Bestatter können Arbeit nicht wie gewohnt durchführen

Bestatter fühlt sich und Corona-Tote vergessen: „Tut einem in der Seele weh“

  • Julia Thielen
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Bestatter in Baden-Württemberg erleben die tödliche Auswirkung des Coronavirus ganz direkt. Viele wünschen sich offenbar einen würdevolleren Umgang mit Corona-Verstorbenen.

8.000. Das ist „nur“ eine Zahl. Doch sie bekommt eine immense Bedeutung, wenn sie für Tote steht. Über 8.000 Menschen haben in Baden-Württemberg seit 2020 ihr Leben verloren - entweder direkt durch das Coronavirus verursacht oder im Zusammenhang mit Covid-19. Das sind mehr als 8.000 Einzelschicksale, 8.000 betroffene Familien – und 8.000 Beerdigungen. Denn auch wenn die Corona-Toten nach ihrem Versterben in der öffentlichen Wahrnehmung schnell in Vergessenheit geraten mögen. Ihr trauriger Weg durch die Pandemie ist nicht vorbei, wenn sie den Kampf gegen Corona verloren haben.

Corona-Tote in Baden-Württemberg: Bestatter wünscht sich würdevolleren Umgang

 „Es tut einem manchmal in der Seele weh, weil es ein Stück weit würdelos ist“, sagt Robert Mayr im Gespräch mit echo24.de. Er ist Bestatter bei Dorn Bestattungen in Öhringen. Als solcher begleitet er immer wieder auch Corona-Tote auf ihrem allerletzten Weg. Doch für die Verstorbenen und ihre Angehörigen wie gewohnt da sein, kann er wie alle Bestatter in Baden-Württemberg derzeit nicht. Covid-19 und die hohe Ansteckungsgefahr des Virus enden nicht mit dem Tod. Das macht eine normale Versorgung der Toten unmöglich.

Gesamtzahl der Infizierten in Baden-Württemberg318.505 (Stand 2. März)
davon bereits genesen297.024
mit oder im Zusammenhang mit Corona Verstorbene8.148

Verstirbt ein Mensch in Baden-Württemberg mit oder im Zusammenhang mit Corona verläuft schon das Abholen des Leichnams anders. Die Bestatter kommen im sogenannten Vollschutz. Sie tragen Masken, Brillen, Einweganzüge, Handschuhe. „Wir sehen aus, wie man das aus Filmen kennt“, erklärt Bestatter Robert Mayr. „Normalerweise tragen wir Anzug und Krawatte.“ Auch wenn die Angehörigen über diese Vorsichtsmaßnahme vorab telefonisch informiert werden – der Anblick der in Plastik eingepackten Bestatter trage nicht zu der so wichtigen ruhigen Verabschiedung bei, die die Bestatter sonst propagierten.

Corona Baden-Württemberg: Bestatter können Verstorbene nicht hygienisch versorgen

Auch den Corona-Opfern selbst bleibt die würdevolle letzte Pflege durch die Bestatter vorenthalten. Die Berufsgenossenschaft empfehle, die hygienische Versorgung wegen der Ansteckungsgefahr des Coronavirus nicht durchzuführen. Die Verstorbenen werden deshalb nicht gewaschen oder frisiert. Eventuelle Zugänge würden andernfalls entfernt, durch sie entstandene Wunden vernäht und der Tote für eine mögliche Aufbahrung und seine letzte Ruhestätte zurecht gemacht. Covid-19 macht all das unmöglich. Zu groß ist das Risiko für die Bestatter.

In einem Krematorium ist ein Sarg mit der Aufschrift „Covid-19“ gekennzeichnet. (Symbolbild)

„Es passiert, dass bei Verstorbenen auch nachträglich noch Atemluft aus den Lungen gepresst wird“, erklärt Robert Mayr. Die Coronaviren könnten auch dann noch in den Umlauf gelangen und einen Bestatter, der normalerweise sehr nah am Leichnam arbeitet, gefährden. Trotz „enormem Aufwand zum Schutz der Mitarbeiter“ wie er bei Dorn Bestattungen in Öhringen betrieben worden sei, könne dem für die Angehörigen oft wohltuenden Bild des „ordentlich versorgten“ Toten bei durch oder mit Corona Verstorbenen nicht entsprochen werden.

Corona Baden-Württemberg: Bestattern geht Schicksal Verstorbener nah „macht was mit uns“

Für viele Familien bedeute das einen Abschied ohne Abschluss, macht Bestatter Robert Mayr deutlich. „Im schlimmsten Fall durften die Angehörigen die Oma schon nicht im Pflegeheim besuchen, waren außen vor als diese ins Krankenhaus kam, bekamen nur telefonisch mitgeteilt, dass sie verstorben ist und bekommen auch nach dem Tod nur den verschlossenen Sarg oder die Urne zu sehen.“ Auch wenn es nach einem extremen Beispiel klingt – nicht nur in Baden-Württemberg dürfte es zahlreiche Beerdigungen gegeben haben, bei denen es im Vorfeld genauso abgelaufen ist. „Ich frage mich auch als Bestatter da schon: ‚Was sollen die Angehörigen denn noch alles ertragen?‘“, sagt Mayr. Auch wenn der Tod sein Beruf ist, ist ihm anzumerken, dass das Schicksal der Corona-Verstorbenen ihm nahe geht. „Es macht natürlich auch etwas mit uns.“

Dabei könnte es inzwischen wohl auch anders gehen. Laut Mayr halte das RKI die zumindest  eine Aufbahrung für durchaus machbar. „Aber die gesetzlichen Regeln fehlen“, erklärt Robert Mayr, der in Baden-Württemberg auch zum Bestatter-Notfallteam gehört. Hinzu kommt: Bestatter wurden trotz ihrer regelmäßigen Aufenthalte in Krankenhäusern oder Altenheimen bei der Priorisierung der Corona-Impfungen deutlich weiter nach hinten gestellt, als medizinisches Personal, das mit Corona-Patienten zu tun hat.

Bestatter über Corona-Krise: „Wenn es uns nicht gegeben hätte, hätten wir ganz andere Probleme“

Während Letztere in Baden-Württemberg bereits ein Impfangebot erhalten haben, mussten die Bestatter zunächst darum kämpfen, von Gruppe 4 in Gruppe 3 nach vorne rücken zu können. Damit sind Termine für Corona-Impfungen allerdings trotzdem noch nicht in greifbarer Nähe. „Wir Bestatter fallen da hinten runter. Wir sind für die Politik und in der Öffentlichkeit nicht attraktiv. Da fühlt man sich schon manchmal alleingelassen“, erklärt Robert Mayr.

Wir Bestatter fallen da hinten runter. Wir sind für Politik und Öffentlichkeit nicht attraktiv. Da fühlt man sich schon manchmal alleingelassen.“

Bestatter Robert Mayr, Dorn Bestattungen Öhringen

Dabei würde es seiner Meinung nach schon ausreichen, wenn wenigstens ein Teil der  Mitarbeiter jedes Bestatters eine Impfung erhielte. Sie könnten den Corona-Verstorbenen und deren Angehörigen einen würdevolleren Abschied ermöglichen. Mayr denkt auch, dass das Kontingent der knappen Impfstoffe dadurch „nicht wahnsinnig geschmälert“ würde und dennoch eine enorme Erleichterung bringen könnte. Außerdem sei dies auch ein Zeichen der Anerkennung der Wichtigkeit dieses oft vergessenen Berufszweigs: „Wenn es Bestatter in der Krise nicht gegeben hätte, hätten wir ganz andere Probleme.“

Corona-Tote in Baden-Württemberg: Arbeit für Bestatter hat sich verändert

Vor allem im Dezember und im Januar sei die hohe Zahl der Corona-Todesfälle auch bei den Bestattern in Baden-Württemberg deutlich zu spüren gewesen. Mayr: „Es war schon ganz arg heftig. Da haben wir die Auswirkungen von Corona deutlich gespürt.“ Trotzdem habe alles funktioniert. Bilder wie in Meißen, wo sich in einem Krematorium Särge gestapelt hatten, habe es im Südwesten dank eines guten Notfallmanagements nicht gegeben. „Es gab nicht die Angst, dass wir es nicht mehr packen.“

Und trotzdem: Für die Bestatter in Baden-Württemberg hat sich die Arbeit verändert. 8.000 Tote durch eine Pandemie - wer diese Menschen, diese Einzelschicksale, diese Leidenswege so unmittelbar auf ihrem letzten Weg begleitet, bei dem können sie nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Und der hat auch kein Verständnis für sogenannte Querdenker, die die Existenz des Coronavirus leugnen. „Diesen Blödsinn kann ich überhaupt nicht nachvollziehen“, erklärt Mayr. Allein bei Dorn Bestattungen habe es bislang rund 80 Verstorbene gegeben, die das Gegenteil bewiesen hätten.

Für den Bestatter stehen diese Menschen auch nach ihrem Tod im Fokus. Robert Mayr wünscht sich deshalb, dass es mit zunehmenden Corona-Impfungen wieder möglich sein wird, ein „normales Abschiednehmen“ zu ermöglichen. Eines mit Bestattern im schwarzen Anzug und friedlich aussehenden Verstorbenen, bei denen es guten Gewissens lauten kann: „Ruhe in Frieden.“

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/dpa

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