Belohnung für rücksichtsvolles Autofahren

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Wer umsichtig fährt, kann bei seiner Autoversicherung bis zu 40 Prozent sparen – „Pay As You Drive“ heißt das Zauberwort. Besonders Frauen und Fahranfänger profitieren davon.

Eine App oder Telematik-Box misst dabei die Fahrweise. Doch der Tarif eignet sich nicht für alle Autofahrer.

Markus Bremer (Name geändert) ist begeistert. Vor einigen Wochen ist er auf die spezielle Autoversicherung „Pay As You Drive“ (PAYD) umgestiegen, bei der die Prämienhöhe für den Wagen aus der Art und Weise der Fahrzeugnutzung errechnet wird. „Bis jetzt bin ich in allen vier Kategorien Bremsen, Beschleunigen, Geschwindigkeit und Lenkverhalten im grünen Bereich und habe einen Score von 100 Prozent“, schwärmt er. Dabei habe er sein Fahrverhalten nicht bewusst verändert. „Wenn das zu einem 30 Prozent-Bonus und nebenbei zu noch bewussterem Fahren führt, ist es das allemal wert.“

Tatsächlich hat PAYD einen großen Vorteil: Der Versicherer kann das Risiko besser einschätzen und der Kunde dadurch Geld sparen. Eine kleine Box oder eine Handy-App zeichnen den individuellen Fahrstil auf – je rücksichtsvoller dieser ist, desto günstiger wird die Jahresrechnung des Autoversicherers. Hinzu kommen die üblichen Merkmale wie Alter, Beruf, Jahreskilometer oder Schadenfreiheitsklasse.Am meisten profitieren Anfänger vom Telematik-Tarif der Autoversicherer. Da sie im Schnitt mehr Unfälle bauen, zahlen sie zu Beginn deutlich mehr als Ältere. Jetzt können junge Menschen nachweisen, dass die zu den vorsichtigen Fahrern gehören.

Für Frauen ist PAYD ebenfalls von Vorteil. Auch wenn es viele Männer nicht wahrhaben wollen: Weibliche Fahrer verursachen statistisch gesehen weniger und vor allem weniger schwere Unfälle. Doch aus Diskriminierungsgründen dürfen Versicherer in der Europäischen Union keine nach Geschlechtern getrennte Preise verlangen. Das hat der Europäische Gerichtshof im März 2011 entschieden. Durch die Telematik-Tarife können Frauen jetzt wieder von ihrer vorsichtigeren Fahrweise profitieren. „Drive like a girl“ heißt der Tarif bei einer englischen Autoversicherung – der aber auch Männer aufnimmt.

Laut Stiftung Warentest gehen die Preise für Telematik-Tarife weit auseinander. Mit einigen kann der Modellkunde, ein 19-jähriger Golf-Fahrer, aber bis zu 300 Euro pro Jahren sparen. Im günstigsten Telematik-Tarif zahlt er bei optimaler Fahrweise bei Sijox nur 720 Euro jährlich. Zum Vergleich: Der günstigste Tarif ohne Telematik-Option liegt laut Stiftung Warentest bei 1057 Euro bei der Europa Versicherung. Einige Autoversicherer werben sogar mit einer Ersparnis von bis zu 40 Prozent. Für Vielfahrer lohnen sich aber Telematik-Tarife häufig nicht. „Verbraucher sollten sich daher genau überlegen, wie sie ihr Auto nutzen", erklärt Kathrin Gotthold, Redakteurin für Versicherungen bei Finanztip.

Wie die Fahrweise genau gemessen wird, ist von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich. In jedem Fall fließen Beschleunigungs-, Brems- und Lenkverhalten in die Messung ein. Dabei wird zum Beispiel auch gemessen, wie hart der Fahrer eine Kurve durchfährt. Hinzu kommen Tageszeit, Straßentyp, Uhrzeit und Geschwindigkeit. Auf Autobahnen sinkt der Score ab einer Geschwindigkeit von über 130 Stundenkilometern. Auch die Bevölkerungsdichte spielt eine Rolle, weil in Städten das Unfallrisiko größer ist.

Die Daten werden entweder von einer Black-Box im Auto oder von einer App im Smartphone überwacht. Und genau da liegen auch die Nachteile der Telematik-Tarife. Denn wer Geld sparen will, zahlt das mit seinen Daten. Jede Fahrt wird an den Versicherer übermittelt. Die Unternehmen beteuern zwar, keinen direkten Zugriff auf die Daten und die persönlichen Informationen zu haben. Aber Kritiker betonen, dass einmal erhobene Daten immer der Gefahr des Missbrauchs ausgesetzt sind. Außerdem sei die Gewöhnung an eine permanente Überwachung nicht förderlich für ein freiheitlich-selbstbewusstes Bürgerbewusstsein.

Bei Verbraucherschutzverbänden stoßen die Kriterien zur Ermittlung des Scores auf Kritik. Beispielsweise führen Fahrten im Berufsverkehr bei etlichen Versicherern zu einem Punkteabzug. Auch die Benachteiligung verschiedener Menschengruppen wird problematisch gesehen. Beispielsweise erhalten Schichtarbeiter Punktabzüge wegen der Nachtfahrten. Laut einigen Nutzern ist auch der Score nicht immer richtig – trotz korrektem Fahrstils. In Notsituationen muss nun mal scharf gebremst werden. Nicht zuletzt werden die Kosten für die Telematik-Box oder anderes Mess-Zubehör bei vielen Anbietern auf die Versicherten umgelegt.

Andererseits hat PAYD nicht nur finanzielle Vorteile: Fahrer können durch die Auswertung ihr Fahrverhalten erkennen und kontrollieren. Durch die eine höhere Motivation zu einer regelkonformem Fahrweise sinkt die Unfallgefahr – davon profitieren alle Verkehrsteilnehmer. Statistiken gehen von einem um 30 Prozent reduzierten Unfallrisiko aus. Wenn es doch zu einem Crash kommt, registriert das die Telematik-Box und kann automatisch den Notruf verständigen. Und sollte der Wagen gestohlen werden, kann er durch die Telematik-Box geortet werden.

Wer seine Autoversicherung wechseln möchte, kann dies jedes Jahr bis spätestens zum 30. November mit einem formlosen Schreiben machen. Darin enthalten sein sollte Name, Adresse, Kennzeichen und Vertragsnummer. Die Kündigung wirkt dann ab 1. Januar des nächsten Jahres. Natürlich bleiben Vertrag und Versicherungsschutz bis zum 31. Dezember erhalten. Wenn Versicherer die Beiträge erhöhen, haben Kunden immer das Recht auf eine außerordentliche Kündigung. Aber Vorsicht: Viele verschicken die Jahresrechnung erst im Dezember. Dann ist es für eine Kündigung im selben Jahr schon zu spät.

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