Über 100 Lungenärzte kritisieren die Obergrenze

Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide: Jetzt spricht ein Lungenspezialist

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Wirklich so schädlich? Einige Lungenärzte bezweifeln das.

Der Chefarzt einer Lungenklinik erklärt, wie gefährlich die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide wirklich sind.

Es ist aktuell das Thema für Autofahrer: Fahrverbote für Dieselfahrzeuge und die geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide, die den Verboten zugrunde liegen. Nun zweifeln mehr als hundert Lungenärzte in einer öffentlichen Stellungnahme genau diese Grenzwerte an - und heizen die Diskussion um die Fahrverbote damit erneut an.

Die Kritik: Die Lungenspezialisten sehen keine wissenschaftliche Begründung, die die geltende Obergrenze rechtfertigen würde. Und: Viele Studien hätten erhebliche Schwächen, die Daten seien einseitig interpretiert worden. Doch was genau bedeutet das? Sind die Grenzwerte nun gefährlich für unsere Gesundheit - oder nicht?

Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide: Sind sie gefährlich für die Gesundheit?

Mehr als hundert Lungenspezialisten bezweifeln den gesundheitlichen Nutzen der aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide.

echo24.de* hat deshalb bei einem Lungen-Experten genauer nachgefragt: Dr. Dirk Dinjus ist Chefarzt der Medizinischen Klinik I für Pneumologie, Lungenheilkunde mit Beatmungsmedizin und Intensivmedizin der Lungenklinik Löwenstein. Er erklärt: "Es gibt einzelne, teils große Studien, die einen Überblick über mögliche schädliche Wirkungen geben, wenn man Werten oberhalb der aktuell geltenden 40 Mikrogramm pro Kubikmeter für Stickstoffdioxid ausgesetzt ist."

Diese Studien sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Denn: "Allerdings ist dabei zu beachten, dass in den Studien nicht eindeutig nachgewiesen werden kann, dass die Luftschadstoffe in einem direktem Zusammenhang mit gesundheitlichen Folgen stehen", sagt Dinjus. Ob Feinstaub- und Stickoxidwerte oberhalb der Grenzwerte also gefährlich für unsere Gesundheit sind, beantworten diese Studien nicht.

Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide: Studien berücksichtigen Lebensumstände nicht

Das ist einer der Gründe, warum so viele Lungenspezialisten die Grenzwerte anzweifeln. Dinjus: "Die Kollegen wissen, dass Studien oft nicht die Co-Faktoren wie Lebensumstände, Rauchgewohnheiten oder soziale Faktoren berücksichtigen. Arbeitsplatz bezogen sind beispielsweise viel höhere Werte erlaubt, ohne bleibende Schäden hervorzurufen. Ebenso inhalieren Raucher die hier als Grenzwerte angegebenen Werte kumulativ in zwei Wochen, was Menschen an umweltbedingter Belastung bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter über ein Leben ausgesetzt sind."

Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide: Woher kommen sie?

Die Grenzwerte bleiben bis auf Weiteres rechtlich bindend. 

Wenn sich der gesundheitliche Nutzen der geltenden Grenzwerte nicht eindeutig belegen lässt - warum gelten sie dann? Die EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid gehen auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurück. Die WHO-Experten hatten beobachtet, dass Schulkinder in Wohnungen mit Gasherden (die relativ viel Stickstoffdioxid in die Luft ablassen) öfter an Atemwegserkrankungen litten als in Haushalten, in denen etwa mit Elektroherden gekocht wurde.

Allerdings gab es keine genauen Messwerte - die exakte Konzentration konnte also nur geschätzt werden. Das ist Kritikern ein Dorn im Auge: Sie bemängeln, dass sich der daraus abgeleitete Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft damals auf geschlossene Räume bezog - und nun auch unter freiem Himmel gilt.

*echo24.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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