geschäftsführer der türkischen Firma Erfa, der auf Baustellen als Subunternehmer tätig ist. Und die Coronavirus-Pandemie verschärft das Wohnungsproblem zusätzlich. Nicht zuletzt auch deshalb wünscht sich Hazer mehr Container auf der Stuttgart-21-Baustelle, die man neuerdings auch bei einem virtuellen Rundgang unter Tage näher erkunden kann. Doch das habe die Stadt schon vor längerer Zeit abgelehnt.

Coronavirus-Infektionen auf der Stuttgart-21-Baustelle: Ist es Staatsversagen?

Auch der Plan Hazers, ein ehemaliges Hotel für die Werkvertragsarbeiter anzumieten, ist mittlerweile gescheitert. Aber Fakt ist: Guter Arbeits- und Gesundheitsschutz ist der Schlüssel zum Schutz vor weiteren Coronavirus-Infektionen - und das umfasst auch die Unterkünfte. Diesem Projekt möchte sich jetzt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil widmen.

Und guter Arbeits- und Gesundheitsschutz könne tatsächlich für Abhilfe sorgen, erklärt Martin Kunzmann, Landesvorsitzender des Gewerkschaftsbunds in Baden-Württemberg. Heil: "Doch strengere Regeln im Arbeitsgesetz nützen nichts, wenn sie nicht kontrolliert werden." Ein Punkt den Kunzmann unterstreicht. Er bemängelt aber, dass seit 2007 die Zahl der Kontrolleure nicht gestiegen ist.

Stuttgart-21-Baustelle: Bauarbeiter können sich nicht wehren

Nicht verwunderlich also, dass sich die Wohnsituation in Containern, wie eben auf der Stuttgart-21-Baustelle, sich nie wirklich gebessert hat. Laut Kunzmann kommt auf einen Beamten im Wirtschaftsministerium circa 21.000 Beschäftigte in Baden-Württemberg. Zwischen zwei Kontrollen in einem Betrieb liegen rein rechnerisch also gute 26 Jahre. Jahre, in denen der Arbeitsschutz mit Füßen getreten werden kann.

Wird aktuell mit der teils katastrophalen Situation der vielen ausländischen Werkvertragsarbeiter konfrontiert: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil.

Dann kommt auf einmal die Coronavirus-Pandemie und plötzlich wird erwartet, dass flächendeckend der Infektionsschutz und die Regeln der Coronavirus-Verordnung umgesetzt werden. Zwar ist die Deutsche Bahn für die Arbeiter auf der Stuttgart-21-Baustelle verantwortlich, die überträgt die Verantwortung für die einzelnen Arbeiter aber an die Subunternehmen** - wie eben die Firma Efra.   

Coronavirus auf Stuttgart-21-Baustelle: "Die Angst vor Ansteckung und Tod ist unerträglich"

Aber wie sollen diese Firmen ihre Werkvertragsarbeiter vor Coronavirus-Infektionen schützen? Weitere Container auf der Stuttgart-21-Baustelle sind ja nicht bewilligt worden. Und auch die Hotel-Idee von Ibrahim Hazer war in ihrer Form nicht umsetzbar. Und trotzdem sind nachher die Subunternehmen die Schuldigen, wenn es zum Coronavirus-Massen-Ausbruch kommt.

Das zeigt der Shitstorm im April, der auf die Subfirma niederging, nachdem ein Eisenflechter von der Stuttgart-21-Baustelle mit Herzproblemen und einer Coronavirus-Infektion ins Krankenhaus gekommen war. Prompt kommt die Belegschaft in der Containerunterkunft mit 21 Zimmern unter Quarantäne. Die Folge: Das Zusammenleben beengtem Raum wird durch die Angst vor Ansteckung und Tod unerträglich. 

Stuttgart-21-Bauarbeiter: Keine Löhne in der Coronavirus-Quarantäne

Hazer: "In der Coronavirus-Quarantäne bekommen sie (Werkvertragsarbeiter) keinen Lohn." Und erst jetzt in der Coronavirus-Zeit finden die Stuttgart-21-Bauarbeiter Gehör. In der Stuttgarter Zeitung berichten Arbeiter von Tunneln, wo Mindestabstände nicht eingehalten werden. Auch mit Schutzkleidung und Desinfektionsmittel seien die Arbeiter nicht ausgestattet worden.

Hinzu kommt, dass nicht jeder in seinem Heimatland krankenversichert ist. Die Stuttgarter Zeitung berichtet hier von einer Corona-Isolation, in der Stuttgart-21-Arbeiter förmlich "zusammengepfercht" werden. Und um sich selbst überhaupt verpflegen zu können, müssten sich die Arbeiter sogar Abends aus den Containern schleichen. Was sind das für Zustände?

Stuttgart 21: Baustelle und Überlebenskampf im Herzen von Baden-Württemberg

Auf jeden Fall schlimme. Davon zeugt die filmreife Flucht des ehemaligen Stuttgart-21-Arbeiters Mahmut Dalbudak und acht seiner Kollegen. Lagerkoller und Coronavirus-Panik veranlassten sie dazu, die Stuttgart-21-Baustelle frühzeitig zu verlassen. Das Ziel: Die Flucht in die Türkei - das misslang. Mit zwei seiner Kollegen wurde Dalbudak von der Polizei aufgegriffen. 

In mehreren Videos und einem Fernsehinterview macht der anschließend auf die katastrophale Situation in der Stuttgart-21-Baustelle aufmerksam. Er zeigt miserable Zustände auf, die schon immer da waren, aber nicht wahrgenommen wurden. Und erst jetzt in der Coronavirus-Pandemie zeigt sich, wie fatal die Folgen einer Pandemie sein können.

Auf einer Stuttgarter Baustelle kommt es zu einem geschmacklosen Vorfall. Ein Baggerfahrer klebt "Führerhaus" in Frakturschrift auf das Fahrerhaus seines Baggers.

*Werkvertragsarbeiter sind meist Arbeiter aus dem Ausland, die nur zeitweise in Deutschland arbeiten. Oft sind sie nicht krankenversichert und bekommen nicht den ihnen zustehenden Lohn. Meist leben sie in Sammelunterkünften oder Containern.
**Ein Subunternehmen erbringt für ein anderes Hauptunternehmen Leistungen. Oft auch mit Werkvertragsarbeitern, die Zeitweise im Unternehmen angestellt sind. 

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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