Kein Klopapier mehr

Hamsterkäufe in Baden-Württemberg: Aber warum ausgerechnet Klopapier?

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Das Coronavirus hat Baden-Württemberg fest im Griff. Ebenso wie die Hamsterkäufer, die reihenweise Klopapier kaufen.

  • Die Coronavirus-Pandemie mobilisiert Hamsterkäufer in ganz Baden-Württemberg.
  • Alle haben es auf Klopapier abgesehen, Experten erklären warum.
  • Supermärkte gehen mit Kaufbeschränkungen gegen Hamsterkäufer vor. 

Coronavirus und Hamsterkäufe: Die deutschen kämpfen um Klopapier

Die Franzosen lieben Rotwein, die Briten Fish and Chips und die Deutschen? Die lieben Klopapier - und kämpfen in Zeiten der Corona-Pandemie in Baden-Württemberg um jede Rolle. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. In Supermärkten kommt es immer wieder zu erbitterten Kämpfen. Der Hauptpreis: Die letzte Packung Klopapier. Dabei machen solche Hamsterkäufe in Baden-Württemberg eigentlich gar keinen Sinn, wie das baden-württembergische Innenministerium erklärt. 

Und trotzdem sind in vielen Drogerie- und Supermärkten im Land die Abteilungen für Klopapier und Hygieneartikel reihenweise leer, wie aktuelle Aufnahmen vom Samstag zeigen. Teilweise wird bereits auf Taschentücher umgeschwenkt, um das heimische Lager noch weiter auszubauen. Einige Märkte wie Lidl in Heilbronn setzen mittlerweile auf Security-Personal, das die Ausgabe von Klopapier bewacht.

 

Ganze Abteilungen in baden-württembergischen Läden sind durch Hamsterkäufe zur Wüste geworden. Nicht ein Fetzen Klopapier.

Hamsterkäufe wegen Coronavirus: Auch in Baden-Württemberg Klopapier heiß begehrt

Aber warum ist ausgerechnet Klopapier so begehrt? Eine These: Es ist das, was "den Mensch vom Tier unterscheidet", erklärt Psychiater Michael Huppertz, Gründer der gemeinnützigen Mindful-Change-Foundation, im Interview mit watson.de. Er vergleicht die Hamsterkäufe mit Zwangsgedanken, einer psychischen Erkrankung, wo Betroffene versuchen, durch bestimmte Gedanken und Handlungen die Kontrolle in einer Situation zurückzugewinnen. Wer jetzt in den Supermarkt gehe und sich mit Vorräten eindecke, vermittelt sich selbst das Gefühl, einen Plan zu haben und handlungsfähig zu sein, erzählt Huppertz. 

Klopapier vielleicht deswegen, weil Menschen sich in der Coronavirus-Pandemie das schlimmste Szenario ausmalen. Heißt: Wenn ich mich in einer Krise wie dieser schon nicht allein versorgen kann, darf zumindest das Klopapier nicht fehlen. Huppertz: "Es geht ans körperliche, an die Würde." Es seiletztlich Scham, der für Menschen oft schlimmer ist als Armut oder Mangel, erzählt Huppertz im Gespräch mit watson.de zum Thema Coronavirus und Hamsterkäufe in Deutschland.

Coronavirus und Hamsterkäufe: Warum kämpfen Menschen um Klopapier? Experten geben Antworten

Anja Achtziger, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee, sieht auch den Gruppenzwang als einen möglichen Grund für die sinnlose Klopapier-Hortung. Achtziger: "Die Leute hören in den Medien, dass andere viel Toilettenpapier kaufen." Das sorgt wiederum dazu, dass mit Familie, Freunden oder Arbeitskollegen über das Thema gesprochen wird. Das hat laut der Professorin zur Folge, dass Menschen, die bis dahin noch nicht gehamstert haben, nervös werden und sich schließlich doch Vorräte anlegen. Folge: Man gibt schließlich der Gruppe nach und nimmt beim nächsten Einkauf doch ein oder zwei Packungen mehr mit, erklärt Achtziger in der Süddeutschen Zeitung. 

Und hier spielt jetzt ein weiterer Faktor zu. Grund: VieleDrogerien und Discounter haben Ware nicht mehr zu großen Teilen im Lager, sondern bekommen regelmäßig Lieferungen, um die Regale aufzufüllen. Aus Erfahrung wird errechnet, wie viel von einem Produkt gebraucht wird. Aber wenn jeder Kunde anfängt auf einmal mehr von einem Produkt (hier: Klopapier) zu kaufen - und sei es nur eine Packung mehr - kommt es zu leeren Regalen. Zumindest so lange, bis der Nachschub - der nach regulärer Nachfrage berechnet wird - eintrifft. Der Knackpunkt: Viele Produkte kommen auch aus dem europäischen Ausland

Coronavirus und Hamsterkäufe: Das ist einer der Gründe für den Klopapier-Mangel

Das Problem: Die Coronavirus-Pandemie verursacht Grenzschließungen in Deutschland und anderen europäischen Nachbarstaaten. Die Folge sind lange Lkw-Warteschlangen an den Grenzen, in denen auch die Lkw mit Klopapier-Nachschub festsitzen. Zudem werden "Hygieneartikel seltener nachbestellt als Lebensmittel, weil sie normalerweise weniger nachgefragt werden", sagt Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH), im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung zu Hamsterkäufen

Zumindest bei dm hat man schon reagiert und versucht stets, "die Bestellmengen entsprechend der Nachfrage" anzupassen, erklärt Christoph Werner, Vorsitzender der dm-Geschäftsführung, auf echo24.de-Anfrage. Von Herstellerseite ergreife man ebenfalls Maßnahmen, um Produktionskapazitäten zu erhöhen, erklärt Werner weiter. 

Coronavirus Baden-Württemberg: Produkte wie Klopapier während Pandemien besonders begehrt

Nur leider fällt uns in Krisen - wie der Coronavirus-Pandemie ein - wie "unerhört wichtig und zugleich unterschätzt" simple Produkte, wie etwa Klopapier, sind. Allein die Vorstellung, über längere Zeit im Bereich Hygiene improvisieren zu müssen, rufe bei vielen Leuten Panik hervor, sagt Achtziger. So schnell, dass Händler ihre Produktionen nicht von heute auf morgen anpassen können. Und letztlich ist es doch Angst, die Konsumenten zu Hamsterkäufern und Klopapier-Schlägern macht. Angst, die aufgrund der Flut an Nachrichten durchaus begründet ist. 

Beispiel: In Italien sterben so viele Menschen am Coronavirus, dass die örtlichen Krematorien überlastet sind. Die Angst davor, dass die Situation in Deutschland ebenso wie in Italien eskalieren könnte, treibt viele Menschen in diebaden-württembergischen Supermärkte und Drogerien. Die Folge: Hamsterkäufe.

Coronavirus: Viele Supermärkte und Drogerien geben Hamsterkäufern contra 

Doch vielen Hamsterkäufern in Baden-Württemberg wird vermehrt ein Strich durch die Rechnung gemacht. Grund: Viele Handelsketten, wie dm, begrenzen den Kauf diverser Produkte, darunter Klopapier. Hoffnung also für dieleeren Regale in Heilbronn, die oft schon am Wochenbeginn geplündert sind. Eine Packung pro Käufer ist jetzt oftmals die neue Regel. Wie findet ihr das? Sagt uns eure Meinung.

Appell an die Kunden: Solidarisch handeln. Aber das Bild zeigt: Jeder ist sich selbst der Nächste.

Jedenfalls könnte es etwas an den chaotischen Zuständen in Folge der Coronavirus-Pandemie ändern. Jemand, der garkein Klopapier zu Hause hat, hat jetzt zumindest die Chance, eine Packung ergattern zu können. Aber auch nur eine kleine. Grund: Es wurden schon Kunden beobachtet, die die Regelung umgehen, indem sie mit der ganzen Familie einkaufen gehen. An der Kasse kauft dann jeder - von der Mutter über die Kinder bis hin zum Onkel - eine Packung. 

Damit stellt zumindest der baden-württembergische Hamsterkäufer seinen Bedarf an "weißen Gold" sicher. Ein Gutes hat die Idee ja: Klopapier kann nicht schlecht werden. Und das viele Obst und Gemüse - das jetzt vermehrt an der Frische-Theke zu finden ist - erfreut die Spät-Einkäufer, die jetzt endlich auch mal an frisches Obst kommen. Bei lang haltbaren Lebensmittel wie Mehl, Reis, Nudeln und Co. können sich Hamsterkäufer ein anderes Problem ins Haus holen.

Rubriklistenbild: © Jason Blaschke

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