Corona-Impfung beim Fach- und Hausarzt

Ohne Impf-Priorisierung: Wie entscheiden Ärzte, wer geimpft wird?

Corona-Impfstoff wird auf eine Spritze gezogen. (Symbolbild)
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Niedergelassene Ärzte entscheiden seit dieser Woche selbst, welche Patienten wann eine Corona-Impfung erhalten. (Symbolbild)
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Impfen ohne Priorisierung - seit dieser Woche entscheiden niedergelassene Ärzte selbst, welche Patienten wann eine Covid-19-Impfung erhalten. Nach welchen Kriterien?

In der Corona-Pandemie haben wir uns beinahe schon daran gewöhnt, dass sich alle paar Tage etwas ändert - ob es nun die Ausgangsbeschränkungen, Schulschließungen oder Maskenpflicht betrifft. Auch bei den Impfungen gegen Covid-19 lohnt es sich, auf dem Laufenden zu bleiben, denn die Impfberechtigungen werden ebenfalls regelmäßig angepasst. Nun dürfen niedergelassene Ärzte ohne vorgegebene Priorisierung impfen - unabhängig vom Impfstoff.

Bis heute (21. Mai) sind in Deutschland 43,5 Millionen Impfdosen gegen das Coronavirus verabreicht worden. Damit haben 39,3 Prozent der Deutschen bereits mindestens eine Impfdosis erhalten. Das geht aus dem Impfdashboard für Deutschland hervor. Und je mehr Menschen sich immunisieren lassen, desto mehr Personengruppen werden auch zu den Impfungen zugelassen.

Corona-Impfung in Baden-Württemberg - so priorisieren Haus- und Fachärzte

Vergangene Woche erklärte Bundesgesundheitsminister Spahn, niedergelassene Haus- und Fachärzte dürften nun beim Vektor-Impfstoff des Herstellers AstraZeneca selbst entscheiden, welche Patienten sie in welcher Reihenfolge impfen wollen - besonders deshalb, weil der Wirkstoff „Vaxzevria“ wegen seltener, aber schwerer Nebenwirkungen stark in die Kritik geraten war und reihenweise Termine mit dem Vakzin von AstraZeneca in den Impfzentren ausfielen.

Mittlerweile wird der britisch-schwedische Impfstoff anscheinend sehr gerne angenommen. Laut Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) gibt es keine Hinweise darauf, dass AstraZeneca-Impftermine besonders häufig abgesagt würden oder dass viele nicht zu ihren Terminen erschienen.

Seit Montag (17. Mai) haben niedergelassene Ärzte außerdem noch mehr Freiheiten, was die Impfung ihrer Patienten angeht. Der Bund hat die Priorisierung für Haus- und Fachärzte jetzt vollständig aufgelöst. Jeder Arzt kann demnach komplett frei entscheiden, welcher Patient wann welchen Impfstoff erhält. Nur in Impfzentren bleiben die Priorisierungen bestehen - demnach sind aktuell in Baden-Württemberg Menschen der Prioritätsgruppe 3 impfberechtigt.

Corona-Impfung beim Hausarzt in BaWü: Wer hat eine Chance auf Impfung?

Aber wie stehen die Chancen überhaupt, wenn man jetzt beim eigenen Haus- oder Facharzt einen Termin machen will? Wer wird aktuell bevorzugt geimpft? Dr. Mark Glasauer aus Heilbronn zum Beispiel ist Internist. Er impft aktuell immer noch Personen aus der ersten und zweiten Priorisierungs-Gruppe von über 70 und über 80 Jahren, die nicht ins Impfzentrum gehen wollten. Glasauer schreibt in einem offenen Brief an die Stadt Heilbronn, dass auf seiner Warteliste annähernd tausend Leute stehen - und für diese Woche erhielt er lediglich zwölf Impfdosen des Impfstoffes von BioNTech. Viel zu wenig, findet der Hausarzt.

Impfstoff-HerstellerImpfstoff-Art
BioNTechmRNA
ModernamRNA
AstraZenecaVektor
Johnson & JohnsonVektor
CureVacmRNA

Auch Dr. Bernd Salzer beklagt Impfstoffmangel. Er hat diese Woche sogar nur ein Fläschchen des BioNTech-Impfstoffes erhalten - das macht etwa sechs Impfungen. Auch der Heilbronner Hautarzt hat mittlerweile eine ellenlange Warteliste mit mehreren Hundert Impf-Anwärtern. In der Anfangszeit hätten laut Salzer die Telefone in der Praxis nicht mehr stillgestanden. Acht Leitungen waren dauerhaft belegt. Mittlerweile ist seine Warteliste so voll, dass er erst mal gar keine neuen Termine mehr vergibt. Nur noch an Stammpatienten oder Patienten, die gerade sowieso vor Ort in der Praxis behandelt werden.

Corona-Impfung beim Hausarzt in BaWü: Ist die Aufhebung der Priorisierung sinnvoll?

Dr. Salzer impft, genau wie Dr. Glasauer, aktuell immer noch Menschen, die laut Priorisierung an der Reihe wären - das liegt aber hauptsächlich daran, dass diese Personen noch von der Zeit vor der Aufhebung der offiziellen Impfreihenfolge auf seiner Warteliste stehen. Erst in zwei bis drei Wochen erwartet er eine Entspannung der Situation - und dann gibt es für den Hautarzt auch keine Selektion - wer laut Liste als Nächstes an der Reihe ist, der kommt auch mit der Impfung dran - egal ob Priorisierungsgruppe oder nicht.

Niedergelassene Ärzte entscheiden seit dieser Woche selbst, welche Patienten wann eine Corona-Impfung erhalten. Doch ist genügend Impfstoff vorhanden? (Symbolbild)

Generell hält Dr. Bernd Salzer die Aufhebung der Priorisierung für eine gute Sache. Er ist allerdings der Meinung, die Regierung hätte damit noch einige Wochen warten müssen - nämlich bis sich der Impfstoffmangel aufgelöst hat. Im Moment sei für den Ansturm der Impfwilligen schlicht nicht genügend Wirkstoff vorhanden. Das Haut- und Laserzentrum Heilbronn, wo Dr. Salzer praktiziert, erhielt in dieser Woche nicht mal die Hälfte der bestellten Impfdosen.

Corona-Impfung Heilbronn: Forderung an die Stadt - offene AstraZeneca-Impftermine anbieten

Andererseits berichten die niedergelassenen Ärzte im Gegensatz zum Gesundheitsministerium, dass sehr wohl Impfstoff des Herstellers AstraZeneca übrig bleibt. Dr. Glasauer ist in der vergangenen Woche auf seinen 20 Impfdosen AstraZeneca sitzen geblieben. Deshalb appelliert er an die Stadt, offene Impftermine in allen Stadtteilen anbieten zu dürfen. Er möchte gemeinsam mit anderen Hausärzten „Drive Thru“-Impf-Aktionen wie in Speyer* anbieten, über die mannheim24.de* kürzlich berichtete.

Bei solchen freien Impfterminen, die man einfach bequem im Auto wahrnehmen kann, können teils mehrere hundert Personen abgefertigt werden. Deshalb hält auch Hautarzt Dr. Bernd Salzer offene Impfaktionen grundsätzlich für sinnvoll. Auf Anfrage von echo24.de* erklärte er: „Jede Impfung, die durchgeführt wird, ist zu begrüßen“, allerdings sei eine solche Aktion ein riesiger logistischer Aufwand und sollte eigentlich besser von den Impfzentren durchgeführt werden. Denn die erhielten viel mehr Aufwandsentschädigung und könnten solche Aktionen besser koordinieren.

Corona-Impfung bei Heilbronner Ärzten: Wie viele niedergelassene Fachärzte impfen?

Generell beklagt Salzer, dass die Bürokratie und der Aufwand einer Corona-Impfung aktuell in Arztpraxen so hoch seien, dass eine Praxis mit den 20 Euro Entschädigung pro geimpfter Person kaum ihre Kosten decken kann. Wohl auch ein Grund, wieso gar nicht so viele niedergelassene Fachärzte an den Corona-Impfungen teilnehmen. Der Heilbronner Hautarzt Dr. Salzer schätzt, dass in etwa 40-50 Prozent an der Impfkampagne mitwirken - und einige steigen wohl aufgrund der schlechten Bezahlung bereits wieder aus und fahren ihr Impfangebot zurück.

Für Patienten, die sich also gegen das Coronavirus impfen lassen wollen, aber bisher zu keiner Priorisierungsgruppe gehören, gilt weiterhin: Geduld. Dr. Bernd Salzer rechnet damit, dass sich der Impfstoffmangel langsam auflöst und bereits in wenigen Wochen sehr viel mehr Impfstoff vorhanden sein dürfte. *echo24.de und *mannheim24.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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