Bislang wenige Straftaten erfasst

Friedliches Heilbronner Weindorf? Der Schein trügt

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Polizei und Security sprechen von einem entspannten Fest. Dann macht es plötzlich "bumm" - und die Situation eskaliert.

Klirr! Wieder fällt eine Weinflasche vom Tisch und zerschellt auf dem Boden. Und nur wenige Sekunden später taumelt jemand gegen ein Glas, das herrenlos auf dem Asphalt steht. Auch diesmal bleiben nur Scherben übrig. Dazu: Singen, Rufen und natürlich lautes Grölen.

Klar: Auf dem Heilbronner Weindorf fließt der Alkohol bei Zigtausenden Besuchern täglich in Strömen. Dass da die Hemmungen fallen und - meist unabsichtlich - so manches Missgeschick passiert und das Gespräch oft ein paar Dezibel zu laut angesetzt ist, verwundert nicht. Das ist eigentlich auch nicht weiter schlimm und nicht anders zu erwarten. Zumindest, solange nicht mehr passiert.

Als gestern Abend gegen 23 Uhr die Stände auf dem Heilbronner Weindorf schließen, geht für viele die Party aber erst richtig los. In den Seitenstraßen der Innenstadt stehen viele Gruppen zusammen. Klar geht es lärmend und auch mal rau zu. Das kann man mögen - oder auch nicht. Aber von Bedrohung und Aggression ist wenig zu spüren. So scheint es zumindest.

Auffällig beim Weindorf dieses Jahr: Die Polizei und privaten Security-Kräfte zeigen spürbar Präsenz und laufen Streife. Die Attentate von Nizza und auf dem Berliner Weihnachtsmarkt sind natürlich im Hinterkopf, auch wenn es offenbar keine direkte Bedrohung gibt. An den Weindorf-Eingängen versperren dicke Betonklötze die Zufahrt für Fahrzeuge jeder Art.

"Ich fühle mich auf dem Heilbronner Weindorf sicher", sagt Daniele Stanojevic. Die Absperrungen und Kontrollgänge findet der Heilbronner gut. Aber: "Offensichtlicher sollten die Sicherheitsmaßnahmen nicht sein, denn das schürt nur die Angst der Besucher. Und dass Heilbronn ein primäres Terrorziel ist, kann ich mir nicht vorstellen."

Stanojevics 23-jähriger Kumpel aus Heilbronn-Sontheim sieht das ähnlich: "Bedroht fühle ich mich nicht auf dem Weindorf. Und dass hier und da mal was zu Bruch geht, ist halt so. Das ist wohl mehr Schusseligkeit als böse Absicht."

Von besonderen Vorkommnissen auf dem diesjährigen Weindorf weiß Security-Mitarbeiterin Sanja Stojanovic nichts: "Wie jedes Jahr geht es hier recht ruhig zu. Die Leute sind locker und entspannt."

Auch die Heilbronner Polizei spricht von einer friedlichen Veranstaltung, bei der, im Verhältnis zur Besucherzahl, wenig passiert. Rainer Köller von der Pressestelle erklärt: "Wirklich außergewöhnliche Vorkommnisse sind uns nicht bekannt. Es gab zwei Diebstähle, eine Körperverletzung und Verunreinigungen durch Erbrochenes."

Nach dieser Bestandsaufnahme mische ich mich heute, kurz nach Mitternacht, beruhigt zu lockeren Gesprächen ins Getümmel. Als ich mich gerade nahe des Hafenmarktturms mit einer Freundin unterhalte, sehe ich gerade noch aus dem Augenwinkel etwas fliegen. Und dann knallt's: bumm!

Irgendein ... hat der direkt neben mir stehenden jungen Frau mit voller Wucht einen Fußball gegen den Kopf geworfen. Ob mit Absicht oder unabsichtlich, platziert oder einfach in die Menge? Keine Ahnung! Sicher ist aber: eine absolut feige und unberechtigte Aktion!

Nach dem Wurf herrschen sofort Aufruhr und Solidarität: Wer war das? Warum? Aufgeregt machen sich mehrere Leute auf den Weg, um den Übeltäter zu stellen. Aber ohne Erfolg.

Auch wenn, außer leichten Kopfschmerzen und dem Schreck, bei der Geschädigten nichts wirklich Schlimmes passiert ist: Mir ist nach der hinterhältigen Aktion die Lust auf das Fest erstmal vergangen. Denn klar ist: Auch wenn vordergründig alles im Lot scheint, kann die Situation binnen Sekundenbruchteilen bedrohlich werden. Erst recht zu später Stunde und wenn Alkohol im Spiel ist. Und das kann weder die souveräne Security noch die aufmerksame Polizei zu 100 Prozent verhindern.

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