Ethylenoxid in Lebensmitteln

Krebs wegen Ethylenoxid in Lebensmitteln? Streit über Grenzwerte ausgesbrochen

HANDOUT - 14.03.2020, Israel, Rosh Haayin: Eine Familie mit Mundschutzmasken schiebt vor einem Supermarkt in der zentralisraelischen Stadt Rosh Haayin einen vollen Einkaufswagen.
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In vielen asiatischen Ländern kommt der Stoff weiter zum Einsatz und gelangt so beispielsweise über Gewürze oder Zusatzstoffe nach Europa.
  • Simon Mones
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Immer mehr Lebensmittel werden wegen einer Kontamination mit Ethylenoxid zurückgerufen. Doch wie viel ist zu viel? 

Es ist noch gar nicht so lange her, da sorgte ein Rückruf von verschiedenen Eissorten einer beliebten Marke für Aufregung*. Der Grund: In den Produkten wurde der hochgradig krebserregende Stoff Ethylenoxid nachgewiesen. An dem Rückruf gab es jedoch auch viel Kritik, da Mars die Eissorten in anderen EU-Ländern bereits deutlich früher zurückgerufen hatte als in Deutschland, wie echo24.de* berichtete.

Lange Zeit wäre der Nachweis von Ethylenoxid ohnehin kein Grund für einen Rückruf gewesen, denn das Gas tötet Bakterien, Viren sowie Pilze ab. Danach verflüchtigt es sich - das zumindest dachte man über Jahrzehnte. Entsprechend wurde Ethylenoxid genutzt, um Oberflächen und Lebensmittel zu desinfizieren, die nicht erhitzt werden konnten, wie tagesschau.de berichtet.

Ethylenoxid in EU verboten: Grenzwert von 50 Mikrogramm in Lebensmitteln

Doch Ethylenoxid entpuppte sich schließlich als nicht so harmlos, wie man dachte. Im Gegenteil! Sowohl der Stoff als auch sein Abbauprodukt lagern sich ab und sind potenziell krebserregend. Aus diesem Grund darf Ethylenoxid in vielen Ländern nicht mehr zu Behandlung von Lebensmitteln verwendet werden - auch in der Europäischen Union.

In vielen asiatischen Ländern kommt der Stoff indes weiter zum Einsatz und gelangt so beispielsweise über Gewürze oder Zusatzstoffe nach Europa. Darüber, wie viele Ethylenoxid gefährlich ist, scheiden sich jedoch die Geister. In der EU liegt der Grenzwert für die Lebensmittel bei 50 Mikrogramm. Alles, was darüber liegt, darf nicht verkauft werden. In den USA hingegen liegt der Grenzwert laut tagesschau.de hingegen bei 7000 Mikrogramm.

Streit um Ethylenoxid in Lebensmitteln: kein Richtwert für Gesundheitsrisiko

Allerdings erklärt das Bundesamt für Risikobewertung (BfR), dass die Datenlage zur Wirkung von Ethylenoxid „widersprüchlich und teilweise unvollständig“ sei. Daran, dass der Stoff erbgutverändernd und krebserzeugend ist, gebe es jedoch keinen Zweifel. „Einen Richtwert ohne Gesundheitsrisiko gibt es somit nicht und Rückstände des Stoffes in Lebensmitteln sind grundsätzlich unerwünscht“, betont das BfR.

Dennoch gelten laut der Behörde 0,037 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht und Tag als „Aufnahmemenge geringer Besorgnis“. Doch nicht nur Grenzwerten herrscht Uneinigkeit, sondern auch in der Frage ob Lebensmittel zurückgerufen werden müssen, in denen mit Ethylenoxid verunreinigte Zusatzstoffe enthalten sind, die aber unter der Nachweisgrenze liegen. Das war beispielsweise bei den Eissorten von Mars der Fall.

Auch immer mehr andere Lebensmittel werden inzwischen wegen einer Kontamination mit dem krebserregenden Stoff zurückgerufen, wie auch merkur.de* berichtet. Doch Ethylenoxid ist nicht der einzige unerwünschte Inhaltsstoff, der für eine Rückrufaktion sorgen kann. Bei Kaufland wird ebenfalls ein Produkt zurückgerufen* - der Grund: Salmonellengefahr. Bei Verzehr sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden.

Ethylenoxid in Lebensmitteln: Wann ist ein Rückruf notwendig?

Am 13. Juli hatte sich das EU-Krisenmanagement-Team im Bereich der Lebens- und Futtermittelsicherheit dafür ausgesprochen, in solchen Fällen grundsätzlich alle Chargen zurückzurufen. Auch wenn nur theoretische Mengen Ethylenoxid enthalten sind, anders als das BfR gehen die Mitglieder nicht davon aus, dass es eine „sichere Aufnahmemenge“ gibt.

Belgien und Dänemark äußerten jedoch Bedenken und kritisierten, dass eine solche Null-Toleranz-Richtlinie nicht im Einklang mit den EU-Zielen der Nachhaltigkeit, Reduzierung von Lebensmittelverschwendung und Lebensmittelverlusten stünde. Denn so würden auch Lebensmittel vernichtet, deren Kontamination unterhalb der Nachweisgrenze liegt.

Ethylenoxid in Lebensmitteln: foodwatch stellt klare Forderung

Eine Argumentation, die die Verbraucherschutzorganisation foodwatch nicht nachvollziehen kann. Ihrer Ansicht nach dürften Lebensmittelverschwendung und Gesundheitsschutz nicht gegeneinander ausgespielt werden. „Lebensmittel, die eine Gefährdung für Verbraucherinnen und Verbraucher darstellen, gehören nicht in die Lebensmittelkette für den menschlichen Verzehr“, sagte Oliver Huizinga von der foodwatch dem ARD-faktenfinder. „Foodwatch fordert, dass die Rückrufe der betroffenen Produkte konsequent durchgesetzt werden, so wie es die Einigung der EU-Mitgliedsstaaten vorsieht.“ Entsprechend hat die Verbraucherorganisation unter dem Motto „Ethylenoxid: Raus aus den Regalen!“ eine Petition gestartet*.

Doch das ist leichter gesagt als getan, denn in rechtlichen Fragen der Lebensmittelüberwachung liegt die Kompetenz bei den EU-Mitgliedstaaten. In Deutschland sind hier die Bundesländer zuständig. Das baden-württembergische Verbraucherministerium vertritt beispielsweise die Ansicht, dass ein Rückruf nur dann notwendig ist, wenn Ethylenoxid oder das Abbauprodukt 2-Chlorethanol im Endprodukt nachweisbar ist. Ähnlich sieht es das Verbraucherministerium in Nordrhein-Westfalen. Dort ist man der Ansicht, dass ein Verkehrsverbot nur dann notwendig ist, wenn eine Verunreinigung sicher nachgewiesen kann und diese oberhalb der Bestimmungsgrenzen liegt. *echo24.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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