Reisebüro-Demos gehen weiter

Droht Reisebüros der Kollaps? Reise-Expertin berichtet von katastrophalen Zuständen 

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Die Coronavirus-Pandemie in Baden-Württemberg zwingt Reisebüros bald in die Insolvenz. Eine Reise-Expertin berichtet im echo24.de-Interview von teils katastrophalen Zuständen. 

  • Auch in Baden-Württemberg stehen viele Reisebüros am Rande ihrer Existenz - wird die Politik mit einem Rettungsfond reagieren?
  • Wenn keine Hilfe aus der Politik kommt, droht Deutschland eine Insolvenzwelle.
  • echo24.de spricht mit Tourismus-Expertin Claudia Mades über den Überlebenskampf der Reisebüros in der Coronavirus-Zeit.

Coronavirus Baden-Württemberg: Reisebüros droht der Kollaps! Insolvenzen unausweichlich? 

Leere Strände, verwaiste Hotels und parkende Flugzeuge - die weltweiten Folgen der Coronavirus-Pandemie treffen die Tourismusbranche mit voller Härte. Vor allem die regionalen Reisebüros in Baden-Württemberg wissen nicht, wie es für sie künftig weiter gehen soll. Das Problem: Viele Reisebüros sind weder eine AG noch eine GmbH. Heißt: Die lokalen Unternehmen sind meist in Privatbesitz und die Inhaber müssen aktuell schon ihr Privatvermögen anzapfen, damit der Betrieb überhaupt noch weiter existieren kann.

Coronavirus Baden-Württemberg: Reisebüros berichtet von katastrophalen Zuständen

Die Tourismusbranche macht auch in Baden-Württemberg mobil. Hintergrund sind die drohende Insolvenzwelle und Massenarbeitslosigkeit.

Wie schlimm es um die Reisebüros in Baden-Württemberg steht, erfährt echo24.de im Interview mit Tourismus-Expertin Claudia Mades, die federführend am Aktionsbündnis "Rettet die Reisebüros" beteiligt ist.

echo24.de: Auf welche Folgen müssen wir uns einstellen, wenn aus der Politik keine Hilfe kommt und es weitergeht wie bisher?

Mades: Es kommt zur Massenarbeitslosigkeit. Das Schlimme daran ist, dass wir dadurch qualifizierten Menschen verlieren, die teilweise sogar studiert haben oder über sehr viel Berufserfahrung verfügen. Kommt es in der Tourismusbranche dann irgendwann zum Neustart, fehlt uns dieses Personal. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland mit der Tourismusbranche mit eine der besten Vertriebsstrukturen weltweit haben. Ich spreche hier von Reisebüros vor Ort, die für viele Kunden vielmehr sind als nur einfache Reisevermittler.

Mehr als nur Reisevermittler? Was bedeutet das?
In den Reisebüros erfahren wir sehr viel von unseren Kunden. Wir kennen beispielsweise ihre Bedürfnisse, Hobbys und Wünsche, wenn es um die Urlaubsplanung geht. Und auch jetzt in der Coronavirus-Zeit kümmern wir uns um die besorgten Kunden und helfen ihnen, wo wir können. Und all das, obwohl wir im Moment mit unseren Existenzen kämpfen und Probleme ohne Ende haben.

Was sind das genau für Probleme?
Die vielen lokalen Reisebüros haben nur begrenzte Geldreserven. Hinzu kommt, dass viele Kunden verunsichert sind und erstmal keine Urlaube mehr buchen möchten. Den Reisebüros brechen also von heute auf morgen wichtige Einnahmen weg. Trotzdem müssen Miet- oder Personalkosten weiter gezahlt werden.

Und wie wirkt sich das auf die einzelnen Reisebüro-Inhaber in Baden-Württemberg aus?
Viele unserer Mitglieder im Aktionsbündnis sind schon dermaßen in finanziellen Schwierigkeiten, dass sie ihr privates Vermögen anzapfen müssen, damit es nicht zum Insolvenzverfahren kommt. Wenn das nämlich passiert, haftet ein Inhaber meist mit seinem Privatvermögen. Unsere Mitglieder sind in der Regel einfache Unternehmer, keine GmbH oder Aktiengesellschaft. Und wenn jemand mit seinem Privatvermögen teils millionenschwere Schulden begleichen muss, führt das in der Regel erst zu Hartz IV und später zu Altersarmut.

Was fordert ihr Aktionsbündnis von der Politik?
Wir wollen eine Art Rettungsschirm in Form eines Reise-Rettungsfonds. Ähnlich der Soforthilfe in Baden-Württemberg sieht der Entwurf von uns vor, dass die einzelnen Reisebüros eine Sofortzahlung vom Bund erhalten. Der Unterschied zur Soforthilfe ist, dass wir das Geld später zurückzahlen wollen, wenn es der Tourismusbranche wieder besser geht. Es ist quasi ein Kredit, den wir später zinslos zurückzahlen.

Wie viel Geld bräuchte es ihrer Meinung nach aus der Politik?
Wir brauchen etwa zehn Milliarden Euro, damit wir das Schlimmste abwenden können. Reagiert die Politik nicht, rechne ich ab Juli mit einer Massen-Insolvenz in ganz Deutschland. Die Folgen für unsere Gesellschaft wären katastrophal. Am meisten ärgert uns, dass unser Vorschlag für einen Rettungsfonds schon seit Wochen in Berlin hin und her gereicht wird - passiert ist bisher nichts. Die allgemeinen Staatshilfen in der Coronavirus-Pandemie greifen in unserer Branche nicht. Unsere Geduld ist langsam am Ende. Unsere Existenzen stehen auf dem Spiel!

Coronavirus Baden-Württemberg: Hilfe für die Reisebüros: Politik reagiert langsam

Auch in Berlin sind die Demos aus der Tourismusbranche mittlerweile angekommen. Erste Politiker zeigen sich solidarisch und wollen helfen. 

Trotz allen Ärgers gibt es eine positive Nachricht. Die Politik nimmt die Demos wahr und bekommt ein Gefühl dafür, wie ernst die Lage ist. In der Coronavirus-Zeit trifft 92,8 Prozent Umsatzverlust auf 2,9 Millionen Arbeitsplätze - in der Tourismusbranche. Allein 100.000 davon sichern die Reisebüros, die aktuell Verluste in Milliardenhöhe einfahren. Rund 70 Millionen touristische Reisen fanden im Jahr 2019 statt. Das zeigt: Die Tourismusbranche ist nicht nur ein Arbeitgeber für Millionen von Menschen, sondern auch ein schwer verzichtbarer Eckpfeiler, der jetzt einzubrechen droht.

Mades: "Langsam finden wir Gehör." Erst Politiker, darunter Thomas Bareiß, Tourismusbeauftragter der Bundesregierung, haben sich mit dem Aktionsbündnis bereits in Verbindung gesetzt und versuchen, eine schnelle Lösung zu finden. Und auch was die Urlaubsplanung in der Coronavirus-Zeit betrifft, kommt Fahrt auf. Denn Länder wie Griechenland oder die Niederlanden haben bereits angekündigt, im Sommer wieder Touristen ins Land zu lassen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Branche, die mit am stärksten von den Folgen der Corona-Krise betroffen ist. 

Rubriklistenbild: © Pixabay

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