Tatort

Die Jugend von heute

Vor dem Schulabschluss, aber schon Trio infernale (v. l.): Robin, Nadine und Lennart.
+
Vor dem Schulabschluss, aber schon Trio infernale (v. l.): Robin, Nadine und Lennart.
  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
    schließen

Im jüngsten Köln-Tatort zeigt eine Schulklasse „Kein Mitleid, keine Gnade“.

Zuerst nur ein väterliches Kopfschütteln von Papa Schenk. Dann Strenge. Dann eine Ahnung, die bald zur Gewissheit wird, dass nämlich junge Leute eins nicht unbedingt sind: tolerant. Auch nicht unschuldig in mehr als einem Sinn. Oft sagen sie einfach „fick dich“, dies gern auch zur Polizei. Manchmal kennen sie „kein Mitleid, keine Gnade“: So der Titel des jüngsten Köln-Tatorts, in dem Max Ballauf und Freddy Schenk in die Schule gehen und lernen müssen, dass dort selbst über Tote schlecht geredet wird – und schlimmer. Man sollte nicht meinen, dass so langgediente Kommissare noch desillusioniert sein können, hier aber scheinen sie es bald zu sein.

Einen 17-Jährigen findet man erschlagen und nackt am Ufer eines Sees. Bald hat jemand über seine im Schulflur aufgehängte Fotografie, mitten über sein Gesicht einen Penis mit Flügeln gemalt: Der Junge war schwul. Die Klassenlehrerin ist geschockt. Die Mitschüler tun gar nicht erst so, als fänden sie das Graffito besonders schlimm. „Wär er keine Schwuchtel, dann wär er jetzt nicht tot“, sagt Robin, der Vorzeigesportler, ungerührt. 

Köln-Tatorte mit Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär machen den Eindruck einer gewissen Ermüdung

Seit einer Weile schon machten die Kölner Tatorte* mit Klaus J. Behrendt als Ballauf und Dietmar Bär als Schenk den Eindruck einer gewissen Ermüdung, sowohl was die Darsteller, als auch die jeweilige Handlung und Regie betrifft. Lief halt so. Endete stets mit einem Bierchen am Büdchen. Felix Herzogenrath, Regie, und Johannes Rotter, Buch, versuchen nun wenigstens, einen schärferen Ton, mehr Ecken und Kanten, auch nuanciertere Figuren hineinzubringen. Dies durchaus erfolgreich, allerdings auch um den Preis einer Volte, die man als sexistisch bezeichnen kann.

Denn Freddy Schenk gerät in echte Bedrängnis – Dietmar Bär zeigt seine Ratlosigkeit, Verwirrung, später auch leichte Verzweiflung und Wut –, weil eine Schülerin behauptet, er habe ihr an die Brust gefasst. Das, als sie nur für Sekunden allein hinter einem Hauseck standen (aber die Zuschauer sind dabei). Dass ein Polizist wegen einer solchen Beschuldigung im Internet beleidigt wird, ist noch plausibel. Das Netz ist mittlerweile Ort der Hysterien. Dass die Sache sogleich dienstrechtlich untersucht werden soll, kann man kaum glauben. Vor allem aber wird suggeriert: Abgebrühte Mädchen ziehen mittlerweile bei jeder Gelegenheit die Karte Belästigung, sie lügen, ohne mit den schönen langen Wimpern zu zucken.

Tatort aus Köln: Die Welt ist ziemlich schlecht

„Tatort: Kein Mitleid, keine Gnade“, ARD, Sonntag, 12.1.2020 20.15 Uhr.

Emma Drogunova ist die skrupellose Nadine, Tochter der Frau, die im Haus ihres Freundes Lennart, Moritz Jahn, putzt. Doch sieht man sie auch einmal, wie sie unter einen Anweisungszettel an ihre Mutter heimlich noch ein großes „Danke“ schreibt. Man hört, wie Robin (Justus Johanssen) indessen mit seinem Kumpel Lennart witzelt: „Wo is’n Nadine? Macht die dein Zimmer sauber?“

Die drei sind angeblich Freunde. Aber mal ist Robin das dritte Rad am Moped, mal Lennart, mal scheinen die beiden Jungs gegen Nadine zusammenzuhalten. Wie sich das verschiebt, wie bei allen die Angst durchblitzt, plötzlich ein Außenseiter zu sein, gemobbt zu werden von den Mitschülern, das wird in „Kein Mitleid, keine Gnade“ nicht zu aufdringlich gezeigt. Besonders Nadine möchte so sehr dazugehören, dass sie das Parfum von Lennarts Mutter benutzt, als Venus im Pelz in ihren Pelzmantel schlüpft. Der reiche Junge ist nicht amüsiert, sogar regelrecht abgetörnt.

Am Ende gibt es kein Büdchen, kein Bierchen. Eine nachträgliche kleine Geburtstagsfeier zwar, für Freddy Schenk – aber der will so schnell nicht von seiner Verbitterung lassen. Nicht alle Kollegen haben so zu ihm gestanden, wie er das für angemessen hielt. Und überhaupt ist die Welt ziemlich schlecht.

Von Sylvia Staude

TV-Kritik zum Tatort „Unklare Lage“: Ein beeindruckender München-Tatort über einen jungen Attentäter und eine Stadt im Ausnahmezustand. In dem TV-Krimi "Tage des letzten Schnees" (ZDF) dreht sich alles um den tragischen Unfalltod eines geliebten Familienmitgliedes. Die Romanverfilmung, die vor allem in Frankfurt spielt, überzeugt.

Schwarzwald-Tatort irrlichtert durch einen trostlosen Wald des Begehrens: „Ich hab im Traum geweinet“ erzählt zur Fasnet Geschichten des fatalen Begehrens.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks  

Das könnte Sie auch interessieren