Im Barfußlaufen

Weltrekord! Diese Füße laufen ohne Schuhe durch ganz Deutschland

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Aldo Bertis Füße haben bereits 1700 Kilometer hinter sich gebracht. Barfuß!
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Aldo Berti quält sich 84 Tage lang für den guten Zweck. Und ganz nebenbei will er einen Wahnsinns-Rekord knacken.

Am Bahnhof in Crailsheim hat es ihn nicht gehalten. Stattdessen ist Aldo Berti vom verabredeten Treffpunkt schon einmal losgelaufen. Jeder Meter zählt. Auch an diesem Tag liegen schließlich gut 24 Kilometer vor ihm. Barfuß! Berti läuft so seit Wochen. Bei jedem Wetter. Trotz Verletzungen und Schmerzen. Für den guten Zweck. In knapp zwei Wochen wird er nach gut 2.100 Kilometern endlich angekommen sein. Am Ziel in der Schweiz - und am ganz persönlichen Erfolg: dem Weltrekord im Barfußlaufen.

"In meinem Kopfkino hat sich oft abgespielt, dass ich aufhöre. Doch immer wenn ich denke, ich kann nicht mehr, hat mein Körper noch 30 Prozent Reserve. Aufgeben war also nie wirklich eine Option", sagt der 53-Jährige. Den Blick hat er dabei fest auf den Boden gerichtet. Von der Umgebung sieht Berti kaum etwas. Nur hin und wieder schaut er auf sein Handy. Das GPS weist ihm den Weg, weiter in Richtung Süden. "Es ist wichtig, die Konzentration zu behalten. Sonst könnte ich mich verletzten - und das könnte mich den Rekord kosten."

Spätestens seit dem 28. Mai sind Aldo Bertis Füße sein Trumpf. Da startete der aus Villingen-Schwenningen stammende Heilpraktiker von Rügen aus seine Weltrekord-Mission. Insgesamt läuft Berti 84 Tage lang. Für die körperliche Herausforderung hat er seit Anfang 2016 trainiert. Doch selbst Schnee und andauerndes Barfußlaufen konnten ihn nicht auf die vielen Kilometer vorbereiten. Berti: "Inzwischen brennen die Füße dauerhaft. Sie fühlen sich an, als ob ein Schraubstock sie quetschen würde."

Neben der ständigen Überbelastung ist die Verletzungsgefahr zum Beispiel durch Splitt groß. "Daran gewöhnen sich meine Füße nie." Bei hohen Temperaturen wie jetzt kann aber auch der kochendheiße Asphalt zum Problem werden: "Dann kann ich ab dem Nachmittag nicht mehr darauf gehen." Trotzdem: Bislang hat Berti jede Glasscherbe überstanden. Ein Splitter muss bis zum Ende im Fuß stecken bleiben. "Ein Arzt wollte ihn rausschneiden, doch das hätte verbunden werden müssen." Pflaster und Tapes sind aber tabu - da ist die Jury streng.

Damit Berti am Ende tatsächlich im Guinness Buch der Rekorde aufgenommen wird, muss er jeden Schritt per GPS aufzeichnen. Außerdem muss er Zeugen vorweisen und auch eine Rucksackkontrolle kann ihn überraschen. Das neongelbe 14-Kilo-Gepäck ist sein ständiger Begleiter. "Da habe ich alles drin, was ich brauche. Fußcremes, ein Repair-Set für alle Fälle, ein Enzym-Präparat." Nur Schuhe nicht, nicht einmal Socken.

Neben dem Rucksack hat Berti nur einen Wanderstock mitgenommen. Ansonsten ist er weitestgehend allein. "Manchmal begleitet mich jemand ein Stück, so wie heute. Aber dann muss ich wieder für mich sein." Dabei denkt er über seine "drei Überschriften" Entmächtigung, Entwichtigung oder Entschleunigung nach. Eben über das, was im Leben zählt - und was nicht. Berti: "Es kommt aber auch vor, dass ich gar nicht weiß, was ich in letzter Zeit gedacht habe. Dann bin ich richtig im Flow. Das ist eigentlich am besten."

Es werden wohl dennoch die Menschen sein, die Berti auch dann noch im Gedächtnis bleiben, wenn die Fußschmerzen abgeklungen sind. Die Menschenmenge in Wehye, die ihn mit Plakaten erwartet und in die Stadt begleitet hat. Von der er schon von weitem witzelte, sie seien für ihn gekommen und dann doch geplättet war, als sich das als wahr herausstellte. Aber auch viele Einzelpersonen, die spontan geholfen haben: "Einmal war ich elf Kilometer in einem schweren Unwetter unterwegs. Ich war klatschnass und die Laster rasten auf einer Landstraße an mir vorbei. Das war richtig gefährlich. Plötzlich hat jemand angehalten und mich zum nächsten Punkt mitgenommen. Einfach so."

Geschummelt? Nein. Denn natürlich erkennt das GPS-Gerät den Unterschied zwischen Auto und Barfußlauf sofort. Doch manche Strecken sind einfach nicht laufbar. Für den Weltrekord muss Berti natürlich trotzdem die bislang gesetzten 2080 Kilometer in 104 Tagen barfuß knacken. "Ich bin absolut zuversichtlich, dass das auch klappt." Der Ehrgeiz ist riesig. Denn hinter dem "Spaziergang" auf den Jakobswegen in Deutschland und der Schweiz steckt ein Charity-Gedanke. "Ich unterstütze schon seit Jahren mehrere Kinderhilfsprojekte. Dafür schinde ich mich gern." Berti strengt sich symbolisch an, damit die Spender tiefer in die Tasche greifen. "Wer etwas spendet, erkennt damit auch meine Leistung an."

Eine Leistung, die ihn viel Mut und Durchhaltevermögen kostet. Ganz abgesehen von den Schmerzen. Doch wenn Aldo Berti in etwas mehr als zwei Wochen am Ziel ankommt, braun gebrannt, zehn Kilo leichter und mit sich selbst im Reinen, dann erwartet ihn die große Belohnung für alle Schinderei: Geld für hilfsbedürftige Kinder - und ganz nebenbei der Weltrekord. "Es wird ein unglaubliches Gefühl sein", sagt Berti. Und meint gar nicht unbedingt den Rekord. "Dann bin ich angekommen, kann duschen und einfach die Füße hochlegen. Das ist die größte Freude."

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