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Prignitz - hier wird Gin gebrannt

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Brombeeren, Haferstroh oder Gänseblümchen
In einem großen, kupferfarbenen Kessel wird der edle Tropfen mit heimischen Kräutern wie Brombeeren, Haferstroh oder Gänseblümchen gebrannt. © Oliver Gierens/dpa

Vor fünf Jahren machte sich Robert Wacker in der Prignitz mit einer Gin-Manufaktur selbstständig. Während der Corona-Zeit waren regionale Produkte stark nachgefragt - mittlerweile hat sich der Wind gedreht.

Klein Gottschow - Wenn Robert Wacker die riesigen Schraubverschlüsse an den großen, silberfarbenen Fässern öffnet, wird der Raum von Duftnoten erfüllt. Fruchtige Blutorange, würziger Hopfen oder Johannisbeeren: Seit fünf Jahren betreibt Wacker eine Gin-Manufaktur in dem Dorf Klein Gottschow mitten in der Prignitz.

„Es war buchstäblich eine Schnapsidee“, scherzt Wacker. Mit drei Kollegen - alle vier haben sie gemeinsam ihr Abitur am Pritzwalker Gymnasium abgelegt - entstand die Idee, heimische Früchte zu Bränden zu verarbeiten.

Die Brennerei in der Prignitz ging 2017 an den Start - und die vier Gin-Pioniere haben sich beruflich gut ergänzt: Wacker kennt sich als Jurist mit den rechtlichen Fallstricken aus, ein Kollege ist studierter Pharmazeut, der andere Bioinformatiker - gleich zwei Fachleute für die chemischen Prozesse bei der Gin-Herstellung. Der Vierte im Bunde ist Grafiker und hat das Firmenlogo entworfen.

So prangt auf jedem Flaschenetikett eine schwarze Gans, darunter der Name „GANS“ in Großbuchstaben - benannt nach dem Adelsgeschlecht der Gans Edle Herren zu Putlitz, der einst einflussreichsten Familie in der Prignitz.

Der edle Tropfen wird mehr und mehr in Metropolen geliefert

Von dort aus ziehen die Flaschen mit den edlen Tröpfchen seitdem ihre Kreise: Waren es bisher vor allem die lokalen und regionalen Märkte, die Wacker als alleiniger Firmeninhaber bedient hat, will er jetzt mehr und mehr in die Metropolen Berlin und Hamburg ausgreifen, vielleicht auch darüber hinaus.

70 Prozent des Umsatzes macht Wacker nach eigenen Angaben zurzeit vor Ort, doch das soll nicht auf Dauer so bleiben. So arbeite er beispielsweise mit einem Großhändler zusammen, der die Marke in Kunst- und Kultureinrichtungen in Berlin vertreibt. Wacker setzt auch auf Kooperationen mit Restaurants. Eine Event-Gastronomie in Wittenberge braut beispielsweise ein eigenes Bier, Wacker liefert einen eigens gebrannten Gin mit Hopfen- und Gerstenaroma dazu.

Robert Wacker
Robert Wacker vertreibt seinen Gin unter anderem in Geschenkboxen. Auch Winzersekt oder Wein aus der Pfalz vertreibt er über seine Manufaktur. © Oliver Gierens/dpa

Auch der Online-Handel mache nur einen Bruchteil des Umsatzes aus. „Da kommt man nicht gegen die großen Versandhändler an“, sagt Wacker. In Corona-Zeiten, als regionale Produkte plötzlich stärker nachgefragt waren, habe der Online-Versand rund 10 bis 15 Prozent des Umsatzes ausgemacht, dies sei jetzt aber wieder rückläufig.

Weniger Laufkundschaft wegen Inflation

Damit beschreibt Wacker ein Phänomen, das derzeit viele Hof- oder Regionalläden beobachten: Der Trend geht eher wieder in Richtung Supermarkt oder Discounter. Jetzt, in der Sommersaison, laufe das Geschäft gut. Viele Touristen nähmen gerne regionale Produkte als Souvenir mit nach Hause. Aber die Laufkundschaft sei deutlich geringer geworden. „Jetzt trifft die Leute die Inflation“, sagt der Gin-Brenner aus der Prignitz.

Mit Wasser versetzt
Nach dem Brennen hat der Gin noch einen viel zu hohen Alkoholgehalt. Deshalb wird er nach dem Brennen mit Wasser versetzt und muss in Fässern noch mehrere Wochen ruhen. © Oliver Gierens/dpa

Diesen Trend bestätigen auch andere Unternehmer in Brandenburg. Alf Kullmann betreibt eine Obstbrennerei in Reppinichen (Potsdam-Mittelmark). Die rückläufige Nachfrage sei „deutlich merkbar“, sagt er auf Nachfrage. Das Kaufverhalten der Kunden habe sich in den letzten Monaten komplett geändert. Seine Produkte verkaufe er vor allem regional, in einem Umkreis von rund 90 Kilometern über Hofläden oder Regionalregale in Supermärkten, ebenso in einem nahe gelegenen Erlebnishof.

Auch für Kullmann hat sich der Onlinehandel nach eigenen Angaben nicht rentiert. Er mache höchstens acht Prozent des Umsatzes aus und habe mittlerweile wieder den Stand vor Corona erreicht, so der Brennerei-Geschäftsführer.

Dass der Boom nicht von Dauer war, bestätigt auf Nachfrage auch der Verband „pro agro e.V.“ mit Sitz in Schönwalde-Glien (Havelland). Er versteht sich als Verband zur Förderung des ländlichen Raumes in der Region Brandenburg-Berlin. 14 Spirituosen-Brennereien sind dem Verband nach eigenen Angaben in Brandenburg bekannt, tatsächlich könnten es noch ein paar mehr sein.

In der Corona-Zeit hätten die Direktvermarkter auf Wochenmärkten oder in Hofläden tatsächlich ein Umsatzplus verzeichnet, sagt Verbandssprecher René Lehmann. Dieses habe jedoch die Verluste durch „wegbrechende Absatzkanäle“ in der Gastronomie häufig nicht ausgleichen können.

Zunehmende Belastungen durch Energie- und Transportkosten

Aktuell kämpften die Hofläden Lehmann zufolge mit ähnlichen Problemen wie andere Händler: So habe die jüngst erhobene Trendumfrage des Verbandes ergeben, dass über 90 Prozent der befragten Unternehmen über zunehmende Belastungen durch steigende Energie- und Transportkosten klagten. Fast 70 Prozent sehen sich durch Beschaffungsprobleme und mangelnde Zuverlässigkeit von Lieferketten beeinträchtigt.

Dies könnte sich künftig in steigenden Preisen niederschlagen: Rund die Hälfte der Unternehmen gibt „pro agro“ zufolge an, die Produktpreise an die Händler weitergeben zu können. Knapp 45 Prozent der Befragten sieht die Möglichkeit, steigende Kosten direkt auf die Kunden umzulegen. dpa

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