Fast jedes dritte Kind ist verhaltensauffällig

Mehr depressive Kinder - Kinderärzte fordern: Schulen und Kitas offen lassen

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Fast jedes dritte Kind leidet ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. Kinderärzte fordern: Lasst die Schulen und Kitas offen. 

Der Lockdown und die Corona-Pandemie gehen an den Kindern alles andere als spurlos vorbei – fast jedes dritte Kind zeigt Verhaltensauffälligkeiten oder Warnhinweise für Depressionen. In der Diskussion über strengere Corona-Regeln plädieren Kinder- und Jugendärzte eindringlich dafür, Schulen und Kindergärten so lange wie möglich offenzuhalten.

„Schulschließungen sollten wirklich die letzte Option sein“, sagte die Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Ingeborg Krägeloh-Mann, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Laut den Ergebnissen der COPSY-Studie, die vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführt und auf der Webseite des Informationsdienstes Wissenschaft (idw) veröffentlicht wurde, belastet die Corona-Pandemie vor allem die Kinder stark.

Was ist die COPSY-Studie?

In der COPSY-Studie werden die Auswirkungen und Folgen der Corona-Pandemie auf die seelische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersucht. Dafür wurden von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Januar 2021 mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis 17 Jahren sowie mehr als 1.600 Eltern mittels Online-Fragebögen befragt. Mehr als 80 Prozent der befragten Kinder und Eltern hatten bereits an einer ersten Befragung im Juni 2020 teilgenommen. Die elf- bis 17-Jährigen füllten ihre Fragebögen selbst aus. Für die sieben- bis 10-Jährigen antworteten die Eltern.

Kinderärzte fordern Schulen und Kitas offen lassen: Mehr depressive Kinder

In dem Artikel auf idw-online.de von Saskia Lemm heißt es: „Die Lebensqualität und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich in Deutschland im Verlauf der Corona-Pandemie weiter verschlechtert. Fast jedes dritte Kind leidet ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste haben noch einmal zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden sind verstärkt zu beobachten.“

Besonders stark betroffen sind laut der Studie vor allem Kinder und Jugendlichen aus sozial schwächeren Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund. Die Leiterin der COPSY-Studie, Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, fordert „verlässlichere Konzepte, um insbesondere Kinder aus Risikofamilien zu unterstützen und ihre seelische Gesundheit zu stärken.“ Und weiter: „Insgesamt müssen wir die seelischen Belastungen und Bedürfnisse von Familien und Kindern während der Pandemie und während eines Lockdowns stärker berücksichtigen.“

Die Ergebnisse der COPSY-Studie besagen, dass vier von fünf der befragten Kinder und Jugendlichen sich durch die Corona-Pandemie belastet fühlen. Sieben von zehn Kindern geben an, dass sich ihre Lebensqualität im Verlauf der Pandemie verschlechtert hat. Derzeit leidet fast jedes dritte Kind rund ein Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten – Ängste und Sorgen haben bei den Kindern im Vergleich zur ersten Befragung noch einmal deutlich zugenommen.

Kinderärzte fordern Schulen und Kitas offenzulassen – Auswirkungen auf Infektionsgeschehen unklar

Die Medizinprofessorin Ingeborg Krägeloh-Mann forderte nun, kleinere Kinder im Gegensatz zu Erwachsenen oder Jugendlichen anders zu bewerten. Sie seien wahrscheinlich noch weniger am Infektionsgeschehen beteiligt „und mehr auf Präsenzunterricht angewiesen“. Die aktuell stärker steigenden Zahlen bei den erfassten Corona-Fällen in dieser Altersgruppe gehen nach Meinung von Krägeloh-Mann auf eine Erhöhung der Testzahl zurück. Dadurch würden im Vergleich zu früher mehr Fälle aus der Dunkelziffer erfasst.

Immer mehr Kinder leiden vor allem psychisch unter der Corona-Pandemie – beinahe jedes dritte Kind zeigt Verhaltensauffälligkeiten. (Symbolbild)

Nach Erkenntnissen von DGKJ und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sowie weiteren Experten tragen Kinder und Jugendliche aktuell nicht mehr zum Infektionsgeschehen bei als andere Altersgruppen. „Bildungszugang und Teilhabe sind ein sehr hohes Gut und sollten in der Abwägung der Maßnahmen gegen die Pandemieausbreitung hohe Berücksichtigung finden“, schreiben die Verbände.

Generell müsse bei Schulschließungen der Nutzen mit den möglichen Schäden abgewogen werden, sagte Krägeloh-Mann. Momentan scheint es jede Schule in Baden-Württemberg unterschiedlich zu handhaben, was den Präsenzunterricht angeht. Je nach 7-Tage-Inzidenz stehen den Schulen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, Präsenz- oder Wechselunterricht sowie Homeschooling anzubieten. Bevorzugt soll dabei auf Schnelltests zurückgegriffen werden.

Woran erkenne ich eine Depression (bei meinem Kind?)

Depressionen können sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise äußern – wichtig ist vor allem, dem Kind oder der betroffenen Person Hilfe anzubieten sowie die Depression durch einen Arzt feststellen zu lassen und eine entsprechende Therapie zu machen. Psychische Krankheiten wie Depressionen sind durch die gesetzliche Krankenversicherung abgedeckt.

Auch wenn eine Depression sich bei jedem anders äußert, gibt es ein paar wesentliche Merkmale und Symptome, die auf eine depressive Erkrankung bei Kindern hinweisen können. Dazu zählen:

  • trauriger Gesichtausdruck/ verminderte Gestik und Mimik
  • erhöhte Reizbarkeit, vermehrtes Weinen
  • überanhänglich /Kind kann schlecht alleine sein
  • selbststimulierendes Verhalten: Schaukeln des Körpers, exzessives Daumenlutschen
    Teilnahmslosigkeit
  • Appetitlosigkeit, Ess- und Schlafstörungen
  • Stimmungsschwankungen, Ängstlichkeit, Reizbarkeit, aggressives Verhalten
  • mangelnde Fähigkeit, sich zu freuen
  • Teilnahmslosigkeit und Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, Konzentrationsmangel
  • Denkhemmungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisstörungen
  • unangemessene Schuldgefühle und unangebrachte Selbstkritik
  • psychomotorische Hemmung (z. B. langsame Bewegungen, in-sich-versunkene Haltung)
  • Vermindertes Selbstvertrauen, Selbstzweifel
  • Suizidgedanken

Mehr Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern: Wo bekomme ich Hilfe für mein Kind?

Wie kann Kindern, die Verhaltensauffälligkeiten oder Warnhinweise für Depressionen aufzeigen, geholfen werden? Der richtige Ansprechpartner ist in erster Linie der Kinderarzt oder bei älteren Kindern auch der Hausarzt. Dieser wird Euch und Euer Kind gegebenenfalls an einen Facharzt oder Therapeuten überweisen. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für alle Erwachsenen.

Die Corona-Pandemie ist eine sehr belastende Ausnahmesituation, die bereits zum Dauerzustand geworden ist. Solltet Ihr Symptome für eine Depression bei Euch, Eurem Kind oder einer anderen Person bemerken, zieht professionelle Hilfe hinzu. Es ist keine Schwäche, sich Hilfe zu holen – niemand muss diese Pandemie alleine durchstehen.

Kostenlose Unterstützung gibt es zudem bei der Telefonseelsorge per Telefon unter den Nummern: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder der 116 123 sowie per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de. Jugendliche unter 19 Jahren können sich außerdem an die JugendNotmail wenden. Bei medizinischen Notfällen sollte immer die 112 gewählt werden.

Rubriklistenbild: © Gao Jing/dpa

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