Kinder ohne Zuhause

Corona-Krise: Kontaktverbot zwingt Kinder auf die Straße

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Das Coronavirus-Kontaktverbot in Baden-Württemberg kann das Kindeswohl gefährden. Eine Zunahme von Gewalt kann die Folge sein.

  • Im Zuge des Coronavirus könnten Gewalttaten in Problemfamilien zunehmen.
  • Experten prognostizieren: "Covid-19 verschärft die Lage in Problemfamilien unerträglich".
  •  In Berlin flüchten mehr Kinder aus Problemfamilien auf die Straße, weil sie es daheim nicht mehr aushalten.

Update, 15. April: Das Kontaktverbot im Zuge der Coronavirus-Pandemie in Baden-Württemberg zeigt aktuell auch seine Schattenseite. Denn: Seit Inkrafttreten der Schutzmaßnahmen hat die häusliche Gewalt zugenommen. Und auch die Gewalt gegen Kinder bekommt durch die Maßnahmen frischen Nährboden. Davon zeugen die vielen Anfragen, die bei gemeinnützigen Organisationen aktuell bearbeitet werden müssen.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Straßenkinder auch in Baden-Württemberg? 

Erschreckend ist zudem ein Beitrag auf Stern.de, der über eine steigende Anzahl an Straßenkindern in der Coronavirus-Pandemie berichtet. Ist auch Baden-Württemberg davon betroffen? echo24.de hat bei Jugendämternund Beratungsstellen nachgefragt - und Erstaunliches festgestellt.

Auf Anfrage im Sozialministerium Baden-Württemberg erfährt echo24.de von einem "deutlicher Anstieg an Beratungsgesprächen und Aufnahmegesuchen". 

Zu der Frage, ob sich dadurch die Zahl der obdachlosen Straßenkinder erhöht hat, erhält die Redaktion keine Antwort.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Corona-Straßenkinder - das sagen die Verbände und Kommunen

Der Caritas-Verband Heilbronn-Hohenlohe erklärt auf Anfrage: "Kinder, die nicht in Familien bleiben können, werden über das Jugendamt in Obhut genommen." Laut Caritas-Sprecherin Annette Wenk kann aber aktuell keine Zunahme beim Jugendamt Heilbronn festgestellt werden. Zudem sind alle Caritas-Angebote gewohnt verfügbar. 

Wenk: "Auch mit dem Jugendamt sind wir in ständigem Kontakt." Genauere Angaben können aber auch an dieser Stelle nicht gemacht werden. Und auch den Jugendämtern, im Stadt- und Landkreis Heilbronn, scheint das Phänomen "Corona-Straßenkinder" nicht bekannt zu sein. Denn sowohl Stadt als auch Landratsamt verneinen Vorkommnisse dieser Art.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Gewalt gegen Kinder durch Corona - erste Prognosen stehen 

Dass es im Zuge der Kontaktsperren in Baden-Württemberg aber vermehrt zu Schwierigkeiten in Problemfamilien kommen könnte, vermutet auch das Landratsamt Heilbronn. In solchen Situationen stehen laut Landratsamt-Sprecher Manfred Körner Jugendämter und Beratungsstellen im Kreis Heilbronn bereit. 

Die Stadt Heilbronn erklärt über Pressesprecher Christian Britzke: "Der Bereitschaftsdienst des Jugendamtes ist gerüstet, um auf Anfragen zügig reagieren zu können. 

In Baden-Württemberg noch keine Zustände wie in Berlin

Britzke: "Die Stadt bewertet die Lage fortlaufend und baut bei Bedarf ergänzende Angebote kurzfristig auf." 

Es lässt also hoffen, dass Szenen wie in Berlin rechtzeitig verhindert werden können. Dort ist die Situation Beobachtern zufolge unvorstellbar schlimm. Ecki: "Es gibt nirgendwo mehr Toiletten, die sie benutzen können. Gerade für Frauen ist das ein Riesenproblem." Grund: Aufgrund des Coronavirus sind viele Einrichtungen geschlossen worden.

Das ist nicht nur ein Problem für die vielen Obdachlosen in Berlin. Auch Kinder, die wegen der Coronavirus-Krise auf der Straße leben, stellt das Virus vor mehr als eine Herausforderung. 

Einerseits verlieren sie durch Covid-19 endgültig ihr Zuhause, andererseits verwehren ihnen die Schutzmaßnahmen von Bund und Ländern dringend nötige Mahlzeiten oder eben den Gang zu einer Toilette. Was in Deutschland fast unglaublich erscheint, ist harte Realität.

Bisher galten Kinder als am wenigstens gefährdete Gruppe für eine Covid-19-Erkrankung. Doch jetzt berichten Kinderärzte von einem seltsamen Syndrom namens Kawasaki bei Kindern. Wie hängen beide Erkrankungen zusammen?

Coronavirus in Baden-Württemberg: Kontaktverbote können für Kinder zur Gewalt-Falle werden

Usprungstext: Mit mehr als 20.000 Coronavirus-Infektionen in Baden-Württemberg (Stand: 7. April) ist ein trauriger Höchststand erreicht. Gerade haben Bund und Länder reagiert und ein Kontaktverbot bis 19. April ausgesprochen. Das hat zur Folge, dass die meisten Geschäfte geschlossen haben, Arbeitnehmer größtenteils im Homeoffice arbeiten und Kinder zu Hause sind.

Und genau das könnte auf Dauer schwierig werden - besonders in Problemfamilien. Hintergrund: Dadurch, dass Familien jetzt vermehrt daheim "aufeinandersitzen", steigt auch die Zahl der Gewalttaten in Baden-Württemberg. echo24.de hatte erst vor kurzem über die häusliche Gewalt in der Coronavirus-Pandemie berichtet, die seit Beginn der Coronavirus-Zeit massiv zugenommen hat.

Die Essenz schon damals: Die Kontaktsperre, die uns eigentlich schützen soll, kann für Frauen in einer Problemfamilie zum Horror werden. Leider vergisst so mancher beim Begriff "häusliche Gewalt", dass nicht nur Frauen betroffen sind. Denn auch Männer und speziell Kinder können durch die Folgen der Coronavirus-Pandemie in Baden-Württemberg schrecklichen Gefahren ausgesetzt sein.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Kontaktverbot als Gewalt-Gefahr für Kinder - Experten schlagen Alarm

Johannes Wilkes, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychotherapie in Nürnberg, erklärt dazu: "In vielen Problemfamilien kocht es ohnehin schon - und die Ausnahmesituation wegen Covid-19 verschärft die Lage unerträglich." Zuvor hatte nordbayern.de mit Wilkes über das Thema gesprochen. 

Auch Julia Wahnschaffe, Geschäftsführerin im deutschen Kinderschutzbund Baden-Württemberg, sieht in Problemfamilien potenziell Nährboden für Gewalt in der Corona-Krise

"Das darf aber nicht verallgemeinert werden", erklärt sie im echo24.de-Interview. Heißt: Die Schutzmaßnahmen (Ausgangsbeschränkungen) müssen nicht zwingend in jeder Problemfamilie zu einer Verschlimmerung der Situation beitagen. Dass die Schutzmaßnahmen aber Nährboden in vorbelasteten Familien sein können, lässt sich kaum leugnen. Wahnschaffe: "Gerade deshalb ist es wichtig, den Kontakt zu diesen Familien aufrechtzuerhalten." Sei es per Telefon oder im Video-Chat.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Gewalt gegen Kinder in der Corona-Krise - eine logische Folge? 

Auch der deutsche Kinderschutzbund fährt auf dieser Schiene und versucht, auch in Zeiten von Corona, Familien in schwierigen Situationen weiterzuhelfen. Beispielsweise über Beratungsgespräche oder spezielle Schutzkonzepte für Kinder - auch nach der Coronavirus-Pandemie. Wahnschaffe: "Zwar begünstigt die aktuelle Situation die Gewalt gegen Kinder in einzelnen Familien, grundsätzlich bleibt Gewalt gegen Kinder aber ein allgegenwärtiges Thema. Umso wichtiger ist es deshalb, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, insbesondere, wenn Anzeichen für Gewalt gegen Kinder wahrgenommen werden."

Kontaktverbot in Baden-Württemberg: Das bedeutet für viele Familien "zuhause bleiben". Unter Umständen wird genau das zum Problem.

Allen Familien rät die Expertin: gelassen bleiben - auch in der Corona-Krise. "Für uns alle ist das eine völlig neue Situation", erklärt Wahnschaffe, die selbst Mutter ist und den neuen Alltag selbst zu spüren bekommt. Und trotz der negativen Auswirkungen der Kontaktsperre in Baden-Württemberg gibt es Lichtblicke. Wahnschaffe: "Die Kinderschutz-Projekte der baden-württembergischen Stadt- und Kreisverbände werden auch in der Coronavirus-Pandemie gut angenommen. Und wir vom Landesverband unterstützen, wo wir können." 

Coronavirus in Baden-Württemberg: Gewalt gegen Kinder - hier gibt es Hilfe

Wenn doch Anzeichen von Gewalt gegen Kinder wahrgenommen werden, sollte unverzüglich Hilfe hinzugezogen werden. Und die gibt es auch in Baden-Württemberg - unverbindlich und kostenlos. Hier einige der bekanntesten Anlaufstellen:

Achtung: Bei der Kontaktaufnahme bitte an den jeweils zuständigen Stadt- oder Kreisverband wenden. 

Ergänzend sind im Serviceportal Baden-Württemberg nochmals alle Beratungsstellen im Land aufgelistet.

Wer zudem Zeuge von Gewalt gegen Kinder wird oder davon erfährt, sollte sich auf jeden Fall mit dem zuständigen Jugendamt in Baden-Württemberg in Verbindung setzen.

Kindeswohl nach der Coronavirus-Zeit: Kinderschutzbund schlägt Alarm

Die Coronavirus-Zeit kann für viele Kinder in Baden-Württemberg gravierende Folgen haben. Schon jetzt sind die Auswirkungen teils katastrophal. Daher befürchten Experten, dass das ganze Ausmaß der Problematik erst jetzt ans Licht kommt, wo erste Lockerungen in der Corona-Verordnung in Kraft treten. Welche das sind, verrät der echo24.de-Artikel, der über das Kindeswohl nach der Coronavirus-Zeit berichtet.

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