Musik aus, Licht gedimmt

Spar-Markt: Warum es während des Einkaufs plötzlich still ist

Der Spar-Markt setzt zeitweise auf absolute Stille im Laden. (Symbolbild/Collage)
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Der Spar-Markt setzt zeitweise auf absolute Stille im Laden. (Symbolbild/Collage)
  • Christina Rosenberger
    VonChristina Rosenberger
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Stille und gedimmtes Licht - während der Einkaufszeit. Das Konzept hat Spar jetzt zweimal die Woche eingeführt - aus einem bestimmten Grund.

Keine Musik, keine Ladendurchsagen, gedimmtes Licht - beim Spar Markt wird es ab sofort zwei Mal die Woche für anderthalb bis zwei Stunden so richtig still - und zwar, während der Laden offen ist. Für viele, die Dienstagnachmittags oder Donnerstagabends im Spar einkaufen gehen, könnte das irgendwie eine merkwürdige Erfahrung werden, doch wie echo24.de* berichtet, hat die Aktion einen richtig tollen Hintergrund.

Die sogenannte „Stille Stunde“, die Spar hier aufgreift, ist eigentlich ein Konzept, das zuerst in Neuseeland ausprobiert wurde. 60 Minuten lang oder länger sollen Autisten besser einkaufen können. Denn die zahlreichen Reize, die durch grelles Licht, markteigene Radiosender und herumwuselnde Mitarbeiter normalerweise in Supermärkten auf die oft hypersensiblen Menschen mit Autismus einprasseln, machen einen Einkauf zur massiven Stress-Situation.

Spar-Markt: So sieht die „Stille Stunde“ für Menschen mit Autismus aus

Wie der Verein Autismus Deutsche Schweiz erklärt, der die „Stille Stunde“ bei Spar ursprünglich zunächst in der Schweiz angeregt hatte, sorgt ein „normales“ Einkaufserlebnis bei Menschen mit Autismus dafür, dass der psychische Stresspegel steigt und die Konzentration leidet. Deshalb kämpft der Verein in der Schweiz bereits seit einigen Jahren für das Pilotprojekt „Stille Stunde“. Während andere große Supermarktketten dem Konzept bisher eine Abfuhr erteilten, zeigte sich Spar aufgeschlossener.

Zunächst starteten vier Filialen in Zürich mit der „Stillen Stunde“ und die Kunden zeigen sich begeistert. Auf Instagram schreibt ein User: „Liebes Team vom #sparmarkt in Esslingen: Danke für diese Aktion“ und teilt ein Plakat, das die Besonderheiten während der „Stillen Stunde“ zeigt. Denn außer dass Musik und Ladendurchsagen während der ruhigen Einkaufszeit still bleiben, wird eben auch das Licht gedimmt - und Assistenzhunde sind während der Aktionszeit ausdrücklich erwünscht.

Spar-Markt: Einzigartiges Projekt hilft Menschen mit Autismus

Eine weitere Besonderheit, die vermutlich vielen Menschen beim Einkauf gar nicht auffällt, für besonders sensible Personen aber zum Stressfaktor werden kann - die Temperaturen in verschiedenen Einkaufszonen variieren stark. Besonders an den Kühltheken ist es natürlich frischer. Doch für Menschen mit Autismus können genau diese Feinheiten ohne Vorbereitung erneut zu massivem Stress führen. Deshalb, so berichtet die Luzerner Zeitung, gibt es in den teilnehmenden Spar-Märkten nun auf Anfrage einen Plan der entsprechenden Filiale mit Symbolen, die auf unterschiedliche Temperaturen hinweisen. So können sich Betroffene detailliert auf den Besuch vorbereiten.

Das steckt hinter der „stillen Stunde“

Die Idee für die «Quiet Hour» geht auf eine Angestellte im neuseeländischen Supermarkt „Countdown“ mit autistischem Kind zurück. Wenn sie den Sohn zum Einkaufen mitnahm, fing er oft an zu schreien: Menschen, die an Autismus leiden, nehmen alltägliche Reize wie Geräusche, Gerüche oder helles Licht oft besonders intensiv wahr. Deshalb wird während der „stillen Stunde“, wie sie auf Deutsch heißt, das Licht gedimmt, Musik und Lautsprecherdurchsagen werden ausgesetzt, außerdem sind Assistenzhunde während dieser Zeit ausdrücklich willkommen. Für Menschen, die durch unterschiedliche Temperaturen im Verkaufsraum gestresst werden, gibt es außerdem Pläne von der jeweiligen Filiale zur Vorbereitung des Einkaufs.

Doch das Projekt ist bisher leider nicht bis nach Deutschland vorgedrungen. Während der Neckarsulmer Discounter Lidl* beispielsweise in Irland „stille Stunden“ in seinen Filialen anbietet, ist hierzulande bislang nichts geplant. Auf Anfrage von echo24.de* heißt es vonseiten des Discounters zwar: „Kundenzufriedenheit steht für uns an erster Stelle. Daher wollen wir jedem Kunden einen angenehmen Einkauf bei Lidl bieten“, jedoch folgt darauf direkt die Ernüchterung.

„Stille Stunde“ beim Einkaufen: Das sagen andere deutsche Supermärkte

„Aktuell plant Lidl in Deutschland keine Einkaufszeiten einzuführen, in denen die Filialgestaltung speziell auf die Anforderungen von Menschen mit Autismus angepasst ist“, erklärt die Pressestelle von Lidl Deutschland weiter. Von Lidls Schwester Kaufland* kam bisher keine Antwort - obwohl die Schwarz Gruppe sich eigentlich oft aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen zeigt und sogar schon für ihre Nachhaltigkeit ausgezeichnet* wurde. Andere Supermärkte äußerten sich gegenüber chip.de eher schwammig.

Bei Edeka hieß es demnach auf Anfrage: „Unsere Kaufleute sind immer darauf bedacht, ihren Kunden ein individuelles Einkaufserlebnis in einem angenehmen Ambiente zu bieten.“, Rewe erklärte: „Wir haben großes Verständnis für Kunden und Mitarbeiter, die es gern etwas leiser haben. Daher kann in jedem Markt die Lautstärke der Musik individuell geregelt werden.“ Umso schöner also, dass Spar mit gutem Beispiel vorangeht und der Konkurrenz zeigt, wie Inklusion aktiv gelebt werden kann - vielleicht auch bald in Deutschland. *echo24.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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