Attest-Pflicht für Lehrer

Droht ab September der Lehrer-Kollaps in BaWü wegen Coronavirus? 

  • Jason Blaschke
    vonJason Blaschke
    schließen

Wenn Lehrer zur Coronavirus-Risikogruppe gehören, können sie sich per Attest vom Präsenzunterricht befreien lassen. Droht Baden-Württemberg der Lehrer-Kollaps?   

  • Wegen des Coronavirus werden Tausende Lehrer in Baden-Württemberg ab September nicht vor der Klasse unterrichten können.
  • Es wird befürchtet, dass die Zahl der Lehrer in Baden-Württemberg, die ein ärztliches Attest vorlegen, noch steigen wird.
  • Kann angesichts des bestehenden Lehrermangels in Baden-Württemberg überhaupt ein Präsenzunterricht stattfinden?

Baden-Württemberg: Lehrer bringen Attest wegen Coronavirus

Nicht mehr lange, dann startet auch in Baden-Württemberg das neue Schuljahr im Zeichen der anhaltenden Coronavirus-Pandemie. Wie in anderen Bundesländern auch, soll in Baden-Württemberg ein flächendeckender Präsenzunterricht unter Covid-19-Bedingungen stattfinden. Das ist die Theorie. Und die steht auf wackligen Beinen. Denn allein die Tatsache, dass es für Schüler in Baden-Württemberg keine Präsenzpflicht in der Schule geben wird, stellt das komplette Schulsystem in Corona-Zeiten erneut infrage.

Hinzu kommt, dass sich auch Lehrer in Baden-Württemberg vom Präsenzunterricht in der Schule befreien lassen können, wenn sie ein ärztliches Attest vorlegen. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn der Lehrer oder die Lehrerin der Coronavirus-Risikogruppe angehört. Auch schwangere Lehrkräfte dürfen laut Verordnung des Kultusministeriums im neuen Schuljahr nicht vor der Klasse unterrichten. Kann unter diesen Voraussetzungen überhaupt ein flächendeckender Präsenzunterricht in Baden-Württemberg stattfinden?

Baden-Württemberg: So viele Lehrer werden kein Präsenzunterricht leisten können

Vom Kultusministerium Baden-Württemberg heißt es auf echo24.de-Anfrage: "Nach einer repräsentativen Umfrage im Juli an den öffentlichen Schulen haben rund sechs Prozent der Lehrerinnen und Lehrer ein Attest vorgelegt." In Baden-Württemberg sind 117.000 Lehrer an öffentlichen Schulen beschäftigt. Sprich: Schon jetzt ist klar, dass rund 7.000 Lehrkräfte ab September nicht vor der Klasse unterrichten werden. Hinzu kommt noch die Zahl der schwangeren Lehrkräfte, die in Baden-Württemberg kein Attest vorlegen müssen.

Und ein nicht kalkulierbarer Faktor kommt noch hinzu: Die Unentschlossenen. Das weiß auch Michael Ledermann vom Schulamt Heilbronn. Ledermann: "Wir müssen davon ausgehen, dass sich manche Lehrer noch nicht entschieden haben." Ein ausschlaggebendes Kriterium für sie dürfte der weitere Verlauf der Coronavirus-Pandemie in Baden-Württemberg sein. Und aktuell steigen die Zahlen wieder! Insofern wird es interessant, inwieweit sich die Zahl der rund 7.000 Atteste noch verändern wird. Klar ist: Hier kann sich noch einiges tun.

Baden-Württemberg: Vorhandener Lehrermangel trifft auf Coronavirus-Pandemie

Dass es auch ohne Coronavirus einen Lehrermangel in Baden-Württemberg gibt, ist kein Geheimnis. Schon vor der Pandemie hatten viele Schulen Löcher in ihren Studienplänen, die beispielsweise durch erkrankte Lehrkräfte entstanden sind. Der Unterschied ist nur, dass ein kranker Lehrer zumindest in absehbarer Zeit wieder gesund wird. Wann es allerdings einen Impfstoff gegen das Coronavirus geben wird, ist ungewiss. Es kann also durchaus passieren, dass Lehrer für mehrere Wochen nur im Homeoffice einsetzbar sind.

Lustloser Unterricht im Homeschooling könnte zumindest teilweise wieder Realität werden, wenn die Kapazitäten an Lehrern im Präsenzunterricht nicht ausreichen. 

Vom Kultusministerium heißt es: "Wenn Lehrerinnen und Lehrer von der Präsenzpflicht befreit sind, kommen sie ihren Aufgaben von zu Hause aus nach und machen Fernlernangebote." Ironischerweise können die betroffenen Lehrkräfte dann die Schüler in Baden-Württemberg via Fernunterricht betreuen, die wegen des Coronavirus ebenfalls nicht zum Präsenzunterricht in die Schule kommen. Wie viele Schüler das ab September genau sein werden, ist unklar. Eben, weil Schüler kein Attest vorlegen müssen.

Neues Schuljahr in Baden-Württemberg: Streit um Attest-Pflicht für Lehrer

Unterm Strich lässt sich sagen, dass es ab September mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Regelbetrieb an Schulen in Baden-Württemberg geben wird. Sei es durch fehlende Schüler oder Lehrer mit Attest. Und das viele Schulen in Baden-Württemberg noch immer nicht technisch aufgerüstet sind, ist ein offenes Geheimnis. Es wird also spannend im September, wenn die Schule in Baden-Württemberg wieder starten soll. Zu hoffen bleibt, dass sich die Befürchtungen nicht allesamt bewahrheiten und es zumindest in Teilen einen Präsenzunterricht für alle gibt.

Übrigens: Die Attest-Pflicht für Lehrer ist in ganz Deutschland ein viel diskutiertes Thema. In manchen Bundesländern werden die Atteste sogar nochmal von einem Amtsarzt geprüft. Dadurch wollen Bundesländer wie Schleswig-Holstein ein massenhaftes Lehrer-Fehlen im Präsenzunterricht zumindest eindämmen. Doch gegen die amtliche Beurteilung regte sich Widerstand. Etwa 20 Lehrkräfte reichten eine Klage gegen das Kultusministerium Schleswig-Holstein ein und hatten damit Erfolg. Das berichtet zdf.de zur Attest-Pflicht für Lehrer in Deutschland.    

Rubriklistenbild: © Mascha Brichta/dpa

Das könnte Sie auch interessieren