Kinder in der Coronavirus-Krise

Experte warnt vor Corona-Isolation: Kinder können heftige seelische Konsequenzen drohen

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Das Kontaktverbot wegen des Coronavirus ist nicht zu unterschätzen. Ein Kinder- und Jugendpsychotherapeut aus Heilbronn spricht mit echo24.de darüber.  

  • Die Coronavirus-Isolation stellt besonders Kinder vor große Herausforderungen, die sich auf Psyche und Entwicklung auswirken können.
  • echo24.de spricht mit einem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten aus Heilbronn über die aktuellen Gefahren, aber auch Chancen.
  • Gerade die fehlenden Sozialkontakte und das ständige "aufeinandersitzen" können Kinder massiv belasten.

Kinder in der Coronavirus-Isolation: spricht mit einem  Experten für Psychologie aus Heilbronn

Kein Training, keine Treffen mit Freunden - und auch der gemeinsame Unterricht in der Schule ist - wenn überhaupt - nur zeitweise an ein paar Stunden pro Woche möglich. Es lässt sich kaum leugnen, dass besonders auch die Jüngsten in unserer Gesellschaft mit den massiven Folgen der Coronavirus-Pandemie konfrontiert werden. Davon zeugen auch die vielen echo24.de-Artikel, die unter anderem von Kindern auf der Straße und den zunehmenden Fällen von häuslicher Gewalt in Heilbronn berichten. Mit Manuel Lucas - Kinder - und Jugendpsychotherapeut in Heilbronn -berichtet jetzt ein Experte über die psychischen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie in Baden-Württemberg, die unser soziales Leben auf den Kopf stellt. 

Leere Klassenzimmer, verwaiste Spielplätze - die Coronavirus-Pandemie stellt Kinder vor eine große Herausforderung und kann psychische Probleme begünstigen oder sogar verschlimmern.

Lucas:"Auch ich habe angefangen, bei einem kleinen Teil meiner Patienten eine Videosprechstundeanzubieten. Etwa zehn bis 20 Prozent meiner Patienten nehmen diese Form der Therapie wahr - Tendenz steigend." Trotzdem bietet der Kinder- und Jugendpsychotherapeutnach wie vor eine Sprechstunde in seiner Praxis vor Ort an. Im echo24.de-Interview erklärt er dazu: "Es gibt einen Teil der Patienten, der sehr unter der aktuellen Situation leidetund sich wünscht, wieder in die Schule zu gehen." Hier stehen vor allem die Kinderim Fokus, die schon vor der Coronavirus-Zeitmit Angst-, Zwangsstörungen oder Depressionenzu kämpfen hatten. Und gerade für diese Patientengruppen ist es natürlich fatal, wenn Unterricht und Freizeitaktivitäten von heute auf morgen wegbrechen.

Gefangen im Coronavirus-Kontaktverbot: Lucas rechnet mit "sprunghaftem Anstieg" der Patientenzahlen 

Denn damit geht auch der Verlust sozialer Kontakte einher, der sonst zum größten Teil auch in der Schule erfolgt. Das Coronavirus-Kontaktverbot ist einerseits notwendig, andererseits aber auch Auslöser für einen monotonen Alltag zu Hause, der psychische Krankheitsbilder - wie beispielsweise Depressionen - zusätzlich begünstigen kann. Der Schutz vor einer Covid-19-Infektion - in manchen Fällen bewirkt er genau das Gegenteil.

Nicht zu unterschätzen ist dabei der Einfluss der Coronavirus-Pandemie auf den so genannten "circadianen Rhythmus" jedes Einzelnen von uns. Lucas: "Unsere innere Uhr gerät durcheinander, wenn wir uns längere Zeit daheim aufhalten und es an sogenannten Taktgebern fehlt." Das kann der Unterricht in der Schule, aber auch die tägliche Arbeit sein. Letztlich eine grundsätzliche Alltagsstruktur, an der sich unser Tagesablauf orientiert.

Fehlt dieser "Taktgeber" jedoch, kann das dazu führen, dass sich eine bereits vorhandene Erkrankung - zum Beispiel eine Angststörung - weiter ausprägt. Nicht zuletzt auch deshalb geht der Kinder- und Jugendpsychologe aus Heilbronn davon aus, dass die Terminanfragen zu einem Erstgespräch nach der Coronavirus-Pandemie "sprunghaft zunehmen" werden.

Folgen des Coronavirus-Kontaktverbots: Freundschaften leiden, Konflikte entstehen

Denn einerseits werden Kinder wieder mit dem normalen Schulalltag konfrontiert, andererseits kommen in der Coronavirus-Zeit familiäre Konflikte ans Licht, die sich durch das ständige "Aufeinandersitzen" weiter intensiviert haben. Lucas: "Das bei extremen Konflikten die Bindung zwischen Eltern und Kind beeinträchtigt werden kann, liegt auf der Hand." Je nach Intensität der einzelnen Konflikte kann - "in ganz seltenen Fällen" - dann auch eine räumliche Trennung von Eltern und Kind notwendig sein. Hier sieht der erfahrene Kinder- und Jugendpsychotherapeuten in erster Linie die Jugendämter und Jugendhilfen in der Pflicht.

"Homeschooling" ist für Kinder bundesweit aktuell die Realität. Was für viele erstmal harmlos klingt, kann auf Dauer zum Problem werden, das sogar krank machen kann.

Lucas: "Gerade in der Coronavirus-Zeit ist eine gute Betreuung und der Kontakt zu mit Problemen belasteten Familien extrem wichtig." Denn egal, ob Konflikte in der Familie oder eine psychische Erkrankung, die sich in der Coronavirus-Isolation weiter ausprägt - allen Kindern fehlen die sozialen Kontakte. Und das gerade solche lebensnotwendigen Freundschaften unter dem Kontaktverbot leiden, beobachten Experten schon länger. Ein Beweis: Das echo24.de-Interview mit der psychologischen Beratungsstelle Heilbronn, wo sich ein langjähriger Experte in Sachen Psychologie zu den psychischen Folgen der Coronavirus-Pandemie äußert.

Hoffnungen in Zeiten der Coronavirus-Isolation: "Jede Krise birgt eine Chance" 

Auch der Therapeut Lucas befürwortet deshalb, dass der Unterricht an Schulen in Baden-Württemberg nach dem nahezu kompletten Lockdown seit diesem Montag langsam wieder stattfindet. "Natürlich unter Beibehaltung der Hygiene- und Abstandsregeln", die uns nach wie vor begleiten werden." Trotzdem bleibt Experte Lucas optimistisch. Auch weil er beobachten kann, dass es Familien gibt, welche die gemeinsame Zeit in der Coronavirus-Krise miteinander schätzen und auch sehr kreativ mit der Langeweile umgehen können. Lucas: "Jede Krise – auch die Corona-Krise - kann eine Chance bergen, in diesem Fall die wertvollsten Bindungen deutlicher zu spüren." Bindungen, die vielleicht im normalen Alltag manchmal untergehen, aber doch essentiell bleiben.

Rubriklistenbild: © Adobe Stock

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