TV-Kritik

Das Süße und das Scharfe im Franken-Tatort

Er ernst, sie eine Spur ironisch: Voss und Ringelhahn am 
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Er ernst, sie eine Spur ironisch: Voss und Ringelhahn am 
  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Ein elegischer, aber nicht klischeefreier Franken-Tatort in der ARD  über Liebe in der analogen und digitalen Welt. Die TV-Kritik.

Süß ist die Liebe, die sich analog entwickeln darf: Von Markttag zu Markttag, von Honigglaseinkauf zu Honigglaseinkauf, von Aug’ zu Aug’, von Lächeln zu Lächeln. Eine verlässliche Situation, eine geruhsame Annäherung, diesmal kommt man sogar ins Gespräch, und da dem Schauspieler Fabian Hinrichs als Felix Voss eine etwas förmliche, aber auch deshalb unwiderstehliche Figur auf den Leib geschrieben geworden ist, kann er nun extrem sympathisch ein für alle Mal von der kommerziellen zur privaten Phase der Beziehung überleiten: „Ich könnte durchaus vor Ihnen in den Staub sinken.“ Voss und die reizende Honigverkäuferin, Maja Beckmann, werden am Freitag ins Kino gehen. 

In der Zeit dazwischen gilt es aber noch einen Fall zu lösen, in dessen Zentrum eine vermurkelte Beziehung steht und eine Frau, die auf Datingportale gesetzt hat. Jetzt liegt sie tot in ihrer Wohnung, erstochen mit einem Sushimesser. Denn anders als bei der Nürnberger-Honigstand-Liebe ist in der Datingportal-Liebe alles äußerst scharf. Jedenfalls das Messer, die sexy Videoaufnahmen (die sich die gesamte Abteilung des Kommissariats anscheinend zu Recherchezwecken auf einem großen Bildschirm anschauen muss) sowie die Trennung von Privat- und Berufsleben. Weniger scharf sind dann die Schlüsse, die der neue Franken-Tatort daraus zieht, der sich nun lieber in elegischen Stimmungen und teils minimalistischer Musik verliert. 

„Tatort: Die Nacht gehört dir“ (ARD): Allgemeine Einsamkeit in der digitalen Welt

Oder findet, je nachdem, wie man es sieht: „Dir gehört die Nacht“ zeigt kein Interesse daran, sich soziologischen oder psychologischen Erklärungen zu widmen und ist atmosphärisch schon dadurch eine Abwechslung. Zugleich ist dann doch Klavier-und-Cello-umhüllt und mit vielen ernsten Gesichtern zu sehen, was oft zu sehen ist: Die hart arbeitende, offenbar hochanständige Geschäftsfrau, die nachts zur Männerverschleißerin wird, und ihre kühlen, beherrschten Kolleginnen und Kollegen; der sensible junge Musiker, Lukas B. Amberger, der Gefahr läuft, den Boden unter den Füßen zu verlieren, obwohl Maryam Zaree einen Cameoauftritt als herzliche Mutter eines Klavierschülers hat.

Das hat seine Reize, wirkt aber auch wie der Überrest einer Handlung, die einmal in eine etwas andere Richtung ging. Dazu kommt die allgemeine Einsamkeit in der digitalen Welt, die recht deutlich gegen die Honigverkäuferin und Felix Voss ausgespielt wird. Man sollte „Die Nacht gehört dir“ nicht für origineller halten, als es ist, nur weil man zu Recht die Honigverkäuferin beneidet. Und Felix Voss auch. 

„Tatort: Die Nacht gehört dir“ (ARD): Das Geständnis nach 26 Minuten verspricht zu viel

„Tatort: Die Nacht gehört dir“, ARD, Sonntag, 1.3., 20.15 Uhr.

Die Tote in ihrer schönen Wohnung: „Unbedingter Tötungswille“, heißt es früh, während Regisseur Max Färberböck, der mit Catharina Schuchmann das Drehbuch schrieb, mit vielen Schnitten und Andeutungen Verwirrung stiftet. Offenbar soll klar gemacht werden, dass es nicht ganz so einfach sein wird, wie es nun zunächst aussieht. 

Es ist dann auch nicht sehr kompliziert, aber eben anders. In der Firma, in der die Frau tätig war, will niemand etwas mitbekommen haben, aber einige schauen zu bedeutsam, als dass man das glauben könnte. Kollegin Hein (!) – man ahnt es schon, da sie von Anja Schneider gespielt wird – gerät dann in den Blick und legt in der 26. Minute deutlich zu früh ein Geständnis ab. Gerade dies verspricht dann eigentlich mehr, als einzulösen ist. 

Auch in dieser Hinsicht erscheint die analoge Liebe verlässlicher, sympathisierend begleitet von Dagmar Manzel als Ermittlerin Paula Ringelhahn, die vor lauter Hintergründigkeit bitte nicht zu sehr verschwinden sollte.

Von Judith von Sternburg

Und noch eine Kritik zum ersten Tatort im Jahr 2020. Dort bot der „Tatort: Das Team“ (ARD) Improvisation, Verwirrung, Psychospiel und Spaß.

Ebenfalls eine Kritik zu dem München-Tatort „One Way Ticket“ Und Im jüngsten Köln-Tatort zeigt eine Schulklasse „Kein Mitleid, keine Gnade

Der Odenthal-Tatort „Leonessa“ erzählt über vernachlässigte Kinder und hoffnungslos schlechte Eltern.

Der Berlin-Tatort „Das perfekte Verbrechen“ ist kompliziert und einfach zugleich, keine ideale Mischung.

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